Warum es sich für Führungskräfte lohnen kann, zum Mittagsschlaf aufzurufen

·Lesedauer: 4 Min.

Sommerzeit ist die Zeit der Schlaflosigkeit: Die einen schlafen nicht ein, weil das Schlafzimmer zu warm ist. Die anderen wachen zu früh auf, weil sich das erste Licht des Tages am Rollo vorbeischiebt und die Vögel vorm Fenster irgendwas zu besprechen haben. Das kann schön sein, wenn man — wie ich in diesem Augenblick —einfach rausgehen kann, um in den Arbeitstag zu starten. Doch für die meisten Menschen ist Schlaflosigkeit vor allem ein Problem.

Gähnen am Arbeitsplatz ist unsexy und signalisiert fehlende Leistungsbereitschaft. Zu recht natürlich, denn wer schlecht geschlafen hat, der ist nicht leistungsbereit. Tatsächlich wissen wir aus Untersuchungen an Ärzten, dass Müdigkeit im Beruf zu mehr Fehlern führt. In den frühen Jahren des Erwerbslebens ist Schlafmangel noch in Ordnung: Work hard, play hard wirkt wie ein Nachweis besonderer Leistungsfähigkeit. Bei Vätern ist Schlaflosigkeit ironisch lustig, so lange sie berichtet wird — und nicht sichtbar ist. Und Mütter weisen mit einer schlaflosen Nacht für viele nur nach, dass sie ihr Recht auf Teilnahme am Arbeitsleben verwirkt haben, tja schade.

Schlaflosigkeit ist eine Krankheit

Doch tatsächlich trifft die Schlaflosigkeit viele Menschen. Laut Gesundheitsreport der DAK schlafen 80 Prozent der Erwerbstätigen mindestens zeitweise schlecht. Etwa zehn Prozent leiden an einer schweren Schlafstörung. Wer am Tag 20 Kolleginnen und Kollegen begegnet, der begegnet im Schnitt also zwei Menschen, die – kaum sichtbar – so schlecht schlafen sind, dass es ihre Lebensqualität einschränkt. Und übrigens: Dem Report zufolge gehen die meisten Menschen mit dieser Schlafstörung nicht zum Arzt. Schlaflosigkeit fühlt sich wie Versagen an, ist aber eine verbreitete Krankheit. Selbst Schlafratgeber behandeln Schlaflose oft, als hätten sie nur keine Lust zu schlafen.

Kurze Nächte sind normal – aber nicht angenehm

Im Sommer kommen zu den Menschen mit einer Schlafstörung noch jene, die sehr normal auf ihre Umgebung reagieren. Und dann kann Schlaflosigkeit normal werden: Menschen schlafen ein, wenn es dunkel wird, ihre Körpertemperatur absinkt. Menschen wachen auf, wenn es heller und wärmer wird. Kurze heiße Nächte können ganz schön lang sein, wenn sie wach im Bett verbracht werden.

Kurzum: Viele Menschen schlafen mindestens manchmal schlecht und es behindert ihre Leistung. Es behindert außerdem ihr Lebensglück, ihre Gesundheit, ihre Kreativität, ihre Gelassenheit. Alles Dinge, die man sich von oder für Kolleginnen und Kollegen ja eigentlich wünscht.

Müdigkeit versus Mittagsschlaf

Eine leichte Lösung gibt es nicht. Schlafberatung kann helfen, wird aber im Informationszeitalter für viele nur wenige neue Erkenntnisse bringen. Denn die meisten Menschen sehr genau, was ihnen fehlt: eine Option für ein Nickerchen am Tag. Das gilt vor allem im Hochsommer, wenn viele Menschen früh aufwachen – oder von kleinen Lerchenkindern aus dem Bett geworfen werden.

Führungskräfte können wählen zwischen Mitarbeitenden, die übermüdet sind – oder die zwischendurch nicht erreichbar sind, weil sie schlafen. Ich habe neulich bei Twitter gefragt, ob die Menschen Mittagsschlaf machen würden. Nur 12,5 Prozent sagten Nein. Die will ja auch niemand zwingen. Aber für alle anderen kann es sich lohnen, ein Angebot zu schaffen.

https://twitter.com/Izyy/status/1402091934701731841

Schlafen macht alles besser

Was zum Schlafglück noch fehlt, ist die passende Kultur. Die Rahmenbedingungen gibt es schon: Mehr Menschen arbeiten häufiger im Home Office, Arbeitszeit und Erreichbarkeit sind ein wenig flexibler geworden. Aber wie fühlt es sich wohl an, wenn ein Team-Mitglied am Mittag sagt: Ich lege mich mal für eine halbe Stunde hin? Seltsam, vermutlich. Dahinter steckt das Gerechtigkeitsgefühl: Warum ist das jetzt plötzlich erlaubt? Kann ich dann auch früher gehen? Was, wenn das alle machen? Wenn das alle machen, die es brauchen, wäre das eine gute Sache. Ich habe diesen Text nach einer kurzen Sommernacht geschrieben und dann nach dem Mittagsschlaf überarbeitet. Für mich als ganzjährig Schlaflose ist das total normal – und eine ziemlich vernünftige Strategie

Schlafen erlaubt!

Doch Schlaf hat ein Akzeptanzproblem. Zwar gab es einige halbherzige Initiativen, Schlafräume in Büros zu schaffen. Aber das Gefühl, dass Tagschlaf normal und in Ordnung ist, das ist daraus nie entstanden. Das liegt primär daran, dass Menschen noch immer für ihre Zeit bezahlt werden, anstatt für ihre Ideen und die Art, wie sie den Job machen.

Und das muss sich jetzt ändern, denn Menschen müssen schlafen. Noch immer sind viele im Home Office. Teams erreichen sich über Messenger und verabreden Besprechungen per Video. All das muss einem Nickerchen am Tag nicht entgegenstehen. Und eine halbe Stunde nicht erreichbar zu sein, wird den Tag immer noch produktiver machen, als über Stunden den Feierabend herbei zu sehnen. Führungskräfte sollten deshalb dazu ermuntern, Schlaf nachzuholen. Es dient allen.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.