EZB kämpft mit historischer Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte gegen die Inflation – das müsst ihr jetzt darüber wissen

Die Europäische Zentralbank hebt die Leitzinsen erneut an. Lange hatte EZB-Chefin Christine Lagarde mit der Zinswende gezögert.  - Copyright: AP Photo/Michael Probst)
Die Europäische Zentralbank hebt die Leitzinsen erneut an. Lange hatte EZB-Chefin Christine Lagarde mit der Zinswende gezögert. - Copyright: AP Photo/Michael Probst)

Im Kampf gegen die hohe Inflation hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen für die Euro-Zone um jeweils 0,75 Prozentpunkte angehoben. Der Zinssatz, zu dem sich Banken Geld bei der EZB leihen können, stieg von 0,5 Prozent auf 1,25 Prozent. Der Einlagezins, zu dem Banken Geld bei der Zentralbank parken können, stieg von 0,0 auf 0,75 Prozent.

Dies war die zweite Zinserhöhung der EZB in diesem Jahr, nachdem die EZB zuvor trotz hoher Inflationsraten lange mit der Zinswende gezögert hatte. Die Zinserhöhung fiel dafür nun umso stärker aus. Es war der größte Zinsschritt in der Geschichte der Europäischen Zentralbank. Die EZB stellte zugleich weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten in Aussicht. "Der EZB-Rat geht auf Grundlage seiner aktuellen Einschätzung davon aus, dass er die Zinsen in den nächsten Sitzungen weiter erhöht, um die Nachfrage zu dämpfen und dem Risiko einer andauernden Aufwärtsverschiebung der Inflationserwartungen vorzubeugen", erklärte die EZB.

Die EZB und ihre Chefin Christine Lagarde nehmen damit den Kampf gegen die schnell steigenden Preise auf. Die Inflationsrate stieg im August Euro-Raum auf 9,1 Prozent, in Deutschland nach EZB-Messung auf 8,8 Prozent. Für den Herbst rechnen Experten mit zweistelligen Inflationsraten und damit neuen historischen Höchstständen.

Die Sitzung des EZB-Rates war mit besonderer Spannung erwartet worden. An den Märkten war mit einer Anhebung der Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte gerechnet worden.

Was bedeutet der Zinsschritt der EZB nun für Sparer und Aktienkurse, für die Immobilienmärkte und die Bauzinsen und für den Euro. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Sitzung der EZB.

Wie haben sich Leitzinsen der EZB im Euro-Raum entwickelt?

Die EZB hat erst Mitte Juli eine sehr lange Phase extrem niedriger Zinsen beendet und die Leitzinsen im Euroraum um einen halben Prozentpunkt erhöht.

Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte lag seither bei 0,50 Prozent. Zu diesem Zinssatz erhalten die Geschäftsbanken Geld von der EZB. Nun beträgt er 1,25 Prozent

Der Einlagensatz stieg im Juli von minus 0,5 auf 0,0 Prozent. Zu diesem Zinssatz können Banken Geld bei der EZB anlegen. Nun beträgt er 0,75 Prozent.

Die EZB leitete die Zinswende deutlich später ein als andere wichtige Zentralbanken weltweit. In den USA erhöhte die Federal Reserve die Leitzinsen bereits mehrfach jeweils kräftig. Es wird erwartet, dass die Fed noch im September den Leitzins erneut um 0,75 Prozentpunkte erhöht. Die Bank of England erhöhte den Leitzins zuletzt im August um 0,5 Prozentpunkte auf 1,75 Prozent.

Welche Zinserhöhung der EZB hatte der Markt erwartet?

Vor jeder Zins-Entscheidung der EZB fragt die Nachrichtenagentur Reuters Volkswirte nach ihrer Erwartung. Für die aktuelle Sitzung hatten 30 von 61 Befragten erwartet, dass die EZB die Zinsen um 0,75 Prozentpunkte anhebt. 27 Volkswirte rechneten mit 0,5 Prozentpunkten, lediglich vier mit nur 0,25 Punkte.

Vereinzelt hatte es auch Stimmen gegeben, die EZB könne den Zins um einen vollen Prozentpunkt erhöhen.

Die Deutsche Bundesbank gehört in der EZB zu den "Falken". Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte vor der Sitzung gefordert. "Wir brauchen im September eine kräftige Zinsanhebung. Und in den folgenden Monaten ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen". Nagel gehört dem EZB-Rat an, entschied also mit.

Laut Deutsche Bank Research hatten die Finanzmärkte eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte bereits eingepreist. Darüber hinaus erwarten sie bis zum Jahresende zwei weitere Erhöhungen um jeweils 0,5 Punkte im Oktober und Dezember. Ende des Jahres würde der Leitzins für die Refinanzierung damit bei 2,25 Prozent liegen.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält sogar ein Zinsniveau von vier Prozent zum Ende des Jahres für angemessen.

Wie schnell senkt eine Zinserhöhung der EZB die Inflation?

„Wenn man heute die Zinsen anhebt, dann geht nicht morgen oder übermorgen automatisch die Inflation nach unten“, erläutert Tobias Basse, Analyst bei der Norddeutschen Landesbank. Wenn der Zins steigt, den Banken an die Zentralbank zahlen, geben sie dies an ihre Kunden weiter und erhöhen die Zinsen für Kredite: Investieren wird teurer. Das dämpft die Nachfrage und damit auch die Preise.

„Die Preise dürften allenfalls mit einer Zeitverzögerung von drei bis sechs Monaten auf die Zinsänderungen reagieren“, schätzt Basse.

Wichtig für die Preisentwicklung sind zudem die Inflationserwartungen von Haushalten und Unternehmen. Erwarten sie steigende Preise, schrauben Arbeitskräfte ihre Lohnforderungen nach oben, was wiederum die Preise treibt. Eine Lohn-Preis-Spirale droht. In Deutschland fordern Gewerkschaften bereits Gehaltserhöhungen. Die meisten Abschlüsse liegen aber noch unter der Inflationsrate.

Auch Unternehmen nutzen die Erwartung, dass Preise steigen, und erhöhen ihre Preise teils stärker als ihre Kosten gestiegen sind. Der Ökonom Joachim Ragnitz hat diesen Effekt nachgewiesen. Er sagt: "Wir haben neben einer Kosten- auch eine Gewinninflation".

Umso wichtiger ist das psychologische Signal der EZB, dass sie die Zinsen weiter anheben, die Inflation also konsequent bekämpfen werde. Analyst Basse: „Wenn es den Notenbanken gelingt, dass sich hohe Inflationserwartungen nicht verfestigen, wird das mittelfristig zu einem spürbaren Rückgang der Inflation führen.“

Welche Auswirkungen hat die Zinsentscheidung der

EZB für Sparer?

Bisher hatte die Zinswende Sparern vor allem eines gebracht: das Ende der Negativzinsen. Mittlerweile zahlen viele Banken wieder Zinsen bis zu 0,5 Prozent auf Tagesgeld, vereinzelt auch mehr. Für Festgeld gibt es bereits deutlich über ein Prozent bis zu knapp zwei Prozent.

Aber: Weil die Inflationsrate noch stärker gestiegen ist, sind die Realzinsen zuletzt eher noch tiefer ins Minus gerutscht. Wer bei einer Inflationsrate von acht Prozent für sein Geld ein Prozent Zinsen erhält, verliert in einem Jahr immer noch sieben Prozent Geldwert.

Diese Schere dürfte sich nur langsam schließen. Viele Experten erwarten, dass die Sparzinsen sich zunächst parallel zu den Leitzinsen entwickeln. Sie könnten also ebenfalls in der Spanne zwischen 0,5 und einem Prozentpunkt steigen. Um wieder zu positiven Realzinsen zu kommen, müsste also gleichzeitig die Inflationsrate noch deutlich sinken.

Cornelius Riese, Co-Chef der DZ-Bank, sagte bei der Bankentagung des "Handelsblatts" in Frankfurt, steigende Zinsen würden auch Lebensversicherungen und Bausparverträge wieder attraktiver machen. Beide Anlageformen könnten durch die Zinserhöhung "ihre Existenzberechtigung wiedergewinnen."

Welche Folgen hat die Zinsentscheidung der EZB auf die Bauzinsen?

«Jetzt werden wohl die Zinsen für Immobilienkredite weiter steigen und den Druck auf den Wohnimmobilienmarkt erneut erhöhen.» So reagierte Oliver Wittke, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes ZIA auf die Leitzinserhöhung.

Auch die Kreditvermittler Interhyp und Dr. Klein erwartet steigende Bauzinsen. Vorständin Mirjam Mohr: «Bis zum Jahresende erwarten wir Zinsen um etwa 3,5 Prozent für zehnjährige Darlehen.» Die Bauzinsen seien schon in Erwartung einer deutlichen Leitzinserhöhung von ihrem Zwischentief im August von 2,7 Prozent auf derzeit rund 3,2 Prozent geklettert.

Hausbauer hatten lange von der Niedrigzinspolitik profitiert. Doch seit Ende 2021 haben sich die Bauzinsen verdreifacht. Selbst jetzt sind Hypothekenkredite aber günstiger als im langjährigen Durchschnitt. Doch der Anstieg ist rasant und steil.

In Deutschland wird der Effekt für bestehende Kredite immerhin gedämpft. Im Gegensatz zu den USA haben die meisten Immobilienkredite hier eine mehrjährige Zinsbindung. Wer bereits eine Immobilie abbezahlt, wird nicht unmittelbar dramatische Folgen spüren. Doch die Zeit historisch niedriger Bau-Kredite ist vorbei. Mit Auslaufen ihrer Zinsbindung werden das auch Immobilienbesitzer spüren.

Die Zinswende beschleunigt das Ende des Immobilienbooms. Schon jetzt gehen Bauanträge und Aufträge zurück. Über zehn Prozent der Baufirmen berichten über Stornierungen.

Könnten fallende Preise für Kaufimmobilien auch eine Chance sein? Für Immobilienkäufer stellt sich die Frage: Sinken die Hauspreise schneller als die Kreditzinsen steigen oder umgekehrt?“ Hier ist bisher kein klarer Trend erkennbar, und bei den Immobilienpreisen gibt es große regionale Unterschiede.

Was bedeutet die Zinsentscheidung der EZB für die Börsen?

An den Finanzmärkten war laut Deutsche Bank Research eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte schon vor der Entscheidung weitgehend eingepreist worden. Entsprechend tat sich nach der Leitzinsanhebung an den Aktienmärkten kaum etwas.

Die Richtung ist aber klar: Steigende Zinsen drücken aus zwei Gründen auf die Aktienkurse. Zum einen werden andere Zins-Anlagen mit geringeren Risiken attraktiver. Damit fließt weniger Geld in den Aktienmarkt – vor allem in riskantere Titel wie Tech-Aktien. Zum zweiten dämpfen höhere Zinsen die Konjunktur und damit die Geschäftschancen der börsennotierten Unternehmen. Und die EZB hat weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt.

Was bedeutet die Zinserhöhung der EZB für den Euro

Die lange Zeit niedrigen Zinsen und die laue Konjunktur in Europa haben den Euro geschwächt. Im August fiel der Euro erstmals sei vielen Jahren wieder unter die Parität zum US-Dollar. Ein Euro war also weniger wert als ein Dollar. Der Euro fiel sogar bis auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren.

Erhöht die EZB die Zinsen, stärkt das den Euro. Weil es höhere Zinsen gibt, fließt mehr Geld in den Euro-Raum. Der Euro wird also stärker nachgefragt. Sein Preis steigt. Allerdings dürfte auch am Devisenmarkt eine Zinserhöhung an diesem Donnerstag weitgehend eingepreist sein. Entscheidend ist daher auch, welche Erwartungen EZB-Chefin Lagarde für die die weitere Zinsentwicklung im Euro-Raum schürt.

Welche Folgen hat die Zinserhöhung der EZB für die Konjunktur in Europa?

Eine Zinserhöhung dämpft die Konjunktur. Höhere Zinsen machen Kredite für Investitionen teurer und sie machen Sparen im Vergleich zum Konsum attraktiver. "Die Geldpolitik will weniger Wachstum, um die Inflation auf zwei Prozent zurückzubringen", sagt Analyst Jochen Stanzl vom Broker CMC Markets.

Die aktuelle Situation ist aber ungewöhnlich: Normalerweise dämpfen Zentralbanken mit Zinserhöhungen eine heiß laufende Konjunktur. Derzeit stehen aber viele Länder im Euro-Raum bereits am Rande einer Rezession. Eine Zinserhöhung in einen Abschwung hinein birgt hohe Risiken.

"Damit wird aus einer weichen Landung der Wirtschaft Europas mit hoher Wahrscheinlichkeit eine echte Vollbremsung", sagt Analyst Stanzl.

Das eine sei nicht ganz ohne das andere zu haben, erklärt Basse: „Die Notenbanken stehen vor einem Dilemma: Sie müssen die hohen Inflationserwartungen der privaten Haushalte bekämpfen. Gleichzeitig würden die aktuell diskutierten Zinserhöhungen der Fed in den USA auf bis zu vier Prozent die wirtschaftliche Entwicklung stark dämpfen, wodurch wiederum eine Rezession droht. Diese Gefahr ist zumindest in den USA real.“