Förderkürzung als Dauerzustand

Das Ölkartell drosselt zwar die Ölproduktion – fördert aber mehr als vereinbart. Nun will Saudi-Arabien die Deckelung verlängern. Doch Analysten und sogar Bündnispartner bleiben skeptisch.


Russland gilt als wichtigster Verbündeter der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) im Pakt zur Förderkürzung. Doch was der Chef des größten russischen Ölkonzerns Rosneft nun zu sagen hatte, dürfte den Öl-Scheichs überhaupt nicht gefallen. „Ich glaube, dass das Opec-Abkommen keinen Einfluss auf den Markt hat“, sagte er vor kurzem der russischem Nachrichtenagentur Tass. Der Preisaufschwung liege vielmehr an der Dollar-Abwertung.

Das allein sind schon harte Worte eines Verbündeten. Igor Setschin aber legte zu Wochenbeginn noch einmal nach: Im kommenden Jahr rechnet er mit einem Ölpreis zwischen 40 und 43 Dollar – also einem Fünftel weniger als heute. Schlechte Nachrichten für die von Öleinkünften abhängigen Staatshaushalte der Opec-Länder.

Die Reaktion ließ denn auch nicht lange auf sich warten: Dass Saudi-Arabien an einer Verlängerung des aktuellen Kürzungsabkommens tüftelt, das insgesamt 1,8 Millionen Barrel Öl täglich vom Markt nehmen soll, ist bekannt. Nun gibt es in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Venezuela und Kasachstan offenbar erste Verbündete. Den Preis für ein Barrel (159 Liter) Brent-Öl hat diese Entwicklung am Dienstag über 54 Dollar getrieben. Hinzu kommt, dass die Opec laut ihrem jüngsten Ölmarktbericht im August mit 32,75 Millionen Barrel pro Tag wieder weniger förderte als im Juli.


Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Erstens überschreitet das Kartell damit nach wie vor seine selbst gesetzte Obergrenze von 32,5 Millionen Barrel pro Tag. Zweitens bleibt das größte Problem innerhalb der Opec nach wie vor ungelöst: Wie soll man mit Libyen und Nigeria umgehen, die von den Kürzungsmaßnahmen ausgenommen sind und im Vergleich zum vergangenen Jahr rund 670.000 Barrel Öl pro Tag mehr fördern? Eine Antwort auf diese Frage hat die Allianz noch nicht gefunden. Tatsächlich wäre es den Ölscheichs am liebsten, wenn sie die beiden Länder künftig zum Kürzen überreden könnten.

Die Opec steckt in einem Dilemma. Einerseits sinken die globalen Lagerbestände, was das erklärte Hauptziel der Kürzungsmaßnahme war. Andererseits sind sie noch nicht auf dem Fünf-Jahres-Durchschnitt angekommen, den das Kartell erreichen will. Und noch immer kommt Gegenwind nicht nur aus den eigenen Reihen – Libyen und Nigeria – sondern vor allem aus den USA. Wegen der weiter steigenden Schieferölproduktion rechnen Ölanalysten wie jene der Société Générale im kommenden Jahr bereits wieder mit steigenden Vorräten.


Nächstes Opec-Treffen im November


Die Amerikaner werden auf dem Weltmarkt zu immer schärferen Konkurrenten der Opec. Obwohl die USA noch immer mehr Öl verbrauchen, als sie selbst produzieren, wittern sie gute Geschäfte jenseits ihrer Grenzen. Nachdem die USA Ende 2015 ihr Ölexportverbot aufhob, drängen die Produzenten verstärkt auf den Weltmarkt, nicht zuletzt in Asien. Der Kontinent ist wiederum für Saudi-Arabien der bevorzugte Abnehmermarkt. In China jedoch verloren sie zuletzt Marktanteile, obwohl das Reich der Mitte mehr importierte. Dort sieht die Bank of America aktuell das amerikanische Öl wegen seines günstigeren Preises im Vorteil – das nordamerikanische Leichtöl WTI kostet rund drei Dollar je Barrel weniger als Opec-Öl.

Die Saudis möchten das wiederum nicht hinnehmen und verschärfen ihre Exportpolitik. Die Lieferungen in die USA wollen sie im September nach Reuters-Berichten reduzieren. Das Öl könnten sie wiederum nach Asien verschiffen, während sich die Amerikaner um Alternativen bemühen müssten, seien es Importe aus anderen Ländern oder eben der Verbrauch von in den USA produziertem Öl.


Wer nun dachte, dass Hurrikan Harvey der Opec zugutekommen könnte, weil er große Teile der ölverarbeitenden Industrie in den USA lahmlegte, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall: Weil Raffinerien ausfielen, sank die Nachfrage nach amerikanischem Öl. Die Lager füllten sich.

So muss sich die Opec weiter in Geduld üben, um den angepeilten Lagerabbau zu erreichen. Vieles deutet darauf hin, dass sich das Ölkartell auf dem Weg in eine Langzeitkürzung befindet. Laut Bloomberg soll der Deal über März 2018 hinaus wohl noch einmal um mehr als drei Monate verlängert werden. Ob sich das Kartell darauf einigen kann, wird sich am 30. November zeigen. Dann kommt die Opec zu ihrem nächsten Treffen in Wien zusammen.

Ursprünglich war der Deal als Kurzeingriff geplant: Nach sechs Monaten sollte Ende Juni 2017 Schluss sein. Dieser Plan hat sich als bloße Wunschvorstellung entpuppt.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern - sprich Russland - zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.