"Für eine radikale Minderheit sind wir zum Feindbild geworden"

"Wir müssen versuchen, die zu erreichen, die Zweifel haben, ohne durchgedreht zu sein", sagt Matthias Fornoff über die Kritiker des Öffentlich-Rechtlichen. (Bild: ZDF / Jens Koch)
"Wir müssen versuchen, die zu erreichen, die Zweifel haben, ohne durchgedreht zu sein", sagt Matthias Fornoff über die Kritiker des Öffentlich-Rechtlichen. (Bild: ZDF / Jens Koch)

Die vergangenen Jahre verbrachte Matthias Fornoff, Leiter der ZDF-Politikredaktion, im nachrichtlichen Ausnahmezustand zwischen Corona und Krieg. Ein Gespräch über journalistische Verantwortung in Krisenzeiten und politische Überraschungen.

Seit acht Jahren leitet Matthias Fornoff die Politik-Redaktion des ZDF. Neben Wahlabenden, Parteienporträts und gesellschaftlichen Analysen gehörten dabei immer auch Sondersendungen zum journalistischen Alltag des gebürtigen Mainzers. Die Schlagzahl jedoch hat sich in den letzten zwei Jahren enorm erhöht - schließlich folgte auf die Coronapandemie gleich der Krieg in der Ukraine. Der nachrichtliche Ausnahmezustand als neue Normalität? Dem versucht man auch im Zweiten entgegenzuwirken, sagt Fornoff, für den der Krieg auch eine persönliche Ebene hat. Der 58-Jährige, der Slavistik studierte, Russisch spricht und bereits zu Sowjetzeiten das Land bereiste, war vom russischen Angriff ebenso überrascht wie die meisten Experten. Wie sich sein Blick auf Putin und Russland seither geändert hat, welche Verantwortung das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Kriegsberichterstattung besitzt und was ihn an der Ampel-Koalition überrascht hat, erklärt Fornoff im Interview.

teleschau: Herr Fornoff, Mitte Mai wurde nacheinander in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gewählt. Atmet man als ZDF-Politikchef nach zwei Landtagswahlen am Stück erst mal durch?

Matthias Fornoff: Keine Frage, das waren anstrengende Wochen für alle Beteiligten. Immerhin sind das stundenlange Live-Sendungen, das macht man nicht mit links, aber es ist alles gut gelaufen. Hinterher hat man ein gutes Gefühl - auch, mit den Vorwahlumfragen nicht ganz falsch gelegen zu haben.

teleschau: Gibt es in den Nachbesprechungen auch mal Kritik, wenn Umfragen völlig daneben lagen?

Fornoff: Wir haben ein externes Forschungsinstitut beauftragt - die Forschungsgruppe Wahlen. Mit denen arbeite ich eng zusammen, was etwa Fragestellungen und Grafiken betrifft. Ich mache das nun schon seit acht Jahren, und bei allen Wahlen haben wir in der politischen Tendenz richtiggelegen. Damit bin ich sehr zufrieden - denn dafür halte ich ja auch meinen Kopf hin. Prinzipiell ist die Meinungsforschung ein schwieriges Geschäft. Man liegt nie zu hundert Prozent richtig. Da schaue ich dann schon, was etwa die ARD-Konkurrenz macht. Meinungsforschung ist auch ein Konkurrenzkampf, bei dem im Nachhinein abgerechnet wird, wer bei welcher Partei richtig oder falsch lag.

teleschau: Geht es dabei auch um gesellschaftliche Verantwortung - gerade angesichts einer sich seit Jahren enorm wandelnden Parteienlandschaft?

Fornoff: Zunächst kann man es ja wirklich wertschätzen, dass wir in Deutschland freie unabhängige Wahlen haben. Wenn man sich andere Länder, etwa Russland oder andere autokratische Staaten ansieht, ist diese funktionierende Demokratie etwas Beruhigendes. Dahingehend sind wir uns unserer Verantwortung schon bewusst. Auch, wenn bestimmte Landtagswahlen bundesweit nur mäßige Aufmerksamkeit erhalten - für viele Menschen in Bayern oder NRW gibt es dann doch spannendere Fragen im Leben als jene, wer Ministerpräsident im Saarland wird. Trotzdem machen wir das seriös, ernsthaft und mit Freude, weil es ein wichtiger Mosaikstein in dieser Demokratie ist.

teleschau: Gab es in den letzten Monaten, auch mit Blick auf die Ampel-Koalition, etwas, das Sie besonders überrascht hat?

