"Es ist für mich ein Geschenk, älter zu werden"

Julian Weinberger
·Lesedauer: 8 Min.

Im November gibt es für Rebecca Immanuel gleich dreifachen Grund zum Feiern: Die Schauspielerin wird 50 Jahre alt, spielt im 40. Film nach Katie Fforde - und sie veröffentlicht ihr Debütalbum. Dementsprechend kommt sie im Gespräch gar nicht mehr aus dem Schwärmen raus.

Für manch einen ist der 50. Geburtstag eine Zäsur oder gar der Startschuss für eine Midlife-Crisis. Ganz anders bei Rebecca Immanuel. "Ich habe ich mich vor drei Jahrzehnten auf den Weg gemacht und bin längst zu Hause", schildert die Schauspielerin. Immanuel hat noch viel vor, angefangen mit der Veröffentlichung ihres ersten Musikalbums, das pünktlich an ihrem Geburtstag am 13. November erscheint. Außerdem spielt die Mutter eines zehnjährigen Sohnes die Hauptrolle im ZDF-Melodram "Katie Fforde: Für immer Mama" (Sonntag, 22. November, 20.15 Uhr), dem 40. Film der Reihe. Warum sie vollkommen bei sich ist, weshalb sie das Älterwerden genießt und woher ihre besondere Affinität zur Musik rührt, verrät Rebecca Immanuel im Interview.

teleschau: Sie feiern am 13. November ihren 50. Geburtstag. Wie blicken Sie dem Jubiläum entgegen?

Immanuel: Freudig, auch wenn mein Geburtstag in diesem Jahr sehr arbeitsam wird. Ich werde an dem Tag bei "Riverboat" sein und mit der Community mein neues Musikalbum feiern, das an meinem Geburtstag veröffentlicht wird. Es ist für mich ein Geschenk, älter zu werden, zumal ich in einer Branche arbeite, in der einige Kollegen wegen Schlaganfällen, Krebs oder Herzinfarkten früher gehen. Ich habe noch viel vor.

teleschau: Was finden Sie am Älterwerden so bereichernd?

Immanuel: Es ist so schön, durch das Leben zu gehen, dazuzulernen und seinen Horizont stetig zu erweitern. Wenn man reifen darf, fühlt man sich in unserer Welt mit ihren ganzen Herausforderungen so viel mehr zu Hause, als man das möglicherweise als junger Mensch tut. Dieses Gefühl, das ich in mir habe - diese Weite, diese Gelassenheit, diesen Frieden, den Respekt und die Achtsamkeit -, ganz ehrlich: Da kommt kein Lebensalter mit, es wird immer besser.

teleschau: In einem Interview sagten Sie einst, das Leben werde besser, je älter man wird ...

Immanuel: Es fängt schon in der Schule an, wo sich Kinder in Bezug auf ihre Leistungen oder ihre Markenklamotten vergleichen. Ich denke, dass durch die neuen Medien Menschen noch einmal anders gefordert sind, in diesem ständigen Vergleich bei sich selbst zu bleiben. Das ist eine Qualität, die Kinder und Jugendliche noch nicht haben. Zu dieser selbstreflektierten Art von innerer Freiheit muss man im Leben erst einmal heranreifen. Ich hatte diese Zeit, bin manchen Problemen mehrfach begegnet, bis ich die Lektion gelernt habe und konnte eine Meisterschaft erlangen, damit umzugehen.

"Bin längst zu Hause"

teleschau: Ist es in der heutigen, schnelllebigen und von Krisen gebeutelten Zeit eine besondere Herausforderung, diese Selbstsicherheit zu erreichen?

Immanuel: Jein. Ich stimme ihnen zu: Wir stehen als Gesellschaft derzeit vor massiven und sehr komplexen Herausforderungen. Aber wenn Sie mir in den sozialen Medien folgen, werden Sie bemerken, dass ich regelmäßig Zitate und Sinnsprüche in meinen Posts einbette. Was mich dabei neulich wirklich aus den Latschen gehauen hat ...

teleschau: Ja?

