Das sind die fünf Erkenntnisse von Wembley

Maximilian Lotz, Martin van de Flierdt, Jochen Stutzky, Reinhard Franke
Schafft die deutsche Mannschaft gegen Frankreich einen erfolgreichen Jahresausklang?

Joachim Löw hatte Experimente angekündigt und Wort gehalten. Doch nicht alle Testballons nahmen beim 0:0 von Wembley die vom Bundestrainer gewünschte Flugbahn.

"Die Automatismen haben nicht so gegriffen, wie wir es uns gedacht haben. Unser Umschaltspiel hat heute gefehlt", bemängelte Löw nach der Nullnummer gegen England im ZDF. Vor allem in der zweiten Hälfte blieb das deutsche Offensivspiel unter seinen Möglichkeiten. 

Welche Erkenntnisse bleiben von dem Gastspiel im Mutterland des Fußballs? SPORT1 zeigt die Lehren des Klassikers.

Tempo-Trio hat Perspektive

Löws Schachzug mit den drei sprintstarken Timo Werner, Leroy Sane und Julian Draxler in der Offensive ging zunächst auf. "In der ersten Halbzeit haben wir schnell nach vorne gespielt und hatten drei sehr, sehr gute Torgelegenheiten", sagte Löw.

Einem Tor stand entweder Englands gut aufgelegter Keeper Jordan Pickford oder, wie im Fall von Sane, die Latte im Weg. "Mich ärgert, dass ich nicht getroffen habe, weil ich immer noch kein Tor für Deutschland geschossen habe", erklärte der 21-Jährige.


Dennoch empfahl sich der formstarke Sane, der in der Premier League in elf Spielen bereits sechsmal getroffen hat, für weitere Einsätze von Beginn an. Sein erstes Tor im DFB-Dress scheint nur eine Frage der Zeit. Werner und Draxler haben schon beim Confed Cup gezeigt, dass sie gemeinsam funktionieren. Diese Tempo-Offensive hat durchaus eine Perspektive.

Kreative Doppelsechs mit Makel

Fast genau ein Jahr nach seinem bislang letzten Länderspiel feierte Ilkay Gündogan sein Comeback im Trikot des Weltmeisters. "Es hat gut getan, auch wenn mir noch ein bisschen der Rhythmus fehlt", sagte der ManCity-Stratege.

Auch wegen der ungewohnten Besetzung im defensiven Mittelfeld. "Eine Doppel-Sechs Mesut Özil/Ilkay Gündogan ist nicht ganz so leicht. Ich hatte die defensive Verantwortung, deswegen war es nicht ganz so leicht für mich, nach vorne Akzente zu setzen", gestand Gündogan.

Ein Experiment im ungewohnten 3-4-3, das wohl keine Zukunft hat und aufgrund des Fehlens von Toni Kroos eher eine Notlösung war.

Löw vermisste vor allem im zweiten Durchgang die Attacke aus der Tiefe: "Wir müssen wieder lernen, dass wir nach Balleroberungen schnell umzuschalten." Was die Leistung Gündogans betrifft, war Löw aber insgesamt zufrieden, "auch wenn er noch etwas brauchen wird".

Hummels empfiehlt sich als Chef

Mats Hummels feierte in seinem 61. Länderspiel eine Premiere: Erstmals führte der Innenverteidiger der Bayern die Nationalmannschaft als Kapitän aufs Feld.

Im Spiel überzeugte der Weltmeister als Chef der Dreierkette, war zweikampfstärkster Spieler des Teams. "Mats Hummels war natürlich überragend", deklarierte der Bundestrainer die Leistung seines Abwehrchefs zur Selbstverständlichkeit.


Aufgrund des Ausfalls von Jerome Boateng wird der Bayern-Verteidiger auch am Dienstag gegen Frankreich  (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) keine Verschnaufpause bekommen.

Ter Stegen bereitet keine Sorgen

Wird Manuel Neuer rechtzeitig wieder fit, ist der Bayern-Keeper auch bei der WM die klare Nummer eins.

Als sein Vertreter steht Marc-Andre ter Stegen parat, der beim FC Barcelona zuletzt stark auftrumpfte. "Marc-Andre bereitet sich für die Situation vor, dass er in Russland die Nummer eins sein kann", hatte sein früherer Mönchengladbacher Torwarttrainer Uwe Kamps zu SPORT1 gesagt. "Ich glaube, dass es so kommen wird, dass man an ihm nicht vorbei kommt."

Gegen England fand ter Stegen nach kleinen Wacklern zu Beginn zu seiner Souveränität und verhinderte mit einem starken Reflex gegen Jamie Vardy kurz nach der Pause einen Rückstand.

Insgesamt muss Löw sich um die Position zwischen den Pfosten keine Sorgen machen.

Halstenberg darf wiederkommen

Die Position des linken Verteidigers ist nach wie vor die größte Baustelle des Bundestrainers. Jonas Hector fällt nach wie vor verletzt aus. Als Alternative zu Marvin Plattenhardt testete Löw gegen England Marcel Halstenberg und bescheinigte dem Leipziger eine gute Leistung: "Es war absolut in Ordnung. Marcel hat seine Aufgabe sehr gut gemacht. Das war nicht ganz einfach nach zwei kurzen Trainingseinheiten und dann vor fast 90.000."

Der 26-Jährige schaltete sich im ersten Durchgang immer wieder mutig ins Offensivspiel ein, hatte in der Rückwärtsbewegung aber auch schwächere Momente und gewann nur 45,5 Prozent seiner Zweikämpfe. Dennoch war Kapitän Hummels angetan. "Das ist ein richtig guter Kicker. Physisch sehr stark, er hat einen überragenden linken Fuß. Er hat sehr intelligent verteidigt", meinte er über den Frischling zu SPORT1. "Marcel ist auf jeden Fall einer, den wir noch sehr, sehr gut gebrauchen können auf der Position, zumal Jonas Hector noch ausfällt. Ein guter Junge."

Halstenberg selbst hat es "riesig gefreut, hier in Wembley spiele zu dürfen. Darauf bin ich sehr stolz. Für den Einstand war es gar nicht schlecht. Es hat viel Spaß gemacht."