EZB lässt Leitzins erstmals seit 15 Monaten unverändert: Das sind die Folgen für Ihr Geld

Der Zinsgipfel ist erreicht. Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinserhöhungen beendet. Die EZB ließ den Leitzins für die Euro-Zone am Donnerstag zum ersten Mal seit 15 Monaten unverändert. Das entschied der Rat der Notenbank bei seiner Sitzung in Athen.

Die EZB stoppt die Erhöhung des Leitzins. (Bild: Getty)
Die EZB stoppt die Erhöhung des Leitzins. (Bild: Getty)

Damit enden – bis auf Weiteres – die aggressivsten Zinserhöhungen seit Gründung der Europäischen Zentralbank vor 25 Jahren. Die EZB hatte den Leitzins seit Juli 2022 in zehn Schritten um insgesamt 4,5 Prozentpunkte angehoben. Sie stemmt sich damit gegen die ebenfalls historisch hohe Inflation in Europa infolge der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges.

Zinssatz bleibt weiterhin bei 4,0 Prozent bzw. 4,5 Prozent

Der Zinssatz, zu dem Banken überschüssiges Geld bei der EZB anlegen können, bleibt bei 4,0 Prozent. Dies ist das höchste Niveau seit Einführung des Euro 1999. Der Zinssatz, zu dem Banken sich zusätzliches Geld bei der EZB leihen können, ist 4,5 Prozent.

Wie lange die Zinsen so hoch bleiben, ließ EZB-Präsidentin Christine Lagarde offen. "Die künftigen Beschlüsse des EZB-Rats werden dafür sorgen, dass die Leitzinsen so lange wie erforderlich auf ein ausreichend restriktives Niveau festgelegt werden", heißt es in der Mitteilung.

Die Inflation geht In der Euro-Zone zwar seit einigen Monaten zurück. Sie liegt mit 4,3 Prozent aber noch weit über dem Zielwert der EZB von zwei Prozent. "Es wird nach wie vor erwartet, dass die Inflation zu lange zu hoch sein wird, und der binnenwirtschaftliche Preisdruck bleibt hoch", heißt es in der Mitteilung. "Zugleich ist die Inflation im September merklich zurückgegangen, und die meisten Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation sind weiter rückläufig."

Die EZB wird also erst einmal abwarten, wie sich ihre bisherigen Zinserhöhungen auf die Preise und die Konjunktur auswirken. Eine Wende zu sinkenden Leitzinsen erwarten Ökonomen zum Beispiel der Deutschen Bank erst im zweiten Halbjahr 2024.

Leitzinsen der Eurozone, USA und Großbritannien. (Grafik: S. Stein, Redaktion: J. Schneider)
Leitzinsen der Eurozone, USA und Großbritannien. (Grafik: S. Stein, Redaktion: J. Schneider)

EZB Leitzins bleibt hoch: Folgen für die Konjunktur

"Die bisherigen Zinserhöhungen schlagen weiterhin stark auf die Finanzierungsbedingungen durch. Dies dämpft zunehmend die Nachfrage und trägt so zu einem Rückgang der Inflation bei", stellt die EZB fest. Am deutlichsten wird das im Wohnungsbau, der in Deutschland auch als Folge hoher Bauzinsen fast zum Erliegen gekommen ist. Doch auch darüber hinaus nehmen Unternehmen weniger Kredite auf, um Investitionen zu finanzieren. Verbraucher nutzen attraktive Zinsen, um mehr Geld zu sparen, statt mit ihrem Konsum die Konjunktur zu stärken. All dies bremst die Wirtschaft zusätzlich zur schwachen weltweiten Nachfrage.

Deutschland dürfte sogar in die Rezession zurückgefallen sein. Die Wirtschaftsleistung schrumpft. Die Bundesregierung rechnet für 2023 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,4 Prozent.

Zinsplateau: Das sollten Sparer bedenken

Für Sparer hatte es einige Zeit gedauert, bis Banken den höheren EZB Leitzins auch über bessere Sparzinsen weitergegeben haben. Seit einigen Monaten nutzen Banken und Neo-Broker Zinsangebote für Tages- und Festgeld, um neue Kunden zu gewinnen. Das hat die Sparzinsen nach oben gezogen.

