EZB setzt Geldpolitik der Negativzinsen fort - Ökonom Lars Feld glaubt nicht an Kurswechsel vor 2023

Tristan Filges
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Christine Lagarde leitet als Präsidentin die  Europäischen Zentralbank.
Christine Lagarde leitet als Präsidentin die Europäischen Zentralbank.

Mehr als 300 Banken erheben in Deutschland inzwischen Negativzinsen oder eine unübliche Gebühr auf Tagesgeld- und Girokonten. Für die Sparer in Deutschland bedeutet das, dass Geld sparen ein Verlustgeschäft ist. Zusätzlich zu den Negativzinsen lässt auch die Inflation den Wert der Sichtguthaben sinken und den Bürger an Kaufkraft verlieren.

Zurückzuführen sind die negativen Zinsen auch auf die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die verkündete heute auf einer Pressekonferenz aber keine Abkehr von dem bisherigen Vorgehen und will die Wirtschaft damit weiter stabilisieren.

Die EZB hat eine wesentliche Aufgabe: Preisstabilität in Form einer konstanten Inflation. Sie legt dieses Ziel aus, als eine angestrebte Inflation von knapp unter zwei Prozent. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie mehrere Instrumente, die sie benutzen kann.

Die EZB kann drei Zinssätze bestimmen

Ein Mittel, um Preisstabilität zu erreichen: Sie kann gleich drei Zinssätze setzen, die direkte Einflüsse auf die Zinsen der Banken haben. Die Einlagefazilität ist der Zinssatz, für den die Banken Tagesgeld über Nacht beim Eurosystem ablegen können. Der Wert liegt seit Sommer 2014 bei -0,5 Prozent. Dann gibt es noch den Zinssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte, der auch als Leitzins bezeichnet wird und wöchentlich angepasst werden kann, aber seit 2016 genau 0 Prozent beträgt. Die Spitzenrefinanzierungsfazilität ist der Zinssatz, mit dem sich Banken kurzfristig unbegrenzte Gelder leihen können. Der Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent.

Auf der heutigen Pressekonferenz wurde bekanntgegeben, dass die Zinssätze sich vorläufig nicht ändern werden. In dem unteren Diagramm ist der Verlauf der drei Zinssätze seit 1999 zu sehen. Hier kann man gut erkennen, wie die Zinssätze im Verlauf der Zeit gesunken sind und nun bei um 0 Prozent stagnieren.

Mit niedrigen Zinssätzen versucht die EZB seit Jahren das Wirtschaftswachstum zu stimulieren. So sollen Unternehmen und Bürgern die Möglichkeit für Investitionen gegeben werden und die positive Entwicklung von technologischem Fortschritt und Produktivität vorangetrieben werden.

Kritiker bemängeln, dass aber eben diese Negativzinsen Unternehmen am Leben halten, die eigentlich nicht mehr effektiv wirtschaften und unter normalen Umständen pleite gehen würden. Diese Unternehmen würden Kapital und Fachkräfte ineffizient binden und so dem Markt vorenthalten, was genau das Gegenteil des Ziels der EZB bewirken würde. Technischer Fortschritt und Produktivität könnte so möglicherweise ausgebremst werden.

Auch die Refinanzierungsgeschäfte tragen zu dem niedrigen Zinsniveau bei

Es ist schwer vorherzusagen, welcher Einfluss der drei verschiedenen Zinssätze auf die Negativzinsen am Größten ist, erklärt Lars Feld im Gespräch mit Business Insider. Der Ökonom ist ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Begutachtung und spricht mit Business Insider über die Einflüsse der Geldpolitik der EZB.

"Neben der Zinssetzung der EZB sind andere Maßnahmen entscheidend, etwa die Refinanzierungsgeschäfte, die TLTRO (Targeted longer-term refinancing operations), die medial fast stiefmütterlich behandelt werden. Dort bekommen Banken für ihre Kredite bei der EZB sehr günstige Konditionen, teilweise sogar mit Negativzinsen. Sie müssen diese Mittel unter bestimmten Bedingungen an die Wirtschaft ausreichen", erklärt Feld.

Durch das Refinanzierungsgeschäft versucht die EZB, die Kreditvergabe der Banken an die Wirtschaft sicherzustellen. Die Negativzinsen aus dem Refinanzierungsgeschäft beeinflussen die Zinssätze der Banken aber deutlich stärker als man annehmen könnte. Auf der Pressekonferenz wurde heute mitgeteilt, dass auch die TLTRO vorerst weiterlaufen werden.

