Die fünf großen Probleme der Weltwirtschaft

Wenn Dienstag das Elitenstelldichein der Weltwirtschaft in Davos beginnt, zeigen alle Wachstumszahlen nach oben. Doch die Wirtschaftselite ist beunruhigt. Das liegt an fünf Großbaustellen – und Davos-Stargast Trump.

Nach einem Jahr mit US-Präsident Donald Trump ist es eigentlich müßig, dessen immer wieder absurden Pointen zu beschreiben. Dennoch wird sich dies diese Woche nochmal lohnen. Trump schickt sich an, wenn ihn der Haushalts-Shutdown nicht doch in Washington hält, die wohl absurdeste Pointe seiner bisherigen Amtszeit zu überliefern. Der Präsident, der Anti-Globalist und Establishment-Stürmer, wird 45 Minuten lang vor den gut 3000 Managern und Politiker beim Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums in Davos sprechen. Mehr Globalisten und Establishement gibt es nirgends.

Und nichts zieht die Davos-Menschen, die in diesen Stunden in die verschneiten Berge von Graubünden pilgern, um das jährliche Hochamt auf den freien Handel und die Internationale der wirtschaftlichen Eliten zu singen, so in seinen Bann wie dieser Präsident. Wie überhaupt dieses Treffen in den nächsten Tagen zeigen wird, dass auch die Liga der Davos-Menschen noch zu einer nicht unzynischen Pointe in der Lage ist: Ausgerechnet das Treffen jener Menschen, die seit der Jahrtausendwende auszogen, das Ende der Politik und das Primat der freien Wirtschaft zu verkünden, stellen sich in diesem Jahr ganz in den Schatten der Politik.

Hing man in den vergangenen Jahren vor allem an den Lippen meist amerikanischer Heilsbringer aus den Tech-Firmen des Silicon Valley, dominieren dieses Jahr Staats- und Regierungslenker den Diskurs.




Neben Donald Trump werden Frankreichs Emmanuel Macron, den sie hier lieben, Großbritanniens Theresa May, die sie hier verspötteln, Deutschlands Angela Merkel, die sie hier skeptisch beäugen, und Kanadas Justin Trudeau, den sie hier feiern, reden. Sie werden sich großteils nicht, wie Manager das müssen, der Diskussion stellen sondern frontal predigen. Davos 2018, das ist auch die Rückkehr des Politischen in die Ökonomie.

Dabei wirkt die Wirtschaft auf den ersten Blick, als käme sie in diesen Monaten ganz gut alleine zu Recht. Wachstum, Einkommen, Konsum, Aktienkurse – alle wichtigen Faktoren befinden sich auf Rekordniveau. Und das seltsamerweise fast überall auf der Welt. Wie von einer unsichtbaren Hand synchronisiert. Erst Montagnachmittag prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem World Economic Outlook eine Ausweitung des seit 2016 anhaltenden Wachstums in den nächsten beiden Jahren.

Zum ersten Mal erwartet die Mehrheit (57 Prozent), der von PWC befragten 1900 Firmenlenker weltweit, dass die globale Wirtschaft in den kommenden zwölf Monaten wächst. Das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahr – der höchste jemals erreichte Anstieg und gleichzeitig das optimistischste Ergebnis, das je erreicht worden ist.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite: Der Blick auf das eigene Unternehmen fällt skeptischer aus: Lediglich 42 Prozent der CEOs weltweit gaben an, sehr zuversichtlich zu sein, dass das eigene Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten wächst (Vorjahr: 38 Prozent).

Diese Unsicherheit, die einen Schatten auf die gute aktuelle Lage der Weltwirtschaft wirft, resultiert aus fünf großen Knackpunkten der Weltwirtschaft.


Überfordert und ungleich


1. Technologische Überforderung

In den vergangenen Jahren waren sie nicht nur in Davos, sondern überall in der Wirtschaftswelt die unumstrittenen Heilsbringer: die Prediger des technologischen Fortschritts. Meist aus dem Silicon Valley. Meist jung und männlich. Eine Fake-News-Debatte, hunderttausenden Cyber-Angriffen und eine Entwicklungsrunde in künstlicher Intelligenz später hat sich das gedreht.

