EZB geht historischen Zinsschritt im Kampf gegen die Inflation

(Bloomberg) -- Die Europäische Zentralbank hat in ihrem Kampf gegen die Rekordinflation die Zinsen um ein historisches Dreiviertelprozent angehoben und “mehrere” weitere Zinsschritte in Aussicht gestellt - und das obwohl sich die Sicht der Währungshüter auf die Konjunktur verdüstert hat.

Die beispiellose Straffung unterstreicht die wachsende Sorge über die Teuerung in der Eurozone, die inzwischen über den Energiebereich hinausgeht, und über den fallenden Eurokurs. Die Entscheidung traf die Erwartungen der Analysten und brachte den Einlagensatz auf 0,75%.

Der Euro gab nach der Entscheidung gegenüber dem Dollar nach, während an den Geldmärkten die Wetten auf eine weitere Straffung der Geldpolitik anzogen.

Der EZB war vorgeworfen worden, zu langsam auf die Inflation zu reagieren, die mit dem Ende der Covid-Lockdowns begann und sich nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine verschärfte.

“Dieser große Schritt sorgt für einen früheren Übergang von dem derzeitigen, stark akkommodierenden Leitzinsniveau auf ein Niveau, das eine zeitnahe Rückkehr der Inflation auf das mittelfristige 2%-Ziel der EZB gewährleistet”, gab die EZB in ihren geldpolitischen Beschlüssen bekannt. “Der EZB-Rat geht auf Grundlage seiner aktuellen Einschätzung davon aus, dass er die Zinsen in den nächsten Sitzungen weiter erhöht, um die Nachfrage zu dämpfen und dem Risiko einer andauernden Aufwärtsverschiebung der Inflationserwartungen vorzubeugen.”

In ihrer Pressekonferenz nach der Entscheidung sagte Präsidentin Christine Lagarde, dass die Entscheidung im EZB-Rat einstimmig gefallen sei und dass der beispiellose Schritt nicht “die Norm” darstelle. “Es mussten entschlossene Maßnahmen ergriffen werden”, sagte sie.

“Denjenigen, die immer wieder sagen, dass die Europäische Zentralbank hinterherhinkt, möchte ich entgegenhalten, dass wir uns auf einer Reise befinden, die im Dezember begann, als wir beschlossen, die Ankäufe von Vermögenswerten im Rahmen des PEPP zu beenden”, so Lagarde weiter. “Und jetzt setzen wir unseren Normalisierungskurs mit dem Frontloading fort.”

Die EZB hob ihre Inflationsprognose für dieses und das kommende Jahr an und senkte ihren Konjunkturausblick für 2023 auf 0,9% Wachstum - immer noch optimistischer als der Median von 0,7% der von Bloomberg erhobenen Prognosen. Bloomberg Economics geht von einem Anstieg von nur 0,4% aus.

Mit der Anhebung des Einlagensatzes auf über Null beendete die EZB auch das zweistufige System für die Verzinsung von Überschussreserven, das Ende 2019 eingeführt wurde, um die Auswirkungen der negativen Geldpolitik auf die Banken zu mildern.

Die Entscheidung zeigt, dass die Falken im 25-köpfigen EZB-Rat nach wie vor die Oberhand haben - bestärkt durch die Beschleunigung der Inflation im August auf 9,1%, mehr als das Vierfache des offiziellen EZB-Ziels.

Zwar werden die höheren Zinsen kaum die Energiepreise senken können, die für diesen Anstieg verantwortlich sind. Die Befürchtung ist aber, dass ohne aggressive Zinsschritte die Inflationserwartungen in die Höhe schnellen könnten, und dass diese schwerer umzusetzen wären, wenn die Rezession erst eingetreten ist.

Schon im Vorfeld der Ratssitzung gab es politischen Gegenwind. Der spanische Premierminister Pedro Sanchez warnte, dass die Straffung der Geldpolitik “mit einem wirtschaftlichen Erholungspfad vereinbar sein muss.”

Da die Inflation die Nachfrage schwächt, rechnen Ökonomen mit einer Rezession im Euroraum, die noch in diesem Jahr beginnen könnte. Einige sagen, der Abschwung sei bereits im Gange. Deutschen Bank-Chef Christian Sewing erklärte am Mittwoch, eine Kontraktion sei in Deutschland “nicht mehr abzuwenden”. Für Bundesbankpräsident Joachim Nagel ist klar, dass der Kampf gegen die Inflation Vorrang vor dem Wirtschaftswachstum hat.

Von Bloomberg befragte Ökonomen gehen davon aus, dass die EZB den Einlagensatz bis auf 1,5% anheben wird - in etwa dort, wo Analysten den “neutralen” Zinssatz sehen, der die Wirtschaft weder anregt noch einschränkt.

Überschrift des Artikels im Original:

ECB Intensifies Inflation Fight With Historic Jumbo Hike (2)

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