Füllstand der Gasspeicher in Deutschland ist erstmals wieder gesunken – beginnt nun der Zugriff auf die Gasvorräte?

Die Gasspeicher in Deutschland sind so voll wie noch nie. - Copyright: Picture Alliance
Die Gasspeicher in Deutschland sind so voll wie noch nie. - Copyright: Picture Alliance

Der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland ist zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gesunken. Er fiel am Dienstag um 0,04 Prozentpunkte auf 99,98 Prozent. Der Vorrat an Erdgas nahm um 0,1 Terawattstunden auf 245,34 Terawattstunden ab. Das geht aus Daten hervor, die der europäische Gasspeicherverbandes GIE am Dienstagabend veröffentlichte.

Der Füllstand der Speicher war seit Monaten stetig gestiegen. Lediglich am 28. September war er an einem Tag leicht gesunken. Ob der ebenfalls geringe Rückgang jetzt nur vorübergehend ist oder die Wende zum Ausspeichern signalisiert, werden erst die nächsten Tage zeigen. Es wäre aber nicht ungewöhnlich, wenn jetzt der Kipppunkt erreicht wird, an dem auf den Gasvorrat zurückgegriffen werden muss. Der Grund dafür ist das kältere Wetter und der damit steigenden Gasverbrauch der Haushalte.

In den vergangenen drei Jahren lag dieser Kipppunkt in den Kalenderwochen 41 bis 46. Wir befinden uns aktuell bereits in der 46. Kalenderwoche. In diesem Jahr hatten bisher das milde Herbstwetter und die Einsparungen bei Wirtschaft und Verbrauchern das lange Füllen der Speicher begünstigt.

In Deutschland gibt es rund 40 Untertage-Gasspeicher. Sie gleichen die Schwankung beim Verbrauch zwischen den wärmeren und kälteren Monaten aus. Vor diesem Winter haben die Speicher eine besondere Bedeutung, da Russland kein Gas mehr über die Pipeline Nord Stream 1 liefert. Deutschland versucht die Lücke mit einem Mix aus vollen Speichern, Einsparungen beim Verbrauch sowie zusätzlichen Gaslieferungen über bestehende Pipelines aus Norwegen und vier neue Terminals für Flüssiggas-Schiffe auszugleichen.

Die Chancen, ohne einen Gasmangel durch den Winter zu kommen, haben sich in den vergangenen Wochen verbessert. Der Vorrat an Erdgas in den annähernd vollen Speichern war zu Beginn eines Winters noch nie so groß. Wirtschaft und Haushalte sparen bisher viel Gas. Auch beim Bau der Terminals für das Flüssiggas (LNG) gibt es Fortschritte.

In Wilhelmshaven wurde am Dienstag der erste Anleger für LNG-Schiffe mit Flüssiggas (LNG) fertiggestellt. Der Chef der Netzagentur, Klaus Müller, sprach von einem "Doppelerfolg für die Versorgungssicherheit". Der LNG-Anleger sei fertig und die Gasspeicher seien "proppenvoll", schrieb Müller auf Twitter und fügte hinzu: "Diesen Schwung brauchen wir jetzt für den Ausbau Erneuerbarer Energien & ihrer Netze." Bevor über Wilhelmshaven in einigen Wochen LNG nach Deutschland importiert werden kann, sind aber noch Arbeiten wie die Fertigstellung einer Pipeline nötig.

Der aktuelle Vorrat in den Speichern von gut 245 Terawattstunden Gas allein reicht für den Verbrauch von etwa zwei Wintermonaten. Im Januar und Februar 2022 zusammen waren in Deutschland knapp 227 Terawattstunden Gas verbraucht worden.

Wie lange die Speicher reichen, hängt daher auch davon ab, wie viel Gas über den Winter nach Deutschland kommt und wie viel verbraucht wird. Der Verbrauch wiederum hängt an den Temperaturen und dem Verhalten von Unternehmen und Haushalten.

"Sollte es im Winter sehr kalt werden, werden sich die Speicher auch sehr schnell wieder leeren", sagte Müller. "Deshalb ist es wichtig, dass wir auch bei sinkenden Temperaturen weiterhin sehr sorgsam mit dem Gasverbrauch umgehen und so viel wie möglich einsparen".

Zuletzt entwickelte sich der Gasverbrauch günstig. Nach Daten der Netzagentur lag der Verbrauch in der ersten Novemberwoche um 36 Prozent unter dem Mittelwert der vergangenen vier Jahre. Die Netzagentur hat als Ziel ausgegeben, mindestens 20 Prozent zu sparen, damit Deutschland ohne Gasmangel durch den Winter kommt.

Die jüngsten Entwicklungen haben die Chancen dafür deutlich verbessert. Das geht auch aus einer Berechnung der Netzagentur hervor. Neben den Einsparungen hätten vor allem zusätzliche Gasimporte und geringere Exporte im europäischen Gasverbund die Situation verbessert. Deutschland bezieht mehr Gas aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen. Seit Ende Oktober kommt auch Gas aus Frankreich nach Deutschland. Hinzu kommen die LNG-Terminals.

Mit kühleren Temperaturen werden sich aber auch deutsche Gaslieferungen an Nachbarn wie Tschechien wieder erhöhen. Deutschland habe die Speicher dank der Gaslieferungen aus anderen Ländern sehr schnell befüllen können, sagte Behördenchef Müller. "Deshalb sollte die Solidaritätsverpflichtung gegenüber unseren europäischen Nachbarn auch nicht infrage gestellt werden. Es gibt klare gesetzliche Regeln, die im Falle einer Gasmangellage greifen."

Haushalte und kleinere Gewerbekunden sind in Deutschland für rund 40 Prozent des Gasverbrauchs verantwortlich. Die übrigen 60 Prozent entfallen auf große Industriekunden. Die Haushalte und auch viele Unternehmen verbrauchen den Großteil des Gases in der Heizperiode zwischen Oktober und April.

Die Netzagentur entscheidet im Falle eines Engpasses über die Rationierung von Gas. Dabei gibt es eine Reihenfolge, nach der zuerst viele Unternehmen von Einschränkungen betroffen wären. Das soll helfen, kritische Infrastruktur und auch die privaten Haushalte vor Einschränkungen zu schützen.

Mit Material von DPA