Für wen sich eine Lebensversicherung noch lohnt und für wen nicht – vier Beispiele

Für Generationen von Deutschen war die kapitalbildende Lebensversicherung liebstes Versicherungsprodukt und wichtiger Baustein der privaten Altersvorsorge. Doch diese Ära ist vorbei: Zehn Jahre Niedrigzinsen haben nicht nur die Renditen schmelzen, sondern auch die Liebe der Deutschen zu ihrer Lebensversicherung abkühlen lassen.

Die ihre Altersvorsorge planen, fragen sich: Ist der Abschluss einer Kapitallebensversicherung noch sinnvoll? Die Millionen von Bestandskunden zweifeln: Was sind die Versprechen, die ich bei Abschluss meiner Police bekommen haben, überhaupt noch wert und was soll ich jetzt tun? Dass die Antwort sehr unterschiedlich ausfallen kann, zeigen die nachfolgenden vier Beispielfälle.

Fall 1: Der Dauerläufer – Sichere Einnahme

Als ihm sein Bruder Ende der 90er-Jahre zu einer Lebensversicherung riet, unterschrieb Martin S. eher nebenher. Der große Bruder werde es schon gut mit ihm meinen, sein Einkommen war trotz der monatlichen Belastung mehr als ausreichend und der Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst ohnehin sicher. Einen Zins von vier Prozent bekam er damals, vor knapp zwanzig Jahren, für die gesamte Laufzeit garantiert. Nicht eben viel im Vergleich zu anderen Anlagen damals, aber auch nicht schlecht, dachte er sich.

Seit 20 Jahren nun bespart Martin S. seine kapitalbildende Lebensversicherung. Die vier Prozent an Garantiezins muten heute, in Zeiten des Niedrigzinses, an wie aus einer anderen Epoche.

Welchen Wert die Police hat, die er im Aktenordner im Keller verwahrt, wurde Martin S. vor wenigen Jahren bewusst, als er sich zum Kauf eines Reihenhauses entschloss. Seine Bank am Ort, bei der er seit früher Jugend Kunde ist, belieh die Police für den Immobilienkredit. Für den bezahlt er heute weniger Zinsen, als er für die Beiträge in seiner Lebensversicherung erhält.

Daher hat er auch keine finanziellen Klimmzüge unternommen, um den Kredit möglichst schnell zurückzubezahlen. Seine monatliche Belastung ist überschaubar, lieber sieht Martin S. zu, dass er die Beiträge für seine alte Lebensversicherung kontinuierlich weiterleistet.



Weil sein finanzielles Fundament in den vergangenen beiden Jahrzehnten stattlich gewachsen ist, steigt somit auch die Summe, die ihm sein Versicherer Jahr für Jahr gutschreibt. Wer über einen solchen Vertrag verfügt, der solle ihn hüten, raten Verbraucherschützer. Also laufen lassen, monatliche Raten bezahlen und sich auf die nächste jährliche Abrechnung freuen.

Wenn die Versicherung Martin S. seine Police dann zum Ende der Vertragslaufzeit in zwölf Jahren ausbezahlt, kommt dazu sogar noch ein nicht unerheblicher Schlussüberschuss, quasi die Durchhalteprämie, weil er die gesamte Laufzeit dabeigeblieben ist.

Empfehlung: Police laufen lassen

Fall 2: Der Pausierer – Andere Prioritäten

Die schwere Krebserkrankung im vergangenen Jahr bedeutete für Stefan H. eine Zäsur. Zwar geht es dem 56-jährigen Bankkaufmann nach dem Entfernen einer Niere heute wieder besser. Sein Leben hat er seither aber in vielen Bereichen umgestellt.

Neben der Ernährung und seiner Einstellung zum Sport hat er seine Arbeitszeit auf eine Dreitagewoche reduziert. Die abbezahlte Immobilie des kinderlosen Paares, die vermietete Eigentumswohnung in der Nürnberger Innenstadt und das Einkommen der Ehefrau machen das möglich.

Seine Lebensversicherung, die Stefan H. vor der Jahrtausendwende zum damaligen Garantiezins von vier Prozent abgeschlossen hat, möchte er aber wegen des geringeren Verdienstes nicht mehr weiter besparen. In diesem Falle, dem einer Stilllegung der Lebensversicherung, gibt es zwei Varianten: Entweder will der Kunde nur zeitweise nichts mehr einbezahlen oder aber für immer nicht mehr.

Für einen begrenzten Zeitraum ist ein Ausstieg gewöhnlich problemlos möglich. Bei einer dauerhaften Stilllegung verlangt der Versicherer aber in der Regel einen gewissen Rückkaufswert, der erreicht sein muss. Andernfalls droht die Auflösung.

Die Police von Stefan H. lief jedoch schon fast zwei Jahrzehnte, da spielten diese Punkte bereits keine Rolle mehr. Für ihn selbst ist die Stilllegung genau das Richtige. Er ist finanziell weniger belastet, dennoch bleibt er mit seiner Police weiter Kunde des Versicherers. Auch seine Frau bleibt abgesichert.



Da aber in den restlichen Jahren bis zur Auszahlung der Lebensversicherung keine Beiträge mehr eingezahlt werden, fällt die Summe am Ende natürlich um etliche Tausend Euro niedriger aus. Das kann Stefan H. gut verschmerzen, sein Berater hat ihm alles genau ausgerechnet.

Keine Konsequenzen hat die Stilllegung auf sein bisher eingezahltes Kapital. Da Stefan H. seinen Vertrag im Jahr 1999 abgeschlossen hat, als der Garantiezins noch bei vier Prozent lag, ist ihm diese Verzinsung sicher. Nur mit der Auszahlung muss er bis zum Ende der Laufzeit warten.

Empfehlung: Police beitragsfrei stellen

Fall 3: Der Aussteiger – Kurzfristiges Kapital

Finanziell kommt es für Reiner P. im Moment knüppeldick. Die Schwangerschaft seiner langjährigen Freundin war zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht geplant. Die Wohnung im Süden von Hannover ist für drei Personen viel zu klein. Ein Eigenheim, das der sportliche Enddreißiger bislang nie haben wollte, ist plötzlich eine echte Alternative.

Dumm nur, dass er außer einer Lebensversicherung, zu der ihm ein Freund bei einer der großen Gesellschaften in der Stadt mal vor Jahren geraten hat, kaum über Vermögen verfügt. Sie soll nun als Türöffner für einen Immobilienkredit dienen. Eine Kündigung der Police wäre eine Alternative.

Als ihm seine Versicherung aber ausrechnet, was für ihn dabei rauskommen würde, ist er erst einmal sprachlos. Im Vergleich zu der Summe, die er in den vergangenen acht Jahren eingezahlt hat, bekäme er ein ganzes Stück weniger ausgezahlt. Denn eine solche Police rechnet sich erst nach einigen Jahren Laufzeit, nachdem die Provision für den Vermittler abgezahlt ist.

Eine Erfahrung, die zuletzt viele gemacht haben. Die Zahl der stornierten Verträge ist daher zuletzt auch auf den niedrigsten Stand seit 2007 gesunken. Generell raten Experten, dass Lebensversicherungen nur dann verkauft werden sollen, wenn maximal fünf Jahre seit dem Vertragsabschluss vergangen sind. Sonst verliert der Kunde Geld.



Reiner P. denkt also über Alternativen nach. Eine Beleihung für einen Kredit wäre eine Alternative. Ein Angebot seiner Bank überzeugt ihn aber nicht so recht. Er hätte sich eigentlich einen besseren Zins versprochen.

 Stattdessen entscheidet er sich nach etlichen Gesprächen für ein Angebot am Zweitmarkt. Dort bieten spezielle Aufkäufer von Lebensversicherungen je nach Alter und Laufzeit zwischen fünf und 15 Prozent mehr Geld als bei einer Kündigung. Sie übernehmen dann die Police und kassieren die Zinsen. Der Schutz im Todesfall bleibt für den Verkäufer aber bestehen.

Reiner P. sieht auch Vorteile für seine Finanzierung. Er bekommt nach wenigen Wochen eine fünfstellige Summe überwiesen, die ihm zumindest zu einem Grundstock an Eigenkapital verhilft. Das senkt seinen Kreditzins.

Empfehlung: Verkauf der Police

Fall 4: Neukunde – Auf Dauer lohnt es

Dass Philipp B. sein Jurastudium beendet hat, ist fünf Jahre her. Mittlerweile hat sich der 32-jährige Arbeitsrechtler in einer namhaften Kanzlei den Ruf einer vielversprechenden Nachwuchshoffnung erarbeitet. Mit seiner langjährigen Freundin lebt er im angesagten Frankfurter Stadtteil Bornheim. Die beiden planen zu heiraten, Kinder können sich beide vorstellen.

In dieser Lebensphase wächst der Wunsch nach Absicherung und angemessener Altersvorsorge – zumal sich auch das Konto des Arbeitsrechtlers allmählich füllt. Sein Finanzberater rät dem Juristen daher zu einer Lebensversicherung – so, wie es sie gut 84-millionenfach im Land gibt. Doch für Philipp B. stellt sich die Frage, ob sich dies am Ende rechnet. Liegt doch der Zins, den die Branche derzeit über die gesamte Laufzeit garantiert, bei wenig spektakulären 0,9 Prozent, ist also quasi nicht existent.

Dass den Versicherern deswegen die Kunden nicht unbedingt die Tür einrennen, ist klar. Viele Versicherer bieten daher gar keine Verträge mit Zinsgarantie mehr an. Oder nur auf Nachfrage. Stattdessen wird unter Stichworten wie „Neue Garantien“ oder „Neue Klassik“ eine in der Regel fondsgebundene Variante angeboten, die nur noch das eingezahlte Kapital garantiert.


Dies ist momentan die weitaus attraktivere Variante. Für das laufende Jahr bietet die Mehrzahl der Versicherer eine Verzinsung von mehr als zwei Prozent an. Da diese für jedes Jahr neu festgelegt wird, kann sie natürlich in den kommenden Jahren schlechter werden. Aber da Philipp B. jung genug ist und noch mehr als drei Jahrzehnte arbeiten will, gleichen sich diese Schwankungen im Laufe der Zeit aus.

Dazu kommt der Schlussüberschuss – quasi die Durchhalteprämie für diejenigen, die die komplette Vertragslaufzeit dabei geblieben sind. Hier wird am Ende ausgezahlt, was sich in den – in der Regel – 30 Jahren angesammelt hat. So lohnt sich für Philipp B. diese Variante.

Empfehlung: Police abschließen