Fünf Gründe für Reals Absturz

Kerry Hau

Das Fußballgeschäft ist schnelllebig.

Vor einer Woche strahlten Cristiano Ronaldo und Zinedine Zidane noch ins Londoner Blitzlichtgewitter, präsentierten der Welt im feinen Smoking ihre Auszeichnungen zum besten Spieler und zum besten Trainer des Jahres.

Alles sah nach einer heilen königlichen Welt aus. Doch nur wenige Tage später herrscht Krisenstimmung bei Real Madrid. Mit der 1:2-Blamage bei Aufsteiger Girona hat sich das Starensemble vorerst aus dem spanischen Titelkampf verabschiedet.

Spitzenreiter FC Barcelona ist bereits um acht Punkte enteilt. Noch nie in ihrer Vereinsgeschichte haben die Madrilenen einen solchen Rückstand aufgeholt. (Die Tabelle der Primera Division) 

Woran hapert es beim Champions-League-Sieger? SPORT1 nennt fünf Gründe für Reals Krise.

- Ronaldo steht neben sich

Abgesehen von Spielmacher Isco erreicht zurzeit kein Real-Star Normalform. Nicht einmal Toni Kroos. Der sonst so hoch gelobte Weltmeister leistete sich in Girona zusammen mit seinen Mittelfeldpartnern Luka Modric und Casemiro 40 Ballverluste.

"Der Deutsche hat das Interesse am Spiel gegen den Ball verloren", konstatierte Marca, während Sport den früheren Bayern-Profi als "blass" und "träge" bezeichnete. (Die Pressestimmen zum Real-Debakel)

Das Sinnbild der Real-Misere ist aber Ronaldo.

Der wichtigste Mann des Teams hat den schlechtesten Saisonstart seiner Karriere hingelegt. Nur ein Tor steht für ihn in der spanischen Liga zu Buche. Das ist trotz seiner Sperre in den ersten vier Partien einfach zu wenig.

Sein einziges herausragendes Spiel machte der Portugiese in der Champions League gegen Borussia Dortmund, als er einen Doppelpack schnürte. Seitdem vergab er eine Vielzahl von Chancen, die er vor Monaten noch im Schlaf genutzt hätte.


- Keine Optionen für die Offensive

Die Abgänge von Alvaro Morata (für 80 Millionen Euro zum FC Chelsea) und James Rodriguez (auf Leihbasis zum FC Bayern) haben eine riesige Lücke hinterlassen.

Die beiden Offensiv-Stars erzielten in der vergangenen Saison zusammen 31 Tore und avancierten so vor allem in den Spielen gegen die vermeintlich leichten Gegner zu wichtigen Erfolgsgaranten.

Zidane unterschätzte ihren Wert. Mit Dani Ceballos holte er lediglich ein Mittelfeld-Juwel von Betis Sevilla als Ersatz. Der 21-Jährige ist aber noch lange nicht so weit, um eine Führungsrolle zu übernehmen. Gleiches gilt für den gleichaltrigen Marco Asensio.

Seinen französischen Landsmann Kylian Mbappe ließ sich Zidane dagegen durch die Lappen gehen. Bewusst. "Es hätte im Team für zu viel Unruhe gesorgt, wenn wir diesen Transfer getätigt hätten", erklärte Präsident Florentino Perez den Verzicht auf das Super-Talent.

Mbappe ging stattdessen zu Paris Saint-Germain - und Real setzte voll auf Karim Benzema. Als Backup für den alles andere als unumstrittenen Angreifer steht mit Borja Mayoral nur ein Spieler parat, der im vergangenen Jahr nicht einmal beim VfL Wolfsburg regelmäßig zum Einsatz kam.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit 19 Toren stellt der Titelverteidiger nur die viertbeste Offensive Spaniens. 


- Verletzungspech

Gareth Bale wäre einer, der dem Prunkstück Offensive wieder zu altem Glanz verhelfen könnte. Doch der Waliser ist extrem verletzungsanfällig, hat deshalb fast die Hälfte der vergangenen zwölf Monate (169 Tage) verpasst.

Umso törichter erscheint die Entscheidung der Real-Bosse, nicht auf die Abgänge von Morata und James reagiert zu haben. Neben Bale fehlen mit Dani Carvajal (Herzbeutelentzündung) und Mateo Kovacic (Patellasehnenanriss) zwei weitere Leistungsträger.

Doch damit nicht genug: Gegen Girona zog sich auch noch Stammverteidiger Raphael Varane eine Muskelverletzung zu. 

- Fehlender Hunger

Selbst die Galaktischen sind nur Menschen. Nach zwei Champions-League-Siegen in Folge ist ein Leistungseinbruch normal. 

Zidane will nichts von einem Einstellungsproblem wissen. Seine Spieler gestanden sich nach dem Debakel in Girona hingegen ein, keine hundert Prozent gegeben zu haben.

"Wir müssen an uns arbeiten, härter trainieren", sagte Casemiro. Isco fügte an: "Wir haben seltsam gespielt. Vielleicht hat uns auch ein bisschen die Einstellung gefehlt. So können wir nicht weitermachen."


- Barca in Gala-Form

Während Real in den vergangenen Jahren ans Siegen gewöhnt war, musste Erzrivale Barca häufiger bittere Niederlagen einstecken - wie beim spanischen Supercup im August. 

Die Königlichen schossen die Katalanen mit einer Gala-Vorstellung aus dem Bernabeu. Barcas Abwehrchef Gerard Pique klagte danach, er habe sich noch nie so unterlegen gegen die Hauptstädter gefühlt.

Seit jenem Abend ist Barca unbesiegbar. Neun Siege und ein Unentschieden in zehn Spielen lassen Reals Krise noch einmal schlimmer erscheinen.

Einen großen Anteil daran hat nicht nur Lionel Messi, sondern auch Marc-Andre ter Stegen. Der Nationalkeeper rettete seinem Team schon mit mehreren Glanzparaden wichtige Punkte.


Zidane, Ronaldo und Co. dürfen sich keine Ausrutscher mehr leisten. Ansonsten werden andere im kommenden Jahr im Londoner Blitzlichtgewitter strahlen.