Führender VW-Ingenieur belastet Martin Winterkorn schwer

Der ehemalige VW-Chef Winterkorn soll früh über die Diesel-Manipulationen informiert worden sein. Das könnte den Konzern teuer zu stehen kommen.


Der Karriere von Friedrich Eichler hat der Dieselskandal nicht geschadet. Das ist beachtlich für einen Mann, den die Staatsanwaltschaft Braunschweig als einen von 39 Beschuldigten in einem Betrugsverfahren führt, das den größten Autobauer der Welt seit knapp drei Jahren in Atem hält.

Seit 2014 war der Ingenieur für die Antriebstechnologie im VW-Konzern verantwortlich. In seine Zuständigkeit fielen damit auch die Dieselaggregate, die der Autobauer viele Jahren so manipulierte, dass sie auf der Straße viel mehr giftige Stickoxide ausstießen als auf dem Prüfstand. Eichler ist auch heute noch bei VW, seit Mitte 2017 leitet er die Fahrwerkentwicklung.

Auf einen anderen wichtigen Mann trifft das nicht zu. Der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn trat wenige Tage nach Bekanntwerden des Skandals am 23. September 2015 zurück. „Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärte Winterkorn und ergänzte: „Der eingeschlagene Weg der Aufklärung und Transparenz muss weitergehen.“

Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig

Jetzt erschüttern Eichlers Aussagen die Version Winterkorns, er habe von der „Tragweite der Verfehlungen nichts gewusst“. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, gab Eichler im Herbst 2017 gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig zu Protokoll, dass Winterkorn im Mai 2015 plötzlich zu einem Geheimtreffen in seinem Büro geladen habe, in dem der damals noch nicht öffentlich bekannte Dieselskandal Thema war.


An dem Treffen sollen auch weitere Teilnehmer teilgenommen haben. Danach soll das Thema weiter vorangetrieben worden sein – in einer Art geheimen Operation. In der letzten Augustwoche 2015 habe man sich in der streng vertraulichen Runde mit VW-Juristen über das weitere Vorgehen in den USA abgestimmt. Vor dem Sitzungsraum hätten die Handys abgegeben werden müssen, damit nichts nach außen dringt.

Man habe bei den Treffen auch darüber diskutiert, ob man die Aktionäre informieren müsse. Man entschied sich dagegen. Eichler soll dann ausgewählt worden sein, um gegenüber den US-Behörden eine Art Beichte abzulegen.

Keine Aussage von Winterkorns Verteidiger

Winterkorns Verteidiger Felix Dörr wollte auf Nachfrage nichts zur Aussage Eichlers sagen; der Anwalt Eichlers gab an, weder er noch sein Mandant wollten den Medienbericht kommentieren. Im VW-Konzern gibt man sich zu den Inhalten der Aussage des Technikers sehr zurückhaltend. So teilt der Konzern auf Nachfrage des Handelsblatts mit, „nach eigenen Erkenntnissen habe das Treffen so nicht stattgefunden“. Die Aussage Eichlers sei weder von den Aussagen anderer angeblicher Teilnehmer noch durch andere Indizien belegt.

Ob dieses Treffen nun so und zu diesem Zeitpunkt und mit dem angegebenen Inhalt stattgefunden hat oder nicht - schon zuvor gab eine einige Hinweise darauf, die darauf hindeuten, dass es anders war, als Winterkorn es darstellt. Der hatte etwa noch Anfang 2017 vor dem Abgas-Untersuchungsausschuss im Bundestag ausgesagt, „nicht vor September 2015“ Bescheid gewusst zu haben.

Bereits im Mai 2014 wiesen Winterkorn nahestehende Mitarbeiter eindringlich auf die Probleme in den USA hin und machten ihrem Chef Aktenvermerke für die sogenannte „Wiko-Post“. Am 27. Juli 2015 soll ein hochrangiger VW-Jurist mit Winterkorn über die Betrugssoftware gesprochen haben.

Kläger bringen sich in Stellung

Neben der möglichen strafrechtlichen Relevanz könnte das Treffen auch Folgen für zivilrechtliche Auseinandersetzungen mit Aktionären haben. In Braunschweig und Stuttgart laufen Schadensersatzverfahren von Aktionären der VW AG sowie der Holding Porsche SE. Insgesamt fordern die Investoren rund zehn Milliarden Euro. Sie argumentieren, dass die Konzernspitzen viel früher über die Manipulationen und die finanziellen Folgen für den Autobauer wussten.

Wissentlich hätten Sie den Kapitalmarkt darüber im Dunkeln gelassen. Erst am 22. September gab VW eine Ad-hoc-Mitteilung heraus - einige Tage nach einer Information der US-Umweltbehörde. Der Aktienkurs war da bereits in die Knie gegangen. In zwei Tagen büßte die VW-Aktie in der Spitze bis zu 40 Prozent ein.


Welche Bedeutung die Aussage Friedrich Eichlers für die Aktionärsklagen hat, ist abzuwarten. „Der Nachweis einer Kenntnis Winterkorns ab Mai 2015 hätte zunächst nur für diejenigen Kläger unmittelbare Bedeutung, die nach diesem Zeitpunkt investiert haben“, sagte Andreas Tilp, der den Musterkläger Deka vor Gericht vertritt. „Wir vertreten aber die Auffassung, dass die Desinformationsphase bereits viel früher begann, nämlich im Juni 2008“, so Tilp. Damals begann die Diesel-Offensive von VW in den USA. Der Anwalt eines anderen großen institutionellen Investors relativiert den Vorgang ebenfalls: „Die Relevanz ist aus meiner Sicht auch begrenzt.“

Interessant könnte die Aussage Eichlers aber vor allem deshalb sein, weil sie in gewissem Widerspruch zu der VW-Version von der Arglosigkeit des Vorstands bis in den September 2015 stehen, als die US-Behörden den Dieselskandal öffentlich bekannt machten. Klägeranwalt Tilp geht davon aus, dass der Aussage Eichlers weitere folgen werden: „Das Schweigekartell wird auf Dauer nicht zu halten sein.“