EZB-Direktor Mersch warnt vor zu spätem Ausstieg aus expansiver Geldpolitik

dpa-AFX

FRANKFURT (dpa-AFX) - EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch hat vor einem zu langsamen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik im Euroraum gewarnt. Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse die Normalisierung der Geldpolitik einerseits "vorsichtig angehen" und "graduell gestalten", sagte Mersch im Interview mit der "Börsen-Zeitung" (Samstagausgabe). Andererseits fügte er aber hinzu: "Wir müssen aber auch sehr genau aufpassen, nicht zu zaghaft und zu spät zu agieren und 'hinter die Kurve' zu fallen."

Außerdem zeigte sich Mersch besorgt, dass die extrem niedrigen Zinsen das Sparverhalten negativ beeinflussen könnten. "Die Kultur des Sparens droht untergraben zu werden", sagte der Notenbanker. Außerdem stellte er die Frage: "Können Sie sich vorstellen, dass eine ganze Generation heranwächst, ohne zu wissen, was Zinsen auf Geld bedeutet?"

Mersch verteidigte in dem Interview die Oktober-Entscheidung, das Anleihekaufprogramm bis mindestens September 2018 zu verlängern und kein explizites Enddatum zu setzen. Gleichzeitig verpasste er Hoffnungen auf Anleihekäufe nach dem September 2018 einen erheblichen Dämpfer. Im EZB-Rat sei die Zuversicht gestiegen, dass sich die Inflation in Richtung des von der Notenbank anvisierten Ziels von knapp zwei Prozent bewege. "Je größer die Zuversicht in das Erreichen unseres Ziels wird, desto mehr tendiert die Wahrscheinlichkeit einer zusätzlichen Ausweitung des Kaufprogramms Richtung null." Kurzfristig gebe es "sogar eher Aufwärtsrisiken für Wachstum und Inflation" im Euroraum, sagte Mersch.

Auf die Frage, wie sich die Halbierung der monatlichen Anleihekäufe von 60 Milliarden Euro auf 30 Milliarden Euro ab Januar 2018 auf die einzelnen Kaufprogramme aufteilen werde, sagte Mersch: "Es wird vermutlich eine leichte Übergewichtung der Unternehmensanleihekäufe geben, da wir diese nicht unbedingt proportional zurückfahren." Die genaue Zusammensetzung hänge aber auch von der Lage an den Märkten ab. "Wir brauchen eine gewisse Flexibilität, da sich die Marktbedingungen schnell verändern können", sagte Mersch.