„Für mich geht eine aufregende Reise zu Ende“


Gerhard Cromme ist kein Mensch, der zu Wehmut neigt. Viele wollen sich an diesem Tag persönlich von dem Siemens-Aufsichtsratschef verabschieden – auch die, die so manche Auseinandersetzung mit ihm ausgetragen haben. „Das Leben geht weiter“, meint der hochgewachsene Manager fröhlich, „die Zukunft ist unwahrscheinlich spannend.“ Eine Bitte habe er aber noch, sagt Cromme schallend lachend: „Ich bitte um gnädiges Erinnern.“

Die Hauptversammlung am Mittwoch war der letzte Tag Crommes als Aufsichtsratschef. Nach dem Aktionärstreffen soll Ex-SAP-Chef Jim Hagemann Snabe übernehmen. Es ist eine Zeitenwende bei Siemens. In seiner Abschiedsansprache spannte Cromme noch einmal den etwas größeren Bogen von der Schmiergeldaffäre 2006 bis heute. „Die damalige Krise war für Siemens gefährlich, sogar existenzgefährdend.“ Ein weiterer tiefer Einschnitt sei der Rückzug aus der Telekommunikation, in der man den Anschluss an das Internetzeitalter verpasste. „Das Unternehmen darf nie wieder einen Paradigmenwechsel unterschätzen oder versäumen.“

Siemens habe immer versucht, aus den Problemen zu lernen, und sei heute gut für die Zukunft gerüstet. Ein paar persönliche Worte gab es dann doch noch. „Für mich geht eine aufregende Reise zu Ende“, sagte Cromme. Für ihn sei es stets eine „Ehre gewesen, diesem faszinierenden Unternehmen zu dienen“.


Siemens-Chef Joe Kaeser pries Cromme als „eine große Persönlichkeit der deutschen Wirtschaft“. Er habe sich um Siemens verdient gemacht und das Unternehmen 15 Jahre lang umsichtig begleitet. Auf dem Höhepunkt des Schmiergeldskandals hatte Cromme 2007 den Aufsichtsratsvorsitz bei Deutschlands wichtigstem Technologiekonzern übernommen. Er holte den Österreicher Peter Löscher als ersten Externen an die Spitze. Gemeinsam räumten die beiden gründlich auf. „Sie haben die Korruptionsaffäre lückenlos und transparent aufgeklärt“, lobte Fondsmanager Ingo Speich auf der Hauptversammlung.

Nach seinem unrühmlichen Abgang bei Thyssen-Krupp – er musste den Lebenstraum aufgeben, Berthold Beitz als Chef der mächtigen Krupp-Stiftung zu folgen – und einem wenig eleganten Rauswurf Löschers nach mehreren Gewinnwarnungen, geriet Cromme auch bei Siemens unter Druck. „Es gab Kritik ebenso wie Lob“, räumte Cromme am Mittwoch mit Blick auf seine Siemens-Zeit ein. Doch der gut vernetzte Manager, den manche Teflon-Cromme nannten, weil so viel an ihm abperlte, behauptete sich. Er installierte Joe Kaeser an der Spitze. Dessen Umbau zeigte Erfolge und so legte Cromme doch noch einen würdigen Abschied bei Siemens hin.

Abschiedstränen waren von Cromme nicht zu erwarten. Er schaue immer nur nach vorn. Als Beispiel nannte er im großen Handelsblatt-Abschiedsinterview sein Jurastudium. „Am 14. Januar 1971 habe ich mein zweites juristisches Staatsexamen bestanden. Abends habe ich heiß geduscht – und danach nie mehr ein juristisches Fachbuch in die Hand genommen.“ Auch mit Blick auf den Job rate er jungen Leuten immer wieder: „Der Job ist nicht alles! Macht Euch nicht davon abhängig. Der Job kann nämlich morgen oder übermorgen weg sein.“

Und so soll auch Siemens zwar ein wichtiges, aber doch nur ein Kapitel in seinem Leben sein. Die nächsten sind längst aufgeschlagen. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Auto1, dem Gebrauchtwagenportal mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz, hat er sich bereits einen zukunftsträchtigen Posten in der Start-up-Welt gesichert. „Seine neuen Aufgaben hören sich ziemlich spannend an, so richtig nach Ruhestand klingt es nicht“, sagte Kaeser schmunzelnd.


Auf der Hauptversammlung am Mittwoch spielte Cromme noch ein letztes Mal die Hauptrolle. Sein Nachfolger Jim Hagemann Snabe steht aber schon bereit. In vielerlei Hinsicht bedeute der Wechsel einen Einschnitt, sagt ein Insider. Cromme räumt selbst ein, dass er von Digitalisierung im Detail wenig verstehe. Als Ex-SAP-Chef ist Snabe Experte und kann Kaeser bei der Transformation unterstützen. Auch vom Typ her gibt es Unterschiede. Cromme gilt als ein wenig eitel. Snabe loben viele im Unternehmen für seine skandinavische Bescheidenheit.

Spannend dürfte das Zusammenspiel von Snabe und Kaeser werden. Dem Siemens-Chef habe ein Sparringspartner auf Augenhöhe gefehlt, der ihm auch einmal widerspreche, meint ein intimer Unternehmenskenner. Diese Rolle könne nun der zwar zurückhaltende, aber selbstbewusste Snabe übernehmen. „Das wird spannend.“ Kaeser sieht nach Angaben aus seinem Umfeld vor allem das internationale Netzwerk Snabes positiv. Snabe selbst hielt sich, wie es seine Art ist, am Mittwoch dezent im Hintergrund. Am Rande sprach er von den Veränderungen, die die Digitalisierung auch für die Gesellschaft bedeute. Es müssten neue Kompetenzen aufgebaut werden.

Bei Siemens, das ließ er spüren, hat Snabe viel vor. In den vergangenen acht Monaten hat er Fabriken aller Divisionen fast in aller Welt besucht. Und Cromme? Der schwärmt von der Position von Auto1 und hat noch viel vor. „Solange der liebe Gott mir Gesundheit gibt, mache ich weiter.“