Fornoff: Persönlich hat mich überrascht, wie stark und stabil die Grünen in Schleswig-Holstein und NRW abgeschnitten haben. Mit den Grünen haben wir über die Jahre die Erfahrung gemacht, dass sie Umfragenkönige sind. In Vorumfragen sagen die Leute, dass sie grün wählen - tun es dann im Wahllokal aber nicht. Das hat sich verändert.

teleschau: Woran könnte das liegen?

Fornoff: Ich glaube, es hat sehr stark mit Personen zu tun. Aber auch mit der Bundespolitik - und das, obwohl uns die Leute immer sagen, dass die Politik im Bundesland entscheidend sei. Schaut man sich aber etwa die Beliebtheitswerte von Robert Habeck und den Bundesgrünen in NRW an, kann man sich ausmalen, dass es da einen Rückenwind aus Berlin gab.

teleschau: Was bedeuten die letzten drei Landtagswahlen für die Ampel-Koalition?

Fornoff: Für die Ampel sind das schwierige Signale aus diesen Wahlen, das ist ganz klar. Die erste Landtagswahl im Saarland war noch unproblematisch, aber bei den letzten beiden haben zwei CDU-Ministerpräsidenten ihr Amt auf überzeugende Weise verteidigt. Die SPD hatte sehr stark auf Olaf Scholz und den Kanzlerbonus gesetzt - und sich sicher mehr Rückenwind versprochen. Es ist schwierig, wenn in einer Dreierkoalition eine Partei richtig durchstartet und die anderen beiden herumdümpeln und Akzeptanzprobleme haben.

Auch Matthias Fornoff, der viel Zeit in Russland verbrachte, hätte den Krieg in der Ukraine nicht erwartet: "Ich glaube, wir müssen uns alle Vorwürfe machen - die Journalisten, aber auch die Politik. Die Zeichen standen klar an der Wand". (Bild: ZDF / Frank Hasselbach)
Auch Matthias Fornoff, der viel Zeit in Russland verbrachte, hätte den Krieg in der Ukraine nicht erwartet: "Ich glaube, wir müssen uns alle Vorwürfe machen - die Journalisten, aber auch die Politik. Die Zeichen standen klar an der Wand". (Bild: ZDF / Frank Hasselbach)

"Wir müssen die Schrecken des Krieges zeigen"

teleschau: Sie beschäftigen sich nicht nur mit Wahlen, sondern leiten im ZDF das gesamte Politikressort. Hat sich Ihr persönlicher und journalistischer Blick auf die politische Weltlage seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine am 24. Februar verändert?

Fornoff: Ja, da hat der amtierende Bundeskanzler das richtige Wort gefunden. Die "Zeitenwende" empfinde ich auch als solche. Ich hätte das nicht für möglich gehalten - diesen Rückfall in imperiale Gewaltfantasien. Für mich hat das auch eine persönliche Ebene, weil ich Slavistik studiert habe, Russisch spreche, oft im Land war und dort Freunde habe. Diese Zeitenwende besitzt auch mit Blick auf Russland selbst eine gewisse Tragik, das wird man wahrscheinlich in der Geschichtsschreibung irgendwann sehen.

teleschau: Inwiefern?

Fornoff: Putin hat innenpolitisch durchaus viel geschaffen. Es hat in der russischen Geschichte nie eine Mittelschicht gegeben. Die gibt es jetzt - oder besser gesagt: Es gab sie. Es waren nicht nur Oligarchen, die sich mit ihren Familien einen Urlaub in der Türkei leisten konnten. Früher gab es das alles nicht. Die gängige Meinung in Russland lautete lange Zeit: "Putin macht das schon." Wirtschaftlich ging es voran, den Leuten ging es besser. Russland ist sicher eine gelenkte Scheindemokratie, deren Verhältnisse mit den unseren nicht vergleichbar sind - aber dieses Ausmaß an Unterdrückung und Aggressivität habe ich nicht kommen sehen. Und ich glaube: Niemand hat das kommen sehen.

teleschau: Konnte man es nicht ahnen?

Fornoff: 2018 bin ich während der Fußball-WM in Russland durch das Land gereist, um eine Reportage für das ZDF zu machen. Damals traf ich verschiedene Menschen, etwa eine Rechtsaußen-Frontfrau der Neuen Rechten. Die sagte mir damals schon: Die Ukraine sei kein eigener Staat, das seien eigentlich Russen und kein Brudervolk. Das war alles schon da - ich hätte es nur für unmöglich gehalten, dass das von Putin nach unten durchgedrückt wird.

teleschau: Muss sich der politische Journalismus in Deutschland die Fehleinschätzung vorwerfen lassen?