Auch die Anleihekaufprogramme beeinflussen die Zinsen

Einen weiteren Einfluss auf die Zinsen der Banken hat das Geschehen am europäischen Anleihemarkt. Die EZB hat ihre Anleihekäufe in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Feld sagt dazu: "Mit dem Negativzins bei den Einlagezinsen hat sie kaum mehr Spielraum nach unten. Aber sie hat mit ihrer sogenannten unkonventionellen Geldpolitik noch eine Menge Möglichkeiten. Sie kann Staatsanleihen mit mittlerer und langer Laufzeit kaufen. Dadurch steigen die Kurswerte und der Zins sinkt."

Zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie hat die EZB bereits 1,85 Billionen Euro in Aleihekaufprogrammen aufgewandt. Das Geld floss in Staatsanleihen der EU, aber auch direkt in Unternehmensanleihen. Gegen das Programm wird aktuell geklagt - eine gerichtliche Entscheidung ist jedoch erst nächstes Jahr zu erwarten, wenn die Pandemie möglicherweise schon weiter unter Kontrolle ist. Mit dem PEPP-Programm sollen Unternehmen und Staaten vor einer finanzieller Schieflage durch die Corona-Pandemie geschützt werden.

Ökonom Lars Feld, ehemaliger Vorsitzender des Rats der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung.
Ökonom Lars Feld, ehemaliger Vorsitzender des Rats der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung.

Zinssetzung, Refinanzierungsgeschäfte und die Anleihekaufprogramm haben alle einen Einfluss auf die Negativzinsen der Banken. "Es ist schwer einzuschätzen, was den größten Einfluss auf die Zinsen hat. Neben der Geldpolitik haben natürlich auch andere Einflussfaktoren einen Effekt. Wenn sie in einer Pandemie einen Lockdown haben, ist klar, dass das einen Einfluss auf die Wirtschaft hat.", sagt Feld.

"Restriktivere Geldpolitik kontrakproduktiv"

Die Kritik an der lockeren Geldpolitik wird immer lauter. Die Rede ist von einem Angriff auf die Vermögen der Sparer. Lars Feld sieht die aktuelle Geldpolitik aber als gerechtfertigt an: "Wir befinden uns in einer weltweiten Wirtschaftskrise. Da wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine restriktive Geldpolitik kontraproduktiv." Auf die Frage, ob Feld etwas an dem aktuellen Vorgehen der EZB ändern würde, antwortet der Wirtschaftswissenschaftler mit Nein.

Klar ist aber auch: Irgendwann muss die EZB umlenken. Von der lockeren Geldpolitik abzukehren wird immer schwieriger. Ein geeigneter Moment, um Zinsen zu erhöhen, könnte kommen, wenn die Inflation anzieht, denn so könnte Kapital wieder in Anleihen und auf den Konten gebunden werden. In einer Gemeinschaftsprognose erwarten die Wirtschaftsinstitute in Deutschland für 2022 eine Inflation von knapp 5 Prozent. Feld mahnt einerseits, dass man eine Inflation noch gar nicht so genau vorhersagen kann, andererseits erwartet er auch dann keine schnelle Wende bei der EZB.

Ende der Negativzinsen hängt von Inflation und Wirtschaftswachstum ab

"Wir müssen die Inflations- und Wirtschaftsentwicklung über einen längeren Zeitraum beobachten und schauen, was passiert. Meiner Einschätzung nach wird die EZB aber 2022 noch nicht vom lockeren Kurs abweichen. Ich denke, die Geldpolitik der EZB wird erst restriktiver, wenn wir über eine gewisse Zeit und nicht nur ein oder zwei Monate eine höhere Inflation haben. Ich sage aber auch, dass es nicht unbedingt gut ist, wenn die EZB ein Überschießen zulässt. Denn sie hat ein Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent und sollte daran festhalten.", sagt Feld.

Wann die Zeit der Negativzinsen also endet, hängt maßgeblich mit dem Verlauf der Inflations- und Wirtschaftsentwicklung zusammen. Sollte ein Ende oder Abschwächung der Corona-Pandemie die Wirtschaft beleben und das angestaute Kapital der Bürger in die Märkte fließen, könnte für die EZB der Moment gekommen sein, einen mutigen Schritt zu gehen und die Zügel der Geldpolitik wieder straffer zu ziehen.