"Für mich ist jedes Kind ein kleines Wunder"

Und - wie ticken sie?

Wie tickt wer?

Die Familien in Holweide und Dellbrück. Sie sollten sich ein recht treffendes Urteil darüber bilden können. Sie haben schon Spielgruppen in beiden Stadtteilen geleitet, als Tagesmutter gearbeitet und führen nun ein Geschäft für Kinder-Second-Hand-Ware.

Das stimmt. Seit 20 Jahren arbeite ich mit Kindern und deren Eltern in Holweide und Dellbrück. Mit einem Mütter-Väter-Verwöhnfrühstück habe ich 1997 angefangen, damals noch im Bauchladen an der Möhlstraße in Dellbrück.

Waren da vor 20 Jahren tatsächlich Väter dabei?

Wenige. Bis 2013 habe ich Spielgruppen geleitet, dann habe ich den Laden übernommen. Und es war auffällig, dass in den letzten Spielgruppenjahren mehr Väter und Großeltern dazukamen. In den Anfangsjahren waren es fast ausschließlich Mütter gewesen.

Es kamen mehr Großeltern dazu?

Ja, vor allem Großväter. Ich hatte den Eindruck, dass sich einige Opas mit den Enkeln das zurückholen wollten, was sie als Väter verpasst hatten. Früher war es ja total unüblich, dass sich Väter Zeit für die Kindererziehung nahmen. Allerdings ist es heute wohl auch noch nicht so üblich, dass sich Väter Elternzeit nehmen, wie uns die Politik manchmal glauben machen möchte. Ein Vater erzählte mir zum Beispiel von einem Chef, der ihm eigentlich die Elternzeit nicht bewilligen wollte, weil er offenbar neidisch war; er hatte sich selbst nie getraut, in Elternzeit zu gehen. Das ist ein neuer Aspekt der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das ist nicht mehr nur ein Problem der Mütter.

Was sind denn die größten Probleme der Mütter?

Die fehlende Anerkennung. Die meisten Mütter üben einen Beruf aus, für den es keine Ausbildung gibt: Sie bekommen ein Kind, haben vom einen auf den anderen Tag einen neuen Vollzeitjob, das Baby fordert sie 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das ist für die Mütter ein völlig fremdes Leben, in dem sie sich erst einmal zurechtfinden müssen. Das ist eine Leistung, die das Baby nicht anerkennen kann, und die von den meisten Vätern nicht wahrgenommen wird. Darum habe ich in den Spielkreisen versucht, die Mütter in ihrer neuen Rolle zu bestärken, ihnen Mut zu machen, ihnen klar zu machen, wie gut sie das hinbekommen, ihnen ihre Zweifel und Ängste zu nehmen.

Ihnen einen Weg zu zeigen, wie sie sich im neuen Leben zurecht finden können?

Den Weg kann keiner aufzeigen, den muss jede Frau, jede Familie für sich selbst herausfinden. Es gibt nicht den einen, den richtigen Weg, es gibt ganz viele. In den Anfangsjahren war es üblich, dass die Mütter für drei Jahre Elternzeit nahmen, dann gingen sie zurück in den Beruf oder blieben ganz zu Hause. Dieses Rollenbild hat sich geändert: Irgendwann gingen manche nach einem halben Jahr wieder arbeiten. Da kamen in den Gruppen Diskussionen über Rabenmütter oder Glucken auf. Damit waren entweder die gemeint, die ihre Kinder nach einem halben Jahr in Betreuung gaben oder die, die drei Jahre zu Hause blieben. Und ich habe immer gesagt: Das ist zu einfach gedacht, manche Alleinerziehende müssen nach einem halben Jahr wieder arbeiten, das geht finanziell gar nicht anders. Andere können es sich dagegen leisten, sich drei Jahre Zeit für die Kinder zu nehmen. Jeder Mensch hat eine eigene Lebensplanung, einen eigenen Weg zum Glück, und diesen Weg muss jeder, jede Mutter, jeder Vater, jede Familie für sich selbst herausfinden.