Für Festgeld können Sie bei europäischen Banken aktuell bis zu 4,75 Prozent bekommen. Für Tagesgeld gibt es bis zu vier Prozent. Bei einer nachlassenden Teuerung sind viele Zinsen wieder höher als die Inflation. Die realen Zinsen werden positiv.

Mit dem Erreichen des Zinsgipfels verschiebt sich für Sparer der Fokus. In Zeiten steigender Zinsen war es doppelt attraktiv, Geld kurzfristig verfügbar zu haben, um auf höhere Angebote reagieren zu können. Mit der Aussicht auf sinkende Zinsen wird es wichtiger, wie Sie das hohe Zinsniveau für einen längeren Zeitraum sichern können. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, senken erste Banken ihre Zinssätze für Spareinlagen bereits wieder.

Kredite: Wenig Hoffnung auf schnelle Zinssenkungen

Wer Schulden hat oder neue Kredite aufnehmen musste, für den sind die Zinskosten deutlich gestiegen.

Dispokredite sind schnell teurer geworden. "Das Tempo ist rasant. Seit Ende 2022 sind die Zinsen im Schnitt um mehr als zwei Prozentpunkte gestiegen", sagte Heike Nicodemus von "Finanztest" laut der "Wirtschaftswoche". Im Durchschnitt lagen die Zinsen für die Überziehung des Girokontos im Oktober bei etwa 12 Prozent.

Studienkredite der KfW haben sich stark verteuert. Die Zinsen sind auf einem Rekordhoch. Sie stiegen seit Oktober 2021 von 3,76 Prozent bis auf aktuell 9,01 Prozent.

Hypothekenzinsen sind in den vergangenen zwei Jahren um das drei- bis vierfache gestiegen. Aktuell liegen sie laut FMH-Finanzberatung im Mittel bei 4,2 Prozent für zehn Jahre Zinsbindung. "Ich bin der Meinung, dass sich die Bauzinsen bis auf 4,5 Prozent erhöhen werden für zehn Jahre fest und bei 80-Prozent-Finanzierungen werden wir vielleicht sogar die fünf Prozent sehen", sagte FMH-Experte Max Herbst dem "Handelsblatt". Aktuell hänge dies auch weniger an der Zinsentscheidung der EZB, sondern an den stark gestiegenen Zinsen auf dem Anleihemarkt. Herbst: "Die Kurve für die Bauzinsen wird Anfang der Woche nach oben zeigen, denn die Banken reagieren meist mit etwas Verzögerung."

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Infografik: Bauzinsen steigen kräftig | Statista
Infografik: Bauzinsen steigen kräftig | Statista

Das Vergleichsportal Check24 weist darauf hin, dass es sich bei einer laufenden Baufinanzierung lohnen kann, verfügbares Geld auf einem Festgeldkonto anzulegen, statt es für eine Sondertilgung zu verwenden.

"Wer seine Immobilie in der Niedrigzinsphase zwischen 2018 und Anfang 2022 zu einem günstigen Zinssatz finanziert hat, kann mit einem Festgeldkonto mit höheren Zinsen mehr Rendite erzielen, als eine Sondertilgung an Zinskosten sparen würde", sagt Check24-Geschäftsführer Moritz Felde.

Beispiel: Wer im Dezember 2021 eine Finanzierung über 400.000 Euro zu einem Zinssatz von 1,12 Prozent und zehnjährigen Zinsbindung aufgenommen und seither Rücklagen gebildet hat, könnte nun eine Sondertilgung vornehmen. Eine Sondertilgung von 50.000 Euro bringe am Ende der Zinsbindung eine Ersparnis von etwa 4.685 Euro, so Felde. Lege der Verbraucher die 50.000 Euro als Festgeld mit 4,0 Prozent Zinsen an, sei ein Ertrag von 10.833 Euro möglich. Abzüglich der Steuern ergebe sich eine Rendite von 9.375 Euro und damit 4.690 Euro mehr als bei der Sondertilgung.

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