Fornoff: Ich glaube, wir müssen uns alle Vorwürfe machen - die Journalisten, aber auch die Politik. Die Zeichen standen klar an der Wand. Putin hat grausame Kriege geführt, nur eben weit weg, in Syrien und Tschetschenien. Das war nicht besser als jetzt. Trotzdem dachte niemand, dass er ein russisches Imperium wieder erschaffen will. Die russische Armee hat zwar einen Ruf wie Donnerhall, auch nach innen. Sie hat die höchste Selbstmordrate bei den Rekruten weltweit. Dass man sie aber so in Europa einsetzt, damit hätte ich nicht gerechnet.

teleschau: Hat sich auch Ihr persönliches Bild von Russland verändert?

Fornoff: Ich habe noch eine Sowjetunion kennengelernt, in der es wirklich nichts gab. Die Läden waren leer, die Straßen waren leer, es gab kaum Privatautos. Das hat sich alles in der Ära Putin geändert. Wenn man sich heute St. Petersburg und Moskau anschaut, hat das nichts mehr mit dem Leningrad und Moskau der 80er-Jahre zu tun. Man sieht, dass viele Menschen Geld haben. Das ist nicht mehr vergleichbar - und diese Entwicklung habe ich bei meinen punktuellen Reisen nach Russland erlebt.

teleschau: Wagen Sie einen Blick darauf, wie die Zukunft Russlands nach einem möglichen Kriegsende aussehen wird?

Fornoff: Das ist sehr schwer zu prognostizieren, weil niemand weiß, wie lange Putin sich noch hält. Klar ist aber jetzt schon: Russland wird über viele Jahre abgeschnitten sein - wenn nicht Jahrzehnte.

teleschau: Kommt dem öffentlich-rechtlichen Politikjournalismus in diesen Wochen eine besondere Aufgabe zu?

Fornoff: Wir haben keine andere Aufgabe als in anderen Krisen: Versuchen, herauszufiletieren, was wahr ist. Das ist nicht immer einfach: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst, sagt man zu Recht. Alle Seiten lügen. Um die eigenen Leute motiviert zu halten, werden Zahlen verdreht und Fakten gefälscht. Für Journalisten ist das nicht immer einfach. Aber es ist unsere Aufgabe, die Verhältnisse klar zu benennen.

teleschau: Ist es auch die Aufgabe des Fernsehens, erschreckende Bilder des Krieges zu zeigen?

Fornoff: Es ist unser Auftrag, den Krieg zu zeigen. Es ist eine Gratwanderung, aber wir müssen auch zeigen, dass Krieg furchtbar ist. Wir können natürlich nicht alle Bilder zu allen Tageszeiten zeigen. Viele Bilder sind verstörend, gerade auch für Kinder. Da haben wir auch eine Gatekeeperfunktion. Wir müssen die Schrecken des Krieges zeigen, ohne dazu beizutragen, dass alle verrohen.

"Wir müssen die Schrecken des Krieges zeigen", sagt Matthias Fornoff über die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg. (Bild: ZDF / Klaus Weddig)
"Wir müssen die Schrecken des Krieges zeigen", sagt Matthias Fornoff über die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg. (Bild: ZDF / Klaus Weddig)

"Es gab einen Riesenbedarf nach diesen Sondersendungen"

teleschau: Ist man in den Redaktionen angesichts der Ausnahmesituation nervöser?

Fornoff: Es ist ja auch journalistisch die zweite Ausnahmesituation nacheinander - die Pandemie ist noch nicht vorbei. Die Redaktionen kommen aus angespannten Zeiten. Eine gewisse Nervosität ist vielleicht zu spüren, aber es herrscht auch große Professionalität.

teleschau: Es liefen Dutzende "ZDF Spezial"-Ausgaben zum Krieg.

Fornoff: Anfangs machten wir das fast jeden Tag, es gab einen Riesenbedarf nach diesen Sondersendungen. Da dachte man noch, dass Russland sich die Ukraine in kürzester Zeit einverleibt. Das ist nicht passiert. Ein "ZDF Spezial" etwa muss auch einen besonderen Anlass haben. Zieht sich so ein Krieg nun über Jahre, können wir nicht immer eine Sondersendung machen. Das ist nicht zu stemmen - und die Leute wollen das auch nicht mehr sehen. Wir sind für die Vertiefung und Einordnung da, das geht nicht jeden Tag.

teleschau: Ist Ihre Arbeit seit der Pandemie in den letzten zwei Jahren ereignisreicher und herausfordernder geworden?

Fornoff: Die Schlagzahl der Sondersendungen hat sich in den letzten zwei Jahren deutlich erhöht, vor allem durch Corona. Es gab über lange Zeit ein riesiges Informationsbedürfnis. Die Sonderberichterstattung war auch ein Stück Service für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer. Da muss man aber auch den Absprung zum richtigen Zeitpunkt schaffen: Bei Corona haben wir die wochentäglichen Sondersendungen vielleicht etwas länger gemacht, als man sie dringend gebraucht hätte.

teleschau: Antizipieren die Redaktionen bei manchen Themen inzwischen auch schon den Shitstorm derjenigen, die das Öffentlich-Rechtliche ablehnen?

Fornoff: Die meisten Studien zeigen unisono, dass eine breite Mehrheit denkt, dass die Öffentlich-Rechtlichen vor allem in der Pandemie einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Es gibt einen kleinen lauten Anteil, der das Gegenteil sagt. Wie viele von denen für uns noch erreichbar sind, ist eine gute Frage. Für eine radikale Minderheit sind wir zum Feindbild geworden. Für die sind wir Teil eines Systems, das sie insgesamt ablehnen. Die erreicht man wahrscheinlich in ihrer Filterblase nicht mehr. Wir müssen versuchen, die zu erreichen, die Zweifel haben, ohne durchgedreht zu sein. Das müssen wir ernst nehmen. Ob das dann dazu führt, dass Querdenker und Co. ein anderes Bild von uns bekommen, wage ich allerdings zu bezweifeln.

teleschau: Verstehen Sie Leute, die den Medien mit Blick auf die Pandemie und den Krieg Panikmache vorwerfen?

Fornoff: Das teile ich überhaupt nicht. In beiden Fällen sind wir von Panikmache weit entfernt. Ich verstehe aber, dass Menschen das so empfinden können. Ich verstehe den Reflex, zu sagen: Das wird mir zu viel. Krankheit und Krieg können deprimieren und belasten. Ich kenne auch privat Menschen, die keine Lust mehr haben, Nachrichten zu schauen. Das ist auch menschlich. Nicht jeder verträgt die Dosis an Information, die es phasenweise gab.

teleschau: Wie schaut es nach Feierabend bei Ihnen persönlich aus: Beschäftigen Sie sich noch mit Nachrichten und Politik - oder schalten Sie gänzlich ab?

Fornoff: Bei mir ist das so ein Hybrid: Es gibt Zeiten, etwa nach dem Kriegsbeginn, in denen ich auch nach Feierabend viel fernsehe und lese. Aber es gibt auch Ermüdungseffekte. Man muss auch mal was anderes tun - das Leben besteht Gott sei Dank nicht nur aus schlechten Nachrichten. Wenn man sich zu sehr zum Newsjunkie entwickelt, ist das in vielerlei Hinsicht kontraproduktiv. Daher ist es mir auch wichtig, Sport zu machen, Freunde zu treffen und die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Ich bin auch nicht mehr der Allerjüngste und weiß, dass ich meine Akkus ab und zu aufladen muss.

teleschau: Wie sieht es mit der Erreichbarkeit der jungen Generation im ZDF heutzutage im Vergleich zu vor zehn Jahren aus?

Fornoff: Besonders verändert hat sich in den letzten zehn Jahren die Bedeutung anderer Plattformen. Bei uns ist sehr sichtbar und wird offensiv diskutiert, dass wir in der Mediathek, auf YouTube und Social Media mit unseren Inhalten jünger Zuschauer leichter erreichen als im linearen Fernsehen. Mit einer nur linear ausgestrahlten Nachrichtensendung erreicht man die Jüngeren nicht ausreichend. Man erreicht sie dort, wo sie auch sonst unterwegs sind.

"Wenn man sich zu sehr zum Newsjunkie entwickelt, ist das in vielerlei Hinsicht kontraproduktiv", sagt Matthias Fornoff auch über seinen persönlichen Nachrichtenkonsum. (Bild: ZDF / Jens Koch)
"Wenn man sich zu sehr zum Newsjunkie entwickelt, ist das in vielerlei Hinsicht kontraproduktiv", sagt Matthias Fornoff auch über seinen persönlichen Nachrichtenkonsum. (Bild: ZDF / Jens Koch)
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