Immanuel: Der griechische Weise Seneca hat gesagt: "Konzentriere dich nicht auf das, was du nicht willst, sondern fokussiere deine ganze Energie auf das, was du erreichen möchtest." Das ist etwas, was in Life Coachings heute ebenfalls propagiert wird. Das heißt aber auch, dass wir als gesellschaftliche Gruppe schon vor 2.000 Jahren immer vor ähnlichen Herausforderungen standen.

teleschau: Nämlich?

Immanuel: Unsere Vorfahren mussten Kriege überstehen, die wir glücklicherweise nicht haben. Aber wir sind mit dem Internet konfrontiert. Das Netz hat großartige Seiten, wenn etwa Experten in Stockholm Ärzte in Afrika bei einer Operation im Busch zu Hilfe gehen. Schlimme Seiten sind natürlich die Manipulation von Meinungsfreiheit, Fake News, oder Mobbing oder das Darknet.

teleschau: Was macht diese schnelllebige Zeit mit uns als Gesellschaft?

Immanuel: In dieser Zeit, in der wir kaum zur Ruhe kommen und wir uns sehr leicht ablenken können, ist es schwieriger, sich selbst kennenzulernen, wahrzunehmen und sich mit sich selbst wohlzufühlen. Das ist für mich aber die Grundlage für ein friedvolles Miteinander. Wenn sie in sich zu Hause sind, können Sie entspannt ihrem Gegenüber Grenzen setzen oder ihre Bedürfnisse friedfertig mitteilen und eine gute Beziehung schaffen - ob beruflich oder privat.

teleschau: Was hilft Ihnen dabei, zu sich selbst zu finden?

Immanuel: Ehrlich gesagt habe ich mich vor drei Jahrzehnten auf den Weg gemacht und bin längst zu Hause. Mit 21 habe ich entschieden, mich selbst lieben zu lernen und mein Glück nicht von anderen Menschen abhängig zu machen. Von diesem Tag an habe ich Achtsamkeit, Selbstwertschätzung und Selbstliebe praktiziert.

teleschau: Auf Ihrem Instagram-Kanal finden sich einige Zitate einflussreicher Persönlichkeiten von Mahatma Gandhi bis Konfuzius. Welche Menschen inspirieren Sie?

Immanuel: Mich inspiriert unsere Gesellschaft. Ich saß kürzlich bei den Green Tec-Awards für Nachhaltigkeit in Berlin. Dort habe ich unglaublich reflektierte junge Menschen gesehen, die auf der ganzen Welt ihr Herzblut, ihren klugen Intellekt und ihre hochtalentierten Fähigkeiten der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, um die Welt von Plastikmüll zu befreien oder Brunnen in Afrika sauberzumachen. Diese wunderbaren Menschen lieben einfach die Welt und die Schöpfung, und es gibt sie in jeder Altersgruppe. Wir können alle voneinander lernen und gemeinsam Großes schaffen, aber wir müssen aufeinander hören und uns sichtbar machen.

"Zu sehen, wie ein Mensch heranreift, ist ein Wunder der Schöpfung"

teleschau: In Ihrem neuen "Katie Fforde"-Film spielen Sie eine Frau, die trotz Ihres fortgeschrittenen Alters noch einmal etwas Neues anpacken und Medizin studieren will ...

Immanuel: Nein, sie will nichts Neues anpacken, sondern das vollenden, was durch die unerwartete Schwangerschaft zum Stillstand kam. Sie will ihr Medizinstudium beenden und ihre "kleine" Rolle als Apothekengehilfin hinter sich lassen.

teleschau: Sie musste also zurückstecken, erst wegen der Schwangerschaft und dann wegen der Erziehung Ihres Kindes.

Immanuel: Ich glaube nicht an Zurückstecken. Wenn man das Gefühl hat, zurückzustecken, kommt ein Unfrieden in die Seele, und das tut einem selber und den Beziehungsstrukturen, in denen man lebt, nicht gut. Für mich ist ein Kind nichts, für das ich zurückstecken muss. Kinder zu begleiten und zu sehen, wie sie reifen, ist ein großes Geschenk, weil man sich und andere dabei besser verstehen lernt. Zu sehen, wie ein Mensch heranreift, ist ein Wunder der Schöpfung.

teleschau: Welche Botschaft hat der Film?

Immanuel: Dass es nie zu spät ist, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen und das Leben so zu gestalten, dass man von Herzen glücklich ist. Ich glaube, das ist gerade auch für Frauen, deren Kinder aus dem Haus sind, wichtig zu erkennen, dass Sie heutzutage ihre Begabungen und Talente immer noch zum Blühen bringen können.

teleschau: Wie beobachten Sie das Aufwachsen Ihres Sohnes?

Immanuel: Natürlich merke ich, dass er jetzt mit zehn Jahren unabhängiger ist und mich nicht mehr so viel braucht. Er ist frei und selbstbewusst. Wenn ich abends auf eine Gala gehe, vermisst er mich nicht. Als er jünger war, habe ich Wert daraufgelegt, ihn zur Arbeit mitzunehmen - selbst, wenn ich im Ausland gedreht habe. Das mache ich bei längeren Abwesenheiten von zu Hause auch immer noch. Aber je selbstständiger mein Kind ist, desto mehr Freude habe ich daran, die entstehenden Lücken mit anderen Hobbys oder Projekten zu füllen. Deswegen passt es ganz gut, dass ich jetzt einen zweiten Anlauf nehme und mich wieder verstärkt ins Licht der Öffentlichkeit stelle.

"Ich bin als Mensch im Alltag eigentlich immer beschwingt"

teleschau: Zu diesem neuen Anlauf gehört auch, dass Sie ein Musikalbum aufgenommen haben. Wie kam es zu dieser Idee?

Rebecca Immanuel: Das war eine logische Konsequenz aus den Erfahrungen der letzten eineinhalb Jahren. Nachdem sich bei "The Masked Singer" einer meiner Herzenswünsche erfüllt hat, war das für mich logisch, durch die Tür zu gehen, die mir da aufgemacht wurde und ich mir einen weiteren Herzenswunsch zu erfüllen.

teleschau: Wann hat sich dieser Wunsch entwickelt?

Immanuel: Ich träume von dieser Platte seit vielen Jahrzehnten. Ich habe auch schon für "Edel & Starck" einen Song getextet und gesungen. Da ich mit dieser schönen Serie quasi über Nacht berühmt geworden war, wollte ich mit meinen selbstgeschriebenen Songs nicht auch noch in der Musiklandschaft öffentlich stattfinden. Vor zwei Jahren hat mich Yvonne Catterfeld auf der Berlinale gefragt, ob ich das nicht bereuen würde. Nachdem ich darüber nachgedacht hatte, musste ich feststellen: "Ja, das bedauere ich." Vielleicht war das mit einer der Impulse, die mich motiviert haben, endlich loszulegen und es in die Tat umzusetzen.

teleschau: Warum ist die Musik so wichtig für Sie?

Immanuel: Das Singen ist eine große Leidenschaft von mir und meiner Familie. Man sagt im Volksmund ja: "Da, wo gesungen wird, da lass dich nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder." Ich bin als Mensch im Alltag eigentlich immer beschwingt, und dann liegt einem auch mal ein Lied auf den Lippen. Schon als achtjähriges Mädchen habe ich gemeinsam mit einer Freundin, in schönstem Denglisch, mit Haarbürsten in der Hand ABBA-Songs geschmettert.

teleschau: Warum ist es ein Weihnachtsalbum geworden?

Immanuel: Ich habe mir im Mai 2020 gedacht, dass es eine wirklich herausforderndes Zeit ist, in der wir leben - nicht nur für unsere Gesellschaft, sondern für die ganze Welt. Und ich habe mich gefragt: Was wird es brauchen, wenn die Menschen Ende des Jahres nicht verreisen dürfen, um ihre Familie und Freunde wiederzusehen, wenn das Geld knapp ist und man nicht weiß was noch so alles auf einen zukommt? Und dann habe ich mich gefragt: Was kann ich tun, um Licht in die Dunkelheit zu bringen?

teleschau: Welche Antwort haben Sie gefunden?

Immanuel: Dass man in der dunklen Jahreszeit eine Portion Wärme, Hoffnung und Zuversicht braucht. Und eine Stimme, die einem versichert, dass am Ende einer jeden Nacht ein neuer Morgen wartet.