Warum sind Ihnen Kinder eigentlich so wichtig? Sie haben doch Bankkauffrau gelernt.

Das stimmt. Und ich habe 15 Jahre in dem Beruf gearbeitet. Dann hat mein Mann ein Jahr in Hong Kong gearbeitet, ich habe ihn dorthin begleitet. Das war 1993/94, damals war Hong Kong noch britische Kronkolonie. Eines Tages haben wir einen Ausflug gemacht in die chinesische Wirtschaftszone Shenzen. Dort sind wir an einer Straße entlanggegangen, an der vier-, fünfjährige Kinder bettelten. Die meisten hielten Babys auf dem Arm, manche waren schon ganz grau, ich bin sicher, einige waren tot. Die Kleinkinder hielten die Babys nicht sicher, wie sollten sie auch? Dafür waren sie ja selbst noch viel zu klein. Und so liefen sie mit den toten Babys auf dem Arm neben uns her, zerrten an unserer Kleidung, bettelten.

Und dieses Bild begleitet mich bis heute. Wie oft habe ich nicht schon um diese Kinder geweint? Ich habe mich gefragt, was mit dem Wunder Kind passiert ist.

Für mich ist jedes Kind ein kleines Wunder. Und an dieses Wunder wollte ich erinnern, ich wollte Kindern Chancen ermöglichen, kein Kind sollte so ein chancenloses Leben führen wie die Kinder, die ich damals in Shenzen gesehen habe.

So ist das bei mir losgegangen mit der Arbeit mit Kindern.

Zur Person

Ulrike Schreurs (53) ist in Bickendorf aufgewachsen und der Liebe wegen nach Holweide gezogen. Dort lebt sie mit ihrem Mann und den beiden Söhnen. Die gelernte Bankkaufrau führt die Kinder-Second-Hand-Boutique Froschkönigin, ist Schatzmeisterin der Karnevalsgesellschaft Himmelfahrtsgarde und Teamleiterin bei der Ortsgruppe der katholischen Frauen Deutschlands (KFD). (vek)

STECKBRIEF

Was mir in Holweide gut gefällt:

Holweide ist gemütlich; nicht langweilig, sondern gemütlich. Die Menschen hier nehmen sich noch die Zeit, vor der Tür auf ein Schwätzchen miteinander stehen zu bleiben, vor allem im Sommer, das mag ich. Mein Mann nicht so, der beschwert sich, wenn ich im Sommer für die 20 Meter zum Bäcker eine Viertelstunde brauche. Aber das ist eben die Gemütlichkeit, die ich an Holweide so mag.

Mein liebster Platz:

Ich mag den Bereich rings um die Kirche Mariä Himmelfahrt. Ich glaube, das liegt an meiner Kindheit. Meine Urgroßmutter hat in der Märchensiedlung gewohnt und wenn meine Eltern mit mir aus Bickendorf gekommen sind, um meine Urgroßmutter zu besuchen, sind wir an der Kirche von der Bergisch Gladbacher auf die Schnellweider Straße in Richtung Märchensiedlung abgebogen. Und dabei habe ich jedes Mal gedacht: Das ist meine Kirche, obgleich ich ja nach Sankt Rochus in Bickendorf gehörte. Aber wie das Leben so spielt, hat es mich irgendwann tatsächlich hergeführt. Wunderbar.

Mein Lieblingslokal:

Das Il Gapcino, das italienische Bistro an der Bergisch Gladbacher Straße. Da kann man nett draußen sitzen und lecker essen.

Was im Veedel verbesserungswürdig ist:

Da fällt mir wenig ein. Ich bin mit Holweide sehr zufrieden. Es könnten höchstens mehr Menschen im Zug am Karnevalssonntag mitgehen. (vek)

MENSCHEN IM VEEDEL...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta