Führung: Zechverbot im Vorort Nippes

Harald Neumann und Pit Hoff zeigen historische Stätten des Stadtteils - Früher...

Wenn man sich schon seit so langer Zeit mit Stadtteilgeschichte und Veedels-Archivalien beschäftigt wie Harald Neumann und Pit Hoff, entwickelt man ein besonderes Talent - nämlich vor dem inneren Auge Dinge zu sehen, die anderen Menschen verborgen bleiben. "Wie Sie sehen, sehen Sie hier nichts", erklärt Pit Hoff den Teilnehmern der Veedelstour, als er vor einem unscheinbaren Mietshaus an der Merheimer Straße stehen bleibt - unweit der Kreuzung Mauenheimer Straße. "Aber bis 1911 stand hier die Zuckerfabrik Pfeifer & Langen. Der Inhaber baute die Drei-Fenster-Häuser, die Sie dort drüben finden. Mehrere Familien konnten dort unterkommen. Die Häuser waren wegen ihres klaren Schemas schnell erbaut und relativ günstig zu errichten - heute sind sie unbezahlbar", so der Archivar und Stadtteilführer. "Und dort, in Hausnummer 264, wohnte übrigens Margit Nünke, die ehemalige Miss Europa aus Nippes, die 2015 im Alter von 84 Jahren verstarb."

"Loss mer jet durch Nippes jonn" ist der Titel der regelmäßigen Führung des Nippeser Archivs für Stadtteilgeschichte. In der zweistündigen Runde vom Ortszentrum an der Neusser Straße bis vor die Tore der Autofreien Siedlung lernen die Teilnehmer viel über die Historie des im 19. Jahrhundert stark gewachsenen Veedels - und über ganz aktuelle Probleme und Herausforderungen. Diesmal sind zehn Leute dabei, auch in Kooperation mit dem alternativen Stadtführungs-Verein "Stattreisen", der die Tour in sein Programm aufgenommen hat. Sie lassen sich auf dem lehrreichen wie amüsanten Rundgang durchs Veedel leiten. Dabei erzählen Neumann und Hoff nicht nur viele Veedels-Anekdoten, sondern räumen auch mit so mancher urbanen Legende auf, die über Nippes verbreitet ist.

Einer davon waren die beiden selbst bis vor nicht allzu langer Zeit aufgesessen. "Die Florastraße hieß tatsächlich früher einmal Kappesgasse. Wir dachten bis vor Kurzem, das entsprechende Schild an Haus Schnackertz sei ein Scherz der Nippeser Bürgerwehr. Doch dann bekamen wir einen Kaufvertrag von 1847 in die Hand, eben über ein Haus an der Kappesgasse", erzählt Neumann.

An der Kreuzung, wo das "Nippes-Tower" genannte Hochhaus steht - "eine sogenannte städtebauliche Dominante, aber schön finden muss man sie trotzdem nicht", merkt Hoff kritisch an -, blicken sie auf den berühmten "Dollbier"-Erlass des Kölner Stadtrats aus dem 17. Jahrhundert zurück, der Kölner Bürgern das "Auslaufen" zum Feiern und Zechen in den damaligen Vorort Nippes verbot. Auch der U-Bahn-Bau bis 1974 und die im gleichen Zug erfolgte autogerechte Umplanung wird erwähnt - demnächst soll ihr eine erneute, diesmal aber fußgängerfreundliche Neukonzeption folgen. Auch heute sei die Struktur der Nippeser Hauptmeile im Umbruch. "In den vergangenen Jahren sind viele Cafés entstanden, dafür haben es die alten Kneipen schwer", so Neumann. "Aber der Golde Kappes ist natürlich eine Institution."

Mit einem weiteren verbreiteten Veedelsmärchen machten die beiden am Wilhelmplatz kurzen Prozess, wo seit 1900 täglich ein Markt stattfindet. "Die Geschichte über die Schenkung des Platzes an die Stadt, unter der Bedingung, dort einen täglichen Markt zu organisieren, stimmt nicht. Es gab einen ganz normalen Kaufvertrag. Der Markt findet nur deshalb heute noch täglich statt, weil es sich einfach lohnt." Den scherzhaften Namen "Taj Mahal" verdanke der Trafo-Überbau auf dem Platz dem damaligen Oberbürgermeister Norbert Burger, der das architektonisch fragwürdige Gebäude 1992 eröffnete und so nannte. Wieder etwas weiter zurück in der Geschichte geht es am - offiziell namenlosen - Schillplatz, in die Zeit, als Nippes noch 500 Einwohner hatte. "Die Kirche St. Heinrich und Kunigund wurde schnell zu klein für den Ort, weshalb der Architekt Vinzenz Statz St. Marien am Baudriplatz als Nachfolgekirche baute", erläutert Neumann. Das erste Nippeser Gotteshaus, ebenfalls von Statz erbaut, verkürzte die Wege der Gemeindemitglieder damals erheblich; bis dahin war Alt St. Katharina am Niehler Rheinufer ihre Pfarrkirche. Dass St. Heinrich und Kunigund - heute auch als Konzertsaal "Klangraum Kunigunde" und als Ausweichort für Gottesdienste während der Sanierung von St. Marien genutzt - noch steht, sei ausgerechnet den Nazis zu verdanken. "Es gab in den 1930er Jahren Abrisspläne, doch das NS-Regime erzwang Erhalt und Renovierung. Wohl auch, weil die Katholiken-Gemeinde so bei der Renovierung finanziell eingebunden wurde und ihr Geld nicht in soziale Zwecke oder Pfadfindergruppen investieren konnte, die man politisch bekämpfte. Es ging wohl eher nicht um den Erhalt der Kirche um ihrer selbst willen."

Direkt in Zusammenhang mit der Nazi-Herrschaft steht der Stolperstein vor einem Haus an der Thüringer Straße. Dort wohnten die Eheleute Rosa und Rudolf Safarowsky, die als Kommunisten verfolgt wurden. Während er 1943 auf offener Straße von Gestapo-Leuten erschossen wurde, starb seine Frau 1945 im KZ Sachsenhausen. "Es ist einer der wenigen Stolpersteine für NS-Opfer, die nicht aus religiösen Gründen verfolgt wurden. Wir setzen uns dafür ein, den bisher namenlosen Fußweg durch das Nippeser Tälchen nach ihnen zu benennen", berichtet Neumann. "Dort gibt es keine Anwohner, niemand müsste seine Anschrift ändern lassen." Das mussten hingegen die Anwohner des Erzbergerplatzes im Laufe der Zeit gleich drei Mal: Der ursprünglich nach der preußischen Königin Luise benannte Platz wurde 1923 umgetauft, um des ermordeten Zentrums-Politikers Matthias Erzberger zu gedenken, der die deutsche Kapitulation im Ersten Weltkrieg unterzeichnete und so den Hass von Fanatikern auf sich zog. Die Nationalsozialisten machten 1933 die Umbenennung rückgängig; doch seit Ende des Zweiten Weltkrieges trägt der Platz wieder seinen neu-alten Namen.

Im Nippeser Tälchen wiederum liege die Gelände-Senke, die dem Stadtteil wohl als "Niep" ihren Namen gab. "Bei Hochwasser müssen die Kleingärtner Gummistiefel anziehen, so niedrig liegt das Gelände hier." Wenig weit entfernt liegt das St.-Vinzenz-Krankenhaus, wo Neumann mit viel Wehmut auf die zum Jahreswechsel erfolgte Schließung der Kreißsäle aufmerksam macht: Die Geburtshilfe hat die Cellitinnen-Stiftung als Trägerin von St. Vinzenz nun in ihrem Longericher Heilig-Geist-Krankenhaus zentralisiert. "Es ist der Geburtsort für etliche Bewohner von Nippes - in Zukunft aber nicht mehr. Seit diesem Jahr gibt es keine neuen echten Nippeser mehr, was ich zutiefst bedauere."

Weitere Spaziergänge durch Nippes

Zur nächsten Auflage ihres aktualisierten Veedelsrundgangs "Loss mer jet durch Neppes jonn" laden Harald Niemann und Pit Hoff vom Nippeser Archiv für Stadtteilgeschichte am Sonntag, 3. September, sowie am Sonntag, 8. Oktober, ein. Treffpunkt ist jeweils um 15 Uhr der Ausgang der U-Bahn-Haltestelle Florastraße vor dem Eingang des "Golde Kappes".

Am Samstag, 24. September, führt das Duo außerdem unter dem Titel "Nippes - sein unbekannter Osten" die Teilnehmer durch die Stadtteilhälfte östlich der Neusser Straße, die momentan durch den Bau der Siedlung auf dem ehemaligen Clouth-Werksgelände in einem starken Umbruch ist. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Haupteingang des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums, Blücherstraße 13-15. Der Kostenbeitrag liegt bei beiden Führungen bei 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Eine Anmeldung für die Führung ist nicht erforderlich.

Ebenfalls zu einem Stadtteils-Rundgang, "Nippes per pedes", lädt der Archivar, Autor und Stadtteilführer Reinhold Kruse am Sonntag, 24. September, sowie Sonntag, 22. Oktober, ein. Unter dem Motto "Nippes ist nicht nur Kappes!" geht es einmal quer durch das Veedel, dabei serviert er viele geschichtliche Hintergründe und Anekdoten. Start der Tour ist jeweils um 15 Uhr vor dem Tor des Bürgerzentrums Altenberger Hof, Mauenheimer Straße 92. Der Kostenbeitrag liegt bei 10 Euro pro Person, eine vorherige Anmeldung ist auch hier nicht nötig. (bes)...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta