Für wen sich die Riester-Rente lohnt

Die staatlich geförderte Riester-Rente wird viel kritisiert – und das zu Recht. Doch es gibt immer noch Menschen, für die sich das Vorsorgeprodukt lohnt.

„Riester-Rente wird noch attraktiver“, frohlockte das Bundesfinanzministerium Anfang 2018. Der Grund: Statt 154 Euro pro Jahr bekommen Sparer seit Januar bis zu 175 Euro vom Staat. Trotzdem reißen die Stimmen nicht ab, die Riester für überflüssig, ja gar zum Verlustgeschäft erklären. Verbraucher sind dementsprechend verunsichert – und das zurecht, denn es gibt keine pauschale Antwort auf Sinn oder Unsinn der Riester-Rente, wie Ralf Scherfling erklärt, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale NRW: „Ob sich Riester lohnt oder nicht, ist immer eine Frage des Einzelfalls.“

Generell gibt es zwei Strategien, die Sparen mit Riester profitabel machen können. Die eine konzentriert sich auf die Zulagen, die andere auf die Steuervorteile. Auch wenn Verallgemeinerungen schwierig sind, eine Faustregel gibt es: Die Zulagen-Strategie lohnt sich vor allem für Geringverdiener und Familien mit Kindern, während die Steuervorteile vor allem bei gutverdienenden Singles greifen.

Die Zulagen-Strategie: Möglichst viel Geld vom Staat

Bei der Zulagen-Strategie geht es darum, mit möglichst wenig Eigeneinsatz möglichst viel Geld vom Staat zu bekommen. Der Riester-Sparer selbst erhält eben die 175 Euro Pauschale plus 300 Euro pro ab 2008 geborenem Kind. Für vor 2008 geborene Kinder gibt es 185 Euro. Je mehr Kinder ein Sparer also hat, desto mehr Geld bekommt er vom Staat.


Rechnung: Ein alleinerziehender Vater mit einem kleinen Kind etwa bekommt 475 Euro an Zulagen im Jahr. Nehmen wir an, dass er 15.000 zu versteuerndes Einkommen im Jahr verdient. Zahlt er nun das vorgeschriebene Minimum von vier Prozent seines Einkommens in den Riestervertrag ein, sind das 600 Euro. Da 475 Euro vom Staat über Zulagen gezahlt werden, muss er selbst nur 125 Euro im Jahr aufbringen beziehungsweise 10,42 Euro im Monat. Hätte der Vater zwei oder mehr Kinder, würde sogar nur der Sockelbetrag von 60 Euro im Jahr beziehungsweise fünf Euro im Monat fällig.

Die Steuer-Strategie: Steuererstattung dank Sonderausgabenabzug

Die Steuer-Strategie wiederum zielt auf den sogenannten Sonderausgabenabzug ab, mit dessen Hilfe man Riester-Sparaufwände bis zu 2100 Euro von der Steuer absetzen kann. Da die Zulagen mit den Steuervorteilen verrechnet werden, lohnt sich diese Strategie vor allem, wenn man möglichst wenig Zulagen bekommt – also Single ist und keine Kinder hat.

Rechnung: Eine Single-Frau verdient ein zu versteuerndes Einkommen von 52.500 Euro. Da der Staat Riester-Sparverträge maximal bis zu 2100 Euro im Jahr unterstützt (und von der Steuer absetzen lässt), spart sie genau 2100 Euro im Jahr. Diese Summe kann sie von der Steuer absetzen, allerdings abzüglich der Zulagen. Aus dem zu versteuernden Jahreseinkommen werden 50.400 Euro, was im Vergleich zum Ursprungseinkommen zu einer Steuerersparnis von knapp 897 Euro führt. Selbst wenn hiervon noch die empfangene Riester-Zulage von 175 Euro abgezogen wird, bleibt immer noch eine jährliche Steuerersparnis von 722 Euro übrig.

Tatsächlich fallen jedoch nur die wenigsten so eindeutig in eine Gruppe. Alle, die sich irgendwo zwischen reichem Single und armem Alleinerziehenden bewegen, müssen „mit spitzen Bleistift rechnen“, ob sich Riester lohnt, wie Scherfling sagt. Das gilt insbesondere für Familien, bei denen die verschiedensten Riester-Kombinationen denkbar sind. Die meisten Riester-Sparer dürften aber eher von der Zulagen- als von der Steuer-Strategie profitieren.


Die Kehrseite: Steuern im Alter und geringe Beträge

Doch die Strategien allein geben noch keine Antwort auf die Frage nach Sinn oder Unsinn der Riester-Rente. Nehmen wir etwa die Zulagen. Für viele klingen die wie ein bedingungsloses Geldgeschenk. Auch Berater werben gerne mit der hohen Förderquote durch den Staat. Verbraucherschützer Scherfling macht jedoch klar: „Staatliche Förderung ist kein Geschenk, sondern nur eine Entlastung in der Ansparungsphase.“ Ist die vorbei und die Auszahlungsphase beginnt, dann schlägt der Staat ordentlich zu, nämlich in Form von Steuern.

Wer eine Riester-Rente bezieht, muss diese zu 100 Prozent versteuern. Den Steuervorteilen in der Sparphase steht also eine Steuerbelastung in der Auszahlungsphase gegenüber. Die Steuerlast ist zwar in der Regel geringer als während des Erwerbslebens, weil die Einkünfte geringer sind. Aber die kann die persönliche Kalkulation, ob Riester sinnvoll ist, ins Gegenteil verkehren. Geht man etwa von einem Grenzsteuersatz von 30 Prozent aus, so bleiben von einer 400-Euro-Riester-Rente netto nur noch 280 Euro übrig.

Vergleichsweise gut haben es hier wieder die Geringverdiener – freilich auf einem sehr niedrigen Niveau. Wer heute in Teilzeit arbeitet oder den Mindestlohn bezieht, wird aller Voraussicht nach nicht genug Rentenpunkte sammeln, um im Alter eine Rente oberhalb der Armutsschwelle zu bekommen. Er fällt dann auf die sogenannte Grundsicherung zurück, die aktuell bei etwa 800 Euro im Monat liegt. Bis vor kurzem wurde die Riester-Rente komplett auf die Grundsicherung angerechnet. Wer also in Riester eingezahlt hatte, konnte sich nachher ärgern, weil er nicht mehr Geld bekam als ohne Riester.

Das hat sich seit Januar geändert. Jetzt werden die ersten 100 Euro private Rente gar nicht auf die Grundsicherung angerechnet, von jedem weiteren Euro darf man bis zu einer Schwelle von etwa 200 Euro immerhin 30 Cent behalten. Die Gesamteinnahmen wären dabei immer noch so gering, dass sie von der Steuer verschont blieben.


Nachteile bei Riester: Steuern, geringe Rendite und starre Vorgaben

Tatsächlich ist aber auch die voraussichtliche Riester-Rente bei Niedrigverdienern gering. Gehen wir vom zuvor genannten Beispiel des alleinerziehenden Vaters eines Kindes aus, der jedes Jahr 600 Euro einzahlt, so hätte der nach 40 Jahren Sparphase gerade einmal einen voraussichtlichen Anspruch auf 60 Euro Riesterrente im Monat - die aber immerhin bis an sein Lebensende. Das ist freilich nur ein Orientierungswert, die Rechnung lässt die Inflation außen vor und geht der Einfachheit halber von einem garantierten Rentenfaktor von 25 Euro aus. Das entspricht dem aktuell üblichen Wert und bedeutet, dass pro 10.000 angesparte Euro garantiert 25 Euro im Monat an Rente ausgezahlt werden.

Rechnung: Insgesamt hat der alleinerziehende Vater in 40 Jahren 24.000 Euro eingezahlt. Um diese Summe als Rente wieder ausgezahlt zu bekommen, müsste er noch über 33 Jahre lang Rente beziehen. Wenn er mit 67 in Rente geht, müsste er also 100 Jahre alt werden. Lässt man allerdings die staatlichen Zuschüsse außen vor und betrachtet nur, was der Mann tatsächlich selbst zurückgelegt hat, so sind das in 40 Jahren lediglich 5000 Euro. Bezieht er nur sieben Jahre lang die Riester-Rente, hat sich die Ausgabe damit schon gelohnt. Hat er zwei Kinder, sind es sogar nur knapp dreieinhalb Jahre.

Etwas anders sieht es bei der Single-Gutverdienerin aus, die mithilfe der Steuer-Strategie stets den Höchstbetrag zurückgelegt hat. Gehen wir von denselben vereinfachten Grundannahmen aus, so hat sie nach 40 Jahren Anspruch auf eine Riester-Rente in Höhe von etwa 210 Euro

Rechnung: Die Single-Gutverdienerin kommt in 40 Jahren auf 84.000 Euro. Davon hat sie 77.000 Euro aus eigener Tasche bezahlt. Zieht man hiervon die Steuerersparnis ab, so bleiben 41.120 Euro, die die Frau tatsächlich extra aufbringen musste. Um mit der Riester-Rente auf diesen Wert zu kommen, müsste sie gut 16 Jahre lang Riester-Rente beziehen - ohne Steuern. Geht man hingegen von einem Grenzsteuersatz von 30 Prozent aus, so bekäme die Single-Frau jeden Monat netto nur 140 Euro. Um ihr Investment zu amortisieren, müsste sie jetzt schon über 24 Jahre lang Riester-Rente beziehen.

Während sich Riester für den Niedrigverdiener mit Kind also auch in der Auszahlungsphase lohnt, ist die Situation bei der Gutverdienerin deutlich weniger eindeutig. Letztlich hängt die Entscheidung hier davon ab, wie viel Steuern die Frau tatsächlich zahlen muss - und von welcher Lebenserwartung sie ausgeht.

„Riester alleine kann Altersarmut nicht beseitigen“


Dass die Riester-Renten selbst bei der Gutverdienerin vergleichsweise gering ausfallen, liegt an der niedrigen Rendite. Wie das Institut für Vorsorge und Finanzplanung errechnet hat, überschreitet die nur selten ein Prozent und ist in manchen Fällen sogar negativ. Grund ist die Beitragsgarantie, die dafür sorgt, dass jeder mindestens das bekommt, was er eingezahlt hat. Oft ist es aber auch nicht viel mehr. Schließlich müssen die Versicherer das Geld wegen der Garantie sicher anlegen - und damit in der Regel zu niedrigen Renditen. Hinzu kommen oft happige Vertragskosten, die ebenfalls aus den Beiträgen beglichen werden müssen.

Wer jetzt denkt: „Wie soll ich denn mit so wenig Geld meinen Lebensstandard im Alter halten?“, der verkennt den Zweck der Riester-Rente. 2001 beschloss die rot-grüne Regierung, dass die gesetzliche Rente den Lebensstandard nicht mehr garantieren könne, weil sonst die Beiträge explodieren würden. Um die graduelle Absenkung des Rentenniveaus abzufedern, rief sie die Riester-Rente ins Leben. Wer jedoch einen komfortablen Ruhestand anstrebt, sollte sich nicht auf die Riester-Rente verlassen, warnt Scherfling: „Riester alleine kann Altersarmut nicht beseitigen.“

Um zu wissen, wie er am besten privat fürs Alter vorsorgt, muss jeder einzelne zunächst seinen persönlichen Finanzbedarf errechnen. Dafür überschlägt er, wie viel Geld er im Alter brauchen wird, und stellt dem dann die zu erwartenden Einnahmen gegenüber, etwa aus der gesetzlichen Rente, Immobilien oder einer Lebensversicherung. Sind die Einnahmen kleiner als der Bedarf, muss er sich fragen, wie er diese Lücke füllt. Dabei spielt sein Alter eine Rolle, also die Zeit, die er noch bis zur Rente hat, aber auch seine persönliche Risikoneigung. Wer etwa mit einem ETF-Sparplan vorsorgt, kann sich in der Regel über höhere Renditen freuen, muss aber das Risiko von Kursverlusten in Kauf nehmen. Zudem kann er die Sparraten, anders als bei Riester, nicht von der Steuer absetzen.

Doch so wichtig Rendite, Steuern und sonstige harte Zahlen auch sind: Wer seine Altersvorsorge plant, sollte sich nicht auf sie alleine verlassen, rät Scherfling. Mindestens ebenso wichtig ist die persönliche Lebensplanung. „Der Staat gibt für Riester strenge Vorgaben“, warnt der Verbraucherschützer. So kann Riester nicht vor dem 62. Lebensjahr bezogen werden. Zudem darf die Summe nicht auf einmal ausgezahlt werden, sondern mindestens 70 Prozent davon müssen als monatliche Rentenzahlungen empfangen werden. Wer ins außereuropäische Ausland umzieht, läuft sogar Gefahr, dass er alle erhaltenen Zulagen zurückzahlen muss.

Wer also spontan agieren will, dem dürfte Riester zu starr sein – selbst dann, wenn sich theoretisch eine der beiden Strategien für ihn lohnen würde.