Statt Bewunderung müssen sich die Tech-Konzerne nun kritische Fragen gefallen lassen. Der Grund: Politiker, Top-Manager und auch deren Arbeitnehmer schlittern in einen Zustand der permanenten systemischen und individuellen Überforderung durch Technologie. Jedenfalls empfinden sie das so.

Ausgerechnet der daueroptimistische Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, hat diesen Befund gerade in ein Buch gefasst. „Shaping the Fourth Industrial Revolution“ wirbt für eine ganzheitliche Perspektive auf technologischen Fortschritt. „Wir brauchen einen solchen Ansatz“, argumentiert Schwab, „angesichts der beispiellosen Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie entwickelt. Denn dieses Tempo führt dazu, dass die Herangehensweisen von Regierungen, Regulierungsbehörden und Unternehmen, mit deren Hilfe wir die Auswirkung von Technologien bewältigen wollen, schnell veralten und überflüssig werden.“




Schwab legt dar, dass die politischen Führungskräfte „Systemführerschaft“ anstreben sollten, um sicherzustellen, dass es keine technologischen Entwicklungen ohne gleichzeitige Berücksichtigung von Regeln, Normen, Werten und Infrastrukturen gibt. Wenn sich die Technologie nicht innerhalb eines integrativen und nachhaltigen Steuerungssystems entwickelt, könnte die vierte industrielle Revolution die Einkommensunterschiede verschärfen und Milliarden von Menschen auf der Strecke bleiben, während gleichzeitig die Gelegenheit verpasst wird, Technologien zur Bewältigung globaler Herausforderungen einzusetzen. „Es hat mehr als ein Jahrzehnt gedauert, bis die Welt eine kollektive Antwort auf den Klimawandel gefunden hat. Wenn wir uns genauso viel Zeit lassen, um auf die vierte industrielle Revolution zu reagieren, verpassen wir die Chance, die Entwicklung der Technologien zu beeinflussen, die unsere Arbeits-, Lebens- und Handlungsweisen prägen“, sagt Schwab.

2. Ungleichheit

Es ist eine überraschende Allianz, die sich einig zu sein scheint: Das Versprechen der Davos-Elite von einst, Handlungsfreiheit für die Oberen gegen Wohlstand für alle, ist nicht aufgegangen. Im Gegenteil.

Die (westliche) Wirtschaftswelt kämpft gegen ein Ungleichheitsproblem. Das Weltwirtschaftsforum selbst bilanziert in seinem Risikobericht, der zum Jahrestreffen erscheint: „Wenn sich Konzerne weigern, auch nur einen kleinen Teil ihres Profits für Mindestlöhne auszugeben und Kollektivrechte der Arbeitnehmer aushebeln, dann haben sie den Sozialvertrag gebrochen“, heißt es wörtlich in der Studie. Deshalb sei es nun „Zeit für einen neuen Sozialvertrag“. Und IWF-Chefin Christine Lagarde sagt: „Das Wachstum in der Welt muss inklusiver werden.“ Es geben zu viele Menschen, die nicht von der florierenden Weltwirtschaft profitieren. „In einem Fünftel der Entwicklungsländer schrumpft die Wirtschaft“, sagt Lagarde. „Und innerhalb der Länder, die wachsen, profitieren zu viele Menschen nicht vom Wachstum.“




Die Nichtregierungsorganisation Oxfam veröffentlicht pünktlich zum Wirtschaftsgipfel: Die globale Ungleichheit wächst weiter. Die Zahl der Dollar-Milliardäre etwa stieg auf ein neues Allzeithoch, mit weltweit 2043 Milliardären. Alle zwei Tage sei einer hinzugekommen, rechnet Oxfam vor. "Das letzte Jahr sah den größten Anstieg der Zahl der Milliardäre in der Geschichte", heißt es. Die Zahlen stützen sich unter anderem auf Erhebungen der Bank Credit Suisse. Danach sind 82 Prozent des gesamten Vermögenszuwachses auf der Welt an nur ein Prozent der Weltbevölkerung geflossen - und zwar an jenes eine Prozent, das schon vorher das meiste besaß.

