EZB-Räte stützen Lagardes Ausblick auf weitere Zinsschritte

(Bloomberg) -- Am Tag nach der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank haben sich mehrere EZB-Räte der Sicht von Notenbankchefin Christine Lagarde angeschlossen, dass bis zum Gipfel des Straffungszyklus noch einiges an Weg zurückzulegen ist.

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Ökonomen und Händler hatten im Vorfeld der Sitzung am Donnerstag ihre Zinswetten reduziert angesichts der Sorge, dass die Turbulenzen im US-Bankensektor auf Europa übergreifen und die Bemühungen zur Inflationeindämmung verkomplizieren könnten.

Zwar halbierte die EZB ihr Zinserhöhungstempo am Donnerstag auf 25 Basispunkte. Lagarde signalisierte jedoch, dass sie noch mindestens zwei weitere Anhebungen erwartet.

“Die Zinsen müssen so lange angehoben werden, wie wir einigermaßen sicher sein können, dass sich der Preisanstieg über einen angemessenen Zeitraum stetig auf nahe 2% verlangsamen wird”, erklärte der estnische EZB-Rat Madis Müller am Freitag in einem Blogbeitrag. “In Anbetracht dessen, was wir jetzt wissen, bedeutet dies, dass die gestrige Zinserhöhungsentscheidung nicht die letzte sein wird.”

Seine Kollegen — Francois Villeroy de Galhau aus Frankreich und Gediminas Simkus aus Litauen — äußerten sich ähnlich. Beide befürworteten den Zinsschritt von 25 Basispunkten in dieser Woche und argumentierten, dass der Kampf gegen die Inflation noch nicht vorbei sei.

Die Äußerungen vom Freitag untermauern Lagardes Aussage, dass die Zinsentscheidung “fast einstimmig” unterstützt wurde. Die Notenbankchefin hatte ergänzt, dass einige Ratsmitglieder einen Halbpunktschritt vorgezogen hätten.

Dem Vernehmen nach leisteten die Falken im EZB-Rat keinen ernsthaften Widerstand gegen den kleineren Schritt, der am Ende beschlossen wurde. Zur Einigung trug informierten Kreisen zufolge bei, dass die EZB eine weitere Straffung der Geldpolitik in Aussicht stellte und das Auslaufen der APP-Reinvestitionen beschlossen wurde.

Die meisten Ökonomen folgen Lagardes Ausblick und prognostizieren nun zwei weitere Straffungen, darunter die Volkswirte von Goldman Sachs und Morgan Stanley. ING und Commerzbank indessen gehen von nur noch einem Zinsschritt aus. Die Danske Bank dagegen erwartet, dass die EZB ihren Einlagensatz von derzeit 3,25% auf 4% anheben wird.

Die Sicht von Bloomberg Economics

“Bloomberg Economics geht davon aus, dass in diesem Zyklus nur noch eine weitere Erhöhung ansteht - weitere 25 Basispunkte im Juni. Die Risiken weisen jedoch in Richtung einer weiteren Anhebung derselben Größenordnung im Juli.”

—David Powell, Euroraum-Volkswirt. Hier seine Ausführungen

“Wir sind nicht langsamer geworden, weil unsere Entschlossenheit, die Inflation zu besiegen, nachgelassen hat”, stellte Villeroy in einem Interview mit Radio Classique klar. “Wir haben uns verpflichtet, die Inflation bis 2025 und vielleicht sogar bis Ende 2024 auf 2% zu bringen.”

Die von der EZB befragten Volkswirte würden argumentieren, dass dies etwas überzogen sein dürfte. Während sie ihre Schätzungen für dieses und nächstes Jahr leicht gesenkt haben, rechnen sie im Jahr 2025 mit einer Teuerung von 2,2% und längerfristig mit 2,1%.

Die jüngsten Projektionen der EZB vom März stellten in der zweiten Jahreshälfte 2025 eine Inflation von 2% in Aussicht.

Der genaue Kurs wird laut dem slowenischen EZB-Rat Bostjan Vasle von den Daten zu Produktion, Preisen und Banken bestimmt werden.

“Wie bisher werden die weiteren Schritte von der aktuellen Situation abhängen, insbesondere von den Wirtschafts- und Finanzdaten, der Entwicklung der Kerninflation und der Wirksamkeit unserer Maßnahmen”, führte er in einer Presseerklärung aus.

Überschrift des Artikels im Original:ECB Officials Get Behind Lagarde’s Pledge of More Rate Hikes

--Mit Hilfe von Ott Tammik, Jan Bratanic und Craig Stirling.

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