Jeder fünfte Job steht auf dem Spiel

Nach der Insolvenz ist Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann überzeugt, große Teile der Belegschaft weiter beschäftigen zu können. Langstreckenflüge will die Airline allerdings schon in den kommenden Wochen einstellen.


Jetzt ist das Verhandlungsgeschick der Lufthansa gefragt. Der Verwaltungsrat der insolventen Air Berlin hat am Montagmittag den exklusiven Gesprächen mit Lufthansa und Easyjet über einen Verkauf von Teilen der Airline grundsätzlich zugestimmt. Damit kann die Detailarbeit beginnen. Bis zu 12. Oktober hat sich Sachwalter Lucas Flöther Zeit gegeben, um die Verhandlungen zu einem Ende zu bringen.

Die Entscheidung für Lufthansa und Easyjet hat für mächtig Ärger bei unterlegenen Bietern wie den beiden Unternehmern Hans Rudolph Wöhrl und Utz Claassen sowie dem ehemaligen Rennfahrer Niki Lauda gesorgt. Sie werfen der Bundesregierung vor, sich einseitig für einen Zuschlag an Lufthansa ausgesprochen zu haben. Wöhrl und Claassen schließen Klagen nicht aus. Sachwalter Flöther wehrte sich am Nachmittag im Anschluss an die Verwaltungsratssitzung gegen diesen Vorwurf. „Gerüchte, die Politik habe auf die Auswahl der Investoren Einfluss genommen, sind völlig abwegig. So etwas würde es mit mir einfach nicht geben.“ Derjenige bekäme den Zuschlag, der  das beste Angebot zugunsten der Gläubiger vorlege, so Flöther weiter.  Dabei würden auch Kriterien wie die Sicherheit der Finanzierung oder mögliche Kartellprobleme analysiert. Zudem werde die EU-Kommission das Bieterverfahren prüfen.

Lufthansa will nach eigenen Angaben vor allem die 38 von Air Berlin samt Crew angemieteten Mittelstrecken-Flugzeuge absichern. Sie fliegen für die Lufthansa-Tochter Eurowings. Zwar gehören die Flugzeuge zum Teil bereits der Lufthansa. Aber sollte Air Berlin von heute auf morgen den Flugbetrieb einstellen müssen, wären davon auch die 38 Jets betroffen. Denn sie fliegen unter der Flagge von Air Berlin, unterliegen also auch der Betriebserlaubnis dieser Airline. Diese würde aber sofort erlöschen. Das will Lufthansa-Chef Carsten Spohr verhindern.


Daneben hat Lufthansa für weitere bis zu 40 Flugzeuge geboten, darunter die der österreichischen Air Berlin-Tochter Niki sowie der Luftfahrtgesellschaft Walter, ebenfalls ein Ableger von Air Berlin.  Insgesamt will Lufthansa bis zu 3000 Mitarbeiter von Air Berlin aufnehmen. Dafür soll die „Hansa“ rund 200 Millionen Euro geboten haben. Flöther wollte diese Zahl nicht bestätigen, sprach aber davon, dass die Chancen gut seien, den staatlichen Überbrückungskredit in Höhe von 150 Millionen Euro zurückzuzahlen.

Der britische Billigflieger Easyjet hat ein Gebot für bis zu 30 Flugzeuge der insolventen Air Berlin abgegeben, bestätigte Frank Kebekus, der Generalbevollmächtigte von Air Berlin. Die Offerte umfasse 27 bis 30 Maschinen vom Typ A320. Easyjet interessiert sich dem Vernehmen nach für Fluggerät und Start- und Landerechte am Standort Berlin sowie einzelne Verbindungen in Hamburg, München und Düsseldorf.

Insgesamt gab es Kebekus zufolge 16 Gebote, darunter keine für die 17 schon größtenteils stillgelegten Langstreckenflieger.


„Weitere Anpassungen im Flugplan folgen“

Auch für die meisten Mitarbeiter soll der Flugbetrieb weitergehen. Flöther, der Kebekus sowie Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann sehen gute Chancen, viele der Arbeitsplätze bei Air Berlin zu retten. „Wir sind auf dem Weg, für rund 80 Prozent unserer Kolleginnen und Kollegen gute Chancen für neue Arbeitsplätze bei den Bietern erreichen zu können“, sagte Winkelmann. Damit dürfte nur jeder fünfte Arbeitsplatz auf dem Spiel stehen. Allerdings sei dafür ein funktionierender Flugbetrieb die Grundvoraussetzung. „Alles andere gefährdet die Verhandlungen“, ergänzte Kebekus. Vor zwei Wochen hatten sich überraschend viele Piloten krank gemeldet, wohl aus Protest und Sorge um einen Verlust ihres Jobs.

Der Flugbetrieb der insolventen Air Berlin ist nach Unternehmensgaben noch bis Anfang November finanziert. „Wir sind sicher, dass wir den Flugbetrieb in den nächsten Wochen aufrecht erhalten können“, sagte Vorstandschef Thomas Winkelmann am Montag in Berlin. Eine entscheidende Frage in den Verkaufsverhandlungen sei deshalb, wie man die Zeit ab dem Beginn des Winterflugplans Ende Oktober finanziere.

Die Vorbereitungen bei Lufthansa für eine mögliche Integration laufen indes auf Hochtouren. Am Montag schrieb Eurowings offiziell 1000 zusätzliche Stellen für Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal aus. Es lägen bereits über 1500 Bewerbungen vor, berichtete Eurowings-Geschäftsführer und Personalchef Jörg Beißel. Sollte der Zuschlag bei Air Berlin nicht gelingen, sollen die Stellen gleichwohl am freien Markt besetzt werden. „Eurowings wird wachsen, dann halt organisch“, so Spohr.


Kaum noch Hoffnung auf einen Zuschlag macht sich offensichtlich die IAG, die Holding von Airlines wie British Airways und Iberia. „Wir haben ein bindendes Angebot für Teile von Air Berlin eingereicht, aber ich glaube, es ist keine Überraschung, dass die Lufthansa es bekommen wird“, sagte IAG-Chef Willie Walsh auf einer Branchenkonferenz in Barcelona. Man habe es Lufthansa in dem Bieterprozess sehr leicht gemacht, beklagte Walsh: „Aber wir müssen abwarten, wir haben bisher noch nichts offiziell gehört.“

Dafür bestätigte Air Berlin, zum 15. Oktober ihr Langstreckenangebot vollständig zu beenden. Zur Begründung hieß es, dass die „Flugzeugleasingfirmen sukzessive ihre Airbus A330-Jets zurückziehen“. Zudem streicht der Konzern zum 29. September die Verbindungen zwischen Hamburg und München sowie zwischen Köln/Bonn und München. „Weitere Anpassungen im Flugplan werden in den kommenden Tagen folgen.“