F1 Istanbul 2020: Fragen & Antworten zum Qualifying

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 10 Min.

Lance Stroll hat sich beim Grand Prix der Türkei in Istanbul die erste Pole-Position seiner Formel-1-Karriere gesichert. In einem aufgrund extrem rutschiger Bedingungen unvorhersehbaren und bis zur letzten Minute spannenden Qualifying fuhr der Racing-Point-Pilot eine Bestzeit von 1:47.765 Minuten und verwies Max Verstappen (Red Bull) und seinen Teamkollegen Sergio Perez auf die Plätze.

Zum kompletten Qualifying-Ergebnis!

Das favorisierte Mercedes-Team musste hingegen eine schwere Niederlage einstecken. Lewis Hamilton sicherte sich den sechsten, Valtteri Bottas den neunten Platz.

Erfreulich: Das Schweizer Sauber-Team (Alfa Romeo), das in Istanbul seinen 500. Grand Prix bestreitet, brachte erstmals in dieser Saison beide Autos in die Top 10.

Sebastian Vettel stellte immerhin im teaminternen Stallduell gegen Charles Leclerc auf 3:11. Die Gunst der Stunde nutzen konnte er aber nicht. Der Polesetter von 2011, dem bisher letzten Türkei-Grand-Prix, landete auf P12.

Warum ist Mercedes so weit hinten?

Hamilton fehlten fast fünf Sekunden auf die Pole-Position. Nach der Session wurde er von einer TV-Reporterin interviewt, die meinte, sie findet das Mercedes-Ergebnis überraschend. Hamiltons Antwort: "Was ist eine Überraschung? Hast du das Wochenende nicht gesehen? Einfach kein Grip. Wir haben unser Bestes gegeben, aber schneller konnten wir nicht."

Der angehende Weltmeister (wenn er im Rennen maximal sieben Punkte auf Bottas einbüßt, steht sein siebter Titel fest) trainierte bei schwierigen Bedingungen weniger als viele andere Piloten. Ob das die Ursache für das schlechte Ergebnis war, ist aber unklar. Tatsache ist: Als es drauf ankam, waren andere schneller.

"Ich glaube, dass alle Schwierigkeiten mit diesen Bedingungen haben. Aber einige bekommen es besser hin als andere", analysiert der 35-Jährige. Bottas nickt: "Hitze in die Reifen zu bekommen, das war bisher an diesem Wochenende die große Wissenschaft. Andere Teams bekommen das besser hin."

Das, was den Mercedes normalerweise stark macht, wurde ihm in Istanbul zum Verhängnis: "Wir waren immer recht gut darin, die Temperaturen tief zu halten. Besonders auf den Hinterreifen", sagt Teamchef Toto Wolff. Bei Bedingungen wie im Qualifying wäre aber ein Auto besser gewesen, das die Reifen ordentlich rannimmt und rasch auf Temperatur bringt.

Wie viel Glück hatte Hamilton in Q1?

Ziemlich großes. Nach der zweiten roten Flagge wurde die Strecke am Ende von Q1 für genau 3:30 Minuten freigegeben. Jeder Fahrer hatte also eine Runde. Verstappen verbesserte sich um mehr als zehn Sekunden auf 1:57.485 Minuten und stellte damit die Bestzeit auf, zwei Sekunden vor seinem Teamkollegen.

Hamilton hingegen schaffte keine Zeitenverbesserung. Er rutschte in Kurve 1 neben die Strecke, weshalb ihm seine Zeit von 2:10.015 Minuten gestrichen wurde. Zum Glück war das nicht seine schnellste Runde. Die hatte er davor schon gedreht. Letztendlich reichten ihm 0,408 Sekunden Vorsprung auf Kevin Magnussen (16./Haas), um als 14. eine Runde weiterzukommen.

Hätte Verstappen auf Pole fahren können?

Absolut! In Q3 sah es zunächst danach aus, als würde er den Rest der Welt regelrecht deklassieren. Bis auf Perez und Esteban Ocon (Renault) waren da alle auf Full-Wets. Nach der ersten Runde hatte Verstappen vier Sekunden Vorsprung auf seine ersten Verfolger. Das waren Bottas und sein Teamkollege Alexander Albon.

Doch je länger die Session dauerte, desto besser ging die Racing-Point-Taktik auf, mit den Intermediates einfach durchzufahren. Perez baute von Runde zu Runde mehr Temperatur auf und fuhr der Pole entgegen. Seine letzte Runde musste er aber abbrechen, und damit schien der Weg frei für Verstappen.

Der lag nach 17 von 20 Minisektoren noch vor jener Stroll-Zeit, die Pole-Position bedeutete. Doch der Kardinalfehler war, dass Red Bull nach der Hälfte von Q3 vom Full-Wet auf den Intermediate umsteckte. "Ich war nicht davon überzeugt, auf Inters zu wechseln", schmollt Verstappen. "Als ich wieder aus der Box rausfuhr, wusste ich, dass das nichts wird." Am Boxenfunk klang das so: "Dieser Reifen ist absolut nutzlos!"

Helmut Marko glaubt eher, dass es am Timing lag: "Hinter Räikkönen ist er nicht vorbeigekommen, dadurch sind die Reifen nicht auf die richtige Temperatur gekommen." Aber Verstappen winkt ab: "Das war sicher nicht ideal, aber nicht ausschlaggebend. Ich hatte einfach keinen Grip mehr. Vor allem dort, wo stehendes Wasser war, war es schlimm. In den schnellen Kurven ging es ganz gut."

Warum hat Perez seine letzte Runde vorzeitig abgebrochen?

Perez lag nach seiner vorletzten Q3-Runde in Führung. Es roch stark danach, dass ihm die Pole keiner mehr wegnehmen kann. Aber während Stroll und Verstappen noch zulegen konnten, steuerte er in der letzten Runde die Box an. Warum?

"Meine letzte Runde war sehr gut, ein sehr starker erster Sektor", sagt er. "Aber dann lief ich auf Giovinazzi auf, und das war's. Ich habe versucht, ihn zu überholen, aber dabei verlor ich in Kurve 6 das Heck."

Weil Verstappen in den letzten drei Minisektoren seine Zwischenbestzeit wegwarf, war damit der Weg frei für Stroll: "Ich habe meine Runde gut zusammenbekommen, ohne echte Fehler", strahlt er. "Und jetzt sitze ich hier, auf Pole-Position! Die letzten paar Monate waren ziemlich hart, besonders seit dem Unfall in Mugello. Ein paar Zwischenfälle, COVID - jetzt mit der Pole zurückzuschlagen, ist für mich etwas ganz Besonderes."

Für Stroll ist es die erste Pole seiner Karriere. 2017 stand er in Monza, damals noch auf Williams, schon mal in der ersten Reihe. Ebenfalls nach einem Regen-Qualifying. 2020 hatte er in Budapest bereits P3 im Qualifying belegt. Im Qualifying-Stallduell ist er gegen Perez aber weiterhin mit 3:8 im Hintertreffen.

Gibt es noch offene Untersuchungen?

Die gab es, haben sich aber inzwischen geklärt. Polesetter Stroll wurde untersucht, weil er angeblich unter Gelb nicht vom Gas gegangen war. Die Rennkommissare haben aber auf "no further Action" entschieden. Strolls Sektorzeit zeigte ursprünglich eine Verbesserung an. Die Auswertung der Telemetriedaten ergab aber, dass er vom Gas ging und erst wieder beschleunigte, als er die Gefahrenstelle hinter sich hatte.

Geklärt ist auch die Situation zwischen Carlos Sainz (McLaren) und Perez in Q1, in der Perez aufgehalten wurde. Obwohl Sainz' Blockieren für den Ausgang keinen Unterschied machte, wurde er mit einer Rückversetzung um drei Positionen in der Startaufstellung bestraft.

War für Vettel nicht mehr drin?

Schwer zu sagen. Positiv: Im Vergleich zu anderen Wochenenden wirkte er diesmal über weite Strecken wie ein ebenbürtiger Gegner für seinen Teamkollegen Leclerc. Unterm Strich war er in Q2 sogar um eineinhalb Sekunden schneller als der Monegasse.

Zufrieden war Vettel trotzdem nicht. Als er über die Ziellinie fuhr, funkte er seinem Renningenieur eine erste Kurzanalyse durch. Die lautete: "Ich habe die Reifen nicht auf Temperatur bekommen. Es wurde während des Runs weder besser noch schlechter. Die Reifen wurden schneller schneller als wir." Außerdem beklagte er sich über "Front-Chattering".

Später im TV klang das dann so: "Im Regen tun wir uns schwer, auch schon in Österreich. Ich dachte, dass wir hier besser dastehen sollten, unabhängig davon, dass es rutschig ist - einfach nur, was die Temperatur im Reifen angeht. Das war unser Schwachpunkt zum Anfang der Saison. Wir hatten ein paar Updates, dass die Felgen wärmer sind und damit auch die Reifen. Aber es scheint, dass wir hier noch Nachholbedarf haben."

Freigabe in Q2 trotz Menschen auf der Strecke: Gefährlich?

Die Situation hat bei manchen für Irritationen gesorgt, obwohl die Streckenposten, die mit der Bergung des Latifi-Williams beschäftigt waren, bereits verschwunden waren, als das erste Formel-1-Auto dort vorbeifuhr.

Der ehemalige Formel-1-Pilot Marcus Ericsson übte auf Twitter trotzdem Kritik: "Wie um alles auf der Welt kannst du eine Session starten, wenn noch ein Sicherheitsfahrzeug auf der Strecke ist? Haben wir aus der Vergangenheit nichts gelernt? Ich kann's nicht glauben."

Magnussen übte ebenfalls Kritik an der Rennleitung. Am Ende von Q1 war er der einzige Fahrer, der wegen dem Doppel-Gelb vom Gas ging. "Ich bin echt angepisst", wütet der Haas-Pilot. Er wurde 16., hätte aber eigenen Angaben nach locker das Zeug für Q2 gehabt.

Wie ist die Wetterprognose für das Rennen?

Für den Grand Prix am Sonntag werden ähnliche Bedingungen wie am Samstag erwartet: Die Temperaturen steigen nicht über 15 Grad, der Himmel über der Strecke bei Istanbul sollte überwiegend bedeckt werden. Zur Rennzeit besteht eine ständige Chance auf leichte Regenschauer, bei Winden bis zwölf km/h aus nördlicher Richtung. Weitere Informationen in unserem Wetter-Update!

Warum wurde Q1 gleich zweimal unterbrochen?

Wegen der zu Beginn noch extrem schlechten Wetterverhältnisse. Der Regen ließ im Laufe des Nachmittags nach. Zunächst probierte Rennleiter Michael Masi, das Qualifying wie geplant durchzuführen. Aber 6:56 Minuten vor Ende von Q1 musste er unterbrechen. Am Boxenfunk hatten immer mehr Fahrer die Eiskunstlauf-Darbietung als "unfahrbar" bezeichnet und eine Unterbrechung eingefordert.

Von 15:11 bis 15:55 Uhr Ortszeit war erstmal unterbrochen. 3:30 Minuten vor Schluss - nicht ein einziger Fahrer hatte eine neue Zeit setzen können - war schon wieder Schicht im Schacht. Romain Grosjean (Haas) hatte sich von der Strecke gedreht und saß im Kiesbett fest. Danach hatte jeder nur noch eine schnelle Runde. Von da an konnte das Qualifying unterbrechungsfrei durchgeführt werden.

Warum war der Asphalt so rutschig?

In Istanbul wurden seit dem letzten Grand Prix im Jahr 2011 nur noch sporadisch Rennen gefahren. Dementsprechend schlecht war der Zustand der Fahrbahn. Als klar war, dass die Formel 1 in der Coronasaison 2020 kommen würde, wurde also neu asphaltiert. Und das ziemlich knapp vor dem Rennwochenende.

Im Nachhinein ein fataler Fehler. Denn die Mischung aus dem hauchdünnen Bitumenfilm, den neuer Asphalt nun mal mit sich bringt, den herbstlichen Temperaturen, den härtesten Pirelli-Reifen (C1 bis C3) und dann auch noch Regen ließ nicht nur die Freien Trainings, sondern auch das Qualifying zu einer Rutschpartie verkommen.

Die kuriose Aktion des Streckenbetreibers, in der Nacht auf Samstag drei Stunden lang mehrere PKWs fahren zu lassen, um die Fahrbahn zu säubern und den Grip zu verbessern, verpuffte wirkungslos. Hamilton hatte über das Gripniveau bereits am Freitag gelästert: "Scheiße - und zwar Scheiße mit einem großen S!"

Warum waren keine Zuschauer zugelassen?

Eigentlich hatte die Regierung rund um Präsident Recep Erdogan angekündigt, bis zu 100.000 Zuschauer einzulassen. Wegen der jüngsten Eskalation der Coronavirus-Pandemie war daran aber nicht zu denken. Also muss der Grand Prix der Türkei ohne Zuschauer ausgetragen werden. Stattdessen wurde zum Beispiel die Haupttribüne mit überdimensionalen Formel-1-Planen abgedeckt.

Wie ist das Rennen 2011 ausgegangen?

Vettel sicherte sich damals in 1:25.059 Minuten auf Red Bull die Pole-Position, vor seinem Teamkollegen Mark Webber und Nico Rosberg auf Mercedes. Auch das Rennen gewann Vettel, vor Webber und dem damaligen Ferrari-Piloten Fernando Alonso. 2020 sind nur noch drei Fahrer von damals am Start. Neben Vettel auch Hamilton und Sergio Perez.

Wann findet das Rennen beim Türkei-Grand-Prix statt?

Startzeit am Sonntag ist 13:10 Uhr lokal in Istanbul, also bereits 11:10 Uhr nach deutscher Zeit. Motorsport-Total.com und Formel1.de berichten wie gewohnt im Live-Ticker, und zwar ab 10:45 Uhr. Dazu gibt's auch den Ganztages-Ticker "Paddock live" auf den Plattformen. Dort gibt's Live-Infos direkt vom Motorsport-Network-Team an der Rennstrecke von 9:00 Uhr morgens bis etwa 19:00 Uhr am Abend. Mehr Formel 1 geht nicht!

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.