Diese, schon in den vergangenen Jahren vorgebrachte Botschaft, scheint langsam bei den Adressaten in Davos zu verfangen. „Die diesjährige Befragung beleuchtet einen Trend, den wir bei PwC schon länger beobachten: die wachsende Diskrepanz zwischen ökonomischen Erfolgen und dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Nutzen. Die Treiber des Fortschritts der vergangenen Jahre – Globalisierung, technologischer Fortschritt und finanzieller Fokus – haben zu beispielloser Produktivität, Innovationen und Wohlstand geführt. Durchschnittlich betrachtet jedenfalls. Allerdings profitiert nicht mehr jeder einzelne Bürger automatisch, wenn die Wirtschaft boomt“, sagt PWC-Deutschlandchef Norbert Winkeljohann.

„Die Entkopplung von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Nutzen ist ebenso ein Resultat der Globalisierung und des technologischen Fortschritts. Das Ergebnis sind Vertrauensverluste und Klüfte in und zwischen Gesellschaften. Angesichts dieser Entwicklungen müssen wir uns fragen: Was können CEOs tun, um diese Klüfte zu überwinden? Ein erster Schritt ist sicher, sich einem klaren Zweck zu verpflichten, der über rein finanzielle Wertschöpfung hinausgeht.“


"Wir werden weltweit nichts erreichen, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht dieselben Möglichkeiten hat"

3. Diversität

Längst hat die #metoo-Debatte es aus Kreisen Hollywoods in die Vorstandsetagen weltweiter Konzerne geschafft. Die Davos-Elite hat noch immer ein Sexismus-Problem. Nicht zwingend, zumindest nicht so dokumentiert, mit so krassen Auswüchsen wie in der Filmwelt. Und doch bleibt der Befund: Die Weltwirtschaft ist an ihren entscheidenden Stellen ein Club mittelalter bis älterer Herren.

Nun ist es nicht so, als ob sie das beim Weltwirtschaftsforum nicht erkannt hätten. So viele Frauen wie nie, heißt es, nähmen dieses Jahr in Davos teil. Doch hinter der bombastischen Ankündigung verbirgt sich eine weit weniger bombastische Zahl: 20 Prozent.

Die Frage, wie sich das absehbar ändern lässt, ist eine der großen Unbeantworteten. Quoten lehnt man in der marktoptimistischen Davos-Blase ab. Also versucht man es mit Symbolen. "Wir werden weltweit nichts erreichen, wenn die Hälfte der Erdbevölkerung nicht dieselben Möglichkeiten hat", sagt WEF-Präsident Borge Brende. Alle Co-Vorsitzenden der Jahrestagung seien Frauen, darunter die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg und die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde. "Mit den sieben weiblichen Co-Chairs senden wir ein starkes Signal aus, dass Gleichberechtigung und Frauenrechte im Zentrum einer zukunftsorientierten Politik für die Welt stehen", sagt Brende.




Auch zahlreiche Panels beschäftigen sich mit dem teils offenen teils verdeckten Sexismus in der Weltwirtschaft. Dabei ist der Gender-Gap in Davos nur das eine. Auch ideologisch entpuppt sich die Davos-Gemeinschaft trotz aller Bemühungen als homogene Gruppe. Wer hierher reist, hat ähnliche Ideen zur Lösung der Probleme, ähnliche Ausbildungen, einen ähnlichen Blick auf die Welt. Anders ausgedrückt: Auch wer soziodemographisch aus dem vorherrschenden Reigen heraussticht, passt habituell wieder hervorragend in die Gruppe. Der Davos-Mensch von heute kommt äußerlich bunt daher, innerlich aber trägt er Einheitsgrau.

4. Ernährung

Die Welt schien das Problem schon gelöst zu haben. Ein Blick auf das Davoser Programm aber belegt das Gegenteil: Die Welt steht vor einem Ernährungsproblem. Das Zusammenspiel aus steigender Weltbevölkerung und dem kompletten Scheitern der klassischen Agrar-Industrie katapultiert das Thema zurück auf die Agenda.




Die Fakten sind dabei klar: Schon in absehbarer Zeit wollen statt 7,5 gut 10 Milliarden Menschen ernährt werden. Gleichzeitig sorgen der steigende Fleischverbrauch und der wachsende Bodenverbrauch für nicht-landwirtschaftlich genutzte Fläche für eine sinkende Effizienz der Landwirtschaft mit Blick auf die Versorgung der Menschheit mit Nährstoffe. Galt in den vergangenen sechs Jahrzehnten die Chemie basierte Agrar-Industrie als Lösung dafür, ändert sich dieser Blick nun.

Nicht nur, dass Investoren hunderte Millionen Euro in den Bereich stecken. In Davos zeigt sich, dass die Weltwirtschaftselite sich bei der Suche nach Lösungen für das Problem von der Chemie ab und er Technologie zuwendet. Im Mittelpunkt der zahlreichen Veranstaltungen zum Thema stehen Fragen wie die Produktion künstlichen Fleisches, Technologie zum effizienteren Vertrieb von Nahrungsmitteln und bisher eher von Nichtregierungsorganisationen dominierte Ideen wie „Social Gastronomy“.



"Wer Zersplitterung nur als Risiko sieht, zieht die falschen Schlüsse"


5. Autoritäre Tendenzen

Davos 2018, das ist auch der Wettlauf der Systeme – und die Manager der globalen Konzerne stehen mittendrin. In diesen Tagen wird sich wohl eine Zweitteilung der Welt herauskristallisieren, die nicht mehr nach dem alten Ost-West-Schema funktioniert. Wenn der indische Premier Narendra Modi und US-Präsident Donald Trump das Jahrestreffen eröffnen beziehungsweise beschließen, werden zwei Staatenlenker für die Rückkehr einer Art autoritären Nationen-Egoismusses in die Weltwirtschaft werben. Sie stoßen damit durchaus auf Sympathien bei Unternehmern und Managern – ihre jeweiligen wirtschaftlichen Erfolgsbilanzen sind zumindest kurzfristig so schlecht nicht.

Auf der anderen Seite werden Politiker wie Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron oder Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau der Wirtschaftselite die Hand zu mehr internationaler Kooperation reichen. Sie werden die Werte des Liberalismus hochhalten und für die Faszination gesellschaftlicher Progressivität werben. Die Wirtschaftswelt Anfang des Jahres 2018 findet also auf einer Achse zwischen zwei Polen statt: das autoritäre Doppel Modi/Trump auf der einen, die Popstar-Ökonomie Macron/Trudeau auf der anderen Seite.

Entsprechend gab auch die Mehrheit der Unternehmenschefs in der PWC-Umfrage an, in einer zersplitterten Welt mit multiplen fragmentierten Volkswirtschaften zu leben (82 Prozent). Die CEOs weltweit sehen die Entwicklung hin zu vielfältigeren Normen und Wertvorstellungen (82 Prozent), zu regionalen Handelsblöcken (73 Prozent), steigendem Nationalismus (65 Prozent), zu verschiedenen Wirtschaftsmodellen (60 Prozent) und zu erhöhtem Steuerwettbewerb (54 Prozent).




Die Frage ist: Muss das schlimm sein? Und dafür lohnt sich der Blick in ein Buch, das auch dieser Tage erscheint. Die Ökonomin Irene Grabel von der Universität Denver wirbt in „When Things Don’t Fall Apart“ dafür, eine zersplitterte Welt auch als Chance zu sehen. Ihr Argument: Wenn alle mit den gleichen Rezepten und Perspektiven die Probleme der Welt angehen, werde die Welt insgesamt anfälliger. Denn erweise sich eine dieser Ideen als falsch, leider darunter die ganze Welt.

Sie bemüht dafür ein Bild aus der Agrarwirtschaft: Würde die ganze Welt von einer einzigen Mais-Sorte ernährt, reiche schon eine Krankheut, um die Ernährungssicherheit zu kippen. „Wer Zersplitterung nur als Risiko, Chaos und Gefahr sieht“, sagt Grabel, „der zieht die falschen Schlüsse aus der Welt.“