Extreme Hitze in Kanada: Hunderte Todesfälle bei fast 50 Grad Celsius

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Ein Rettungswagen in Vancouver, Kanada.
Ein Rettungswagen in Vancouver, Kanada.

Die anhaltende Hitzewelle im Westen Kanadas hat nach Angaben der Behörden zu Hunderten Todesfällen beigetragen. Von Freitag bis Mittwoch seien in der Provinz British Columbia 486 plötzliche und unerwartete Todesfälle gemeldet worden, teilte die Gerichtsmedizin der Westküsten-Provinz am Mittwochnachmittag (Ortszeit) mit. Diese Zahl werde vermutlich noch steigen. Sie liege 195 Prozent über dem üblichen Durchschnitt eines vergleichbaren Zeitraums. Die Behörde geht davon aus, dass der starke Anstieg mit der extremen Hitze zusammenhängt.

49,6 Grad Celsius zeigte das Thermometer am Dienstag in Lytton (Provinz British Columbia) an, wie die örtliche Wetterbehörde auf Twitter mitteilte. Das sei ein „Allzeit-Temperaturrekord“. In der betroffenen Region wurden klimatisierte Zentren eingerichtet, in denen Menschen Zuflucht vor der Hitze finden können. Die Gerichtsmedizinerin Lisa Lapointe rief dazu auf, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und gefährdeten Personen zu helfen.

Hitzewelle überrollt auch pazifischen Nordwesten der USA

Neben Kanadas Westen erleben derzeit auch die benachbarten US-Staaten Washington und Oregon eine Hitzewelle mit zahlreichen Toten. Allein im Bezirk Multnomah County, der mit Portland die größte Stadt Oregons einschließt, seien seit Beginn der großen Hitze am Freitag 45 Menschen im Zusammenhang mit den exzessiven Temperaturen gestorben, teilte die Behörde für Gerichtsmedizin am Mittwoch (Ortszeit) mit. In Oregons nördlichem Nachbarstaat Washington stieg die Zahl der Toten auf 13, wie die Zeitung „The Seattle Times“ am Mittwoch berichtete.

Viele der Toten in und um Portland seien im Alter zwischen 44 und 97 Jahren gewesen und hätten bereits gesundheitliche Probleme gehabt, hieß es im Bericht der Gerichtsmedizin weiter. Sie seien alleine und ohne Klimaanlage oder Ventilator tot aufgefunden worden. Die vorläufige Todesursache lautet demnach Hyperthermie – eine gefährliche Überhitzung des Körpers durch Einwirkung von außen.

In Portland waren die Temperaturen zeitweise auf 47 Grad geklettert. Wie der kanadische Nachbarstaat öffnete auch Multnomah County am vergangenen Freitag drei „Kühlungszentren“, darunter das Kongresszentrum von Portland. In den Lokalitäten übernachteten dem Bericht der Gerichtsmedizin zufolge mehr als 1000 Menschen, mehrere Hunderte hätten dort auch tagsüber Zuflucht vor der Hitze gefunden und seien mit Wasser und Mahlzeiten versorgt worden. Am Mittwochmorgen wurden die Zentren wieder geschlossen, weil die Temperaturen auf das für die Jahreszeit übliche Niveau sanken.

Hitze wie sonst im kalifornischen Death Valley

Solche Extremtemperaturen sind in beiden Regionen ungewöhnlich. Für Hitzerekorde ist eigentlich eher das kalifornische Death Valley (Tal des Todes) zuständig. „Das war wirklich wie in der Wüste von Death Valley“, erzählte die Wahl-Kanadierin Heike Schmidt am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. „Wir hatten in Victoria 46 Grad Celsius und nachts noch 30 Grad, wie in einem Ofen“.

Die Stadtplanerin aus Göttingen lebt seit über 20 Jahren in Kanada, derzeit in Victoria, der Hauptstadt der Provinz British Columbia auf Vancouver Island. Für eine derart „unnormale“ Hitze, sei dort niemand gerüstet, sagt die zweifache Mutter. Kaum jemand hat Klimaanlagen, die Holzhäuser heizen sich auf. Die Nachbarn hätten im Garten geschlafen, sie selbst hätten sich mit Wasser besprüht und im Schatten Zuflucht gesucht. Ventilatoren in den Geschäften waren schnell ausverkauft. „Als dann Berichte kamen, dass Menschen sterben, wurde es echt gruselig“, sagt Schmidt.

Waldbrände in Lytton und Ernteausfälle

Die direkten gesundheitlichen Gefahren sind allerdings nicht die einzigen Folgen der Hitzewelle. In Lytton mussten die Bewohner der Ortschaft schon am Tag nach den Rekordtemperaturen wegen lodernder Flammen aus ihren Häusern fliehen. Bürgermeister Jan Polderman hatte angesichts der Brände am Mittwochabend die Evakuierung Lyttons angeordnet, wie der TV-Sender CBC berichtete. „Es ist schrecklich. Die ganze Stadt steht in Flammen“, sagte er dem Sender.

Auf Vancouver Island steigt die Angst vor ähnlichen Phänomenen. Obstbauern hätten wegen des Ausnahmewetters bereits Ernteverluste zu beklagen. Die Brombeeren würden regelrecht „verbrennen“, sagte ein Farmer. Zudem seien 80 Prozent seiner Himbeerernte vernichtet. „Alles ist total trocken und jeder hat Sorge vor den Waldbränden. Die ersten Feuer haben jetzt schon viel zu früh begonnen“, erzählt Heike Schmidt. Gewöhnlich wüten die schlimmsten Brände am Ende eines heißen, trockenen Sommers, doch in den letzten Jahren ist die „Waldbrandsaison“ im Westen Nordamerikas deutlich länger geworden, vor allem in Dürreperioden, mit wenig Winterniederschlägen, wie in diesem Jahr.

Erste frühe Waldbrände auch im US-Bundesstaat Kalifornien

Frühe Waldbrände haben auch in diesem Jahr wieder das weiter südlich an der Westküste gelegene Kalifornien erwischt, das oft unter Trockenheit leidet. Im Norden des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaates kämpften am Mittwoch fast tausend Feuerwehrleute gegen einen Waldbrand nahe der Ortschaft Weed. Die Flammen hatten sich in wenigen Tagen auf eine Fläche von 70 Quadratkilometern ausgebreitet. Das Feuer war durch einen Blitzschlag ausgelöst worden. Heftige Winde bei weiter trockenem und heißem Wetter verschärften die Lage. Über tausend Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser in der Gefahrenzone zu verlassen.

2020 hatte Kalifornien eine „historische“ Katastrophe erlebt. Es war die flächenmäßig verheerendste Waldbrandsaison seit Beginn der Aufzeichnungen. Besonders schwer wüteten die Brände von Mitte August bis Ende Oktober. Mehr als 30 Menschen kamen ums Leben, über 10.000 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.

Waldbrände könnten noch schlimmer werden als 2020: „Der Klimawandel ist hier“

Nach Einschätzung von Wissenschaftlern verschärft der Klimawandel Trockenheit, Hitze und Wetterextreme, die zu heftigeren Waldbränden beitragen können. „Der Klimawandel ist hier“, schrieb der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom am Mittwoch auf Twitter. Es werde ständig heißer und trockener. Der Demokrat hatte zuvor mit anderen Gouverneuren an einem virtuellen Treffen mit US-Präsident Joe Biden teilgenommen. Diskutiert wurden Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen. Biden stellte unter anderem höhere Löhne und bessere Ausrüstung für Feuerwehrleute in Aussicht. Er warnte, dass dieses Jahr mit Blick auf die Waldbrände noch schlimmer als 2020 sein könnte.

Newsom hatte bereits im April einen Dürre-Notstand für die Mehrzahl der kalifornischen Bezirke ausgerufen. Niederschläge und die Schneedecke in den Bergen, die gewöhnlich die Wasserreservoire füllen, sind auf einem kritischen Tiefstand. In einigen Regionen ist Wassersparen bereits Pflicht. In Marin County, nördlich von San Francisco, mit der schlimmsten Dürre seit Beginn der Aufzeichnungen vor 143 Jahren, müssen Anwohner ihren Wasserkonsum drosseln. Autowaschen ist verboten, Gärten dürfen nur zweimal pro Woche bewässert werden, und das nur am frühen Morgen oder abends. Weitere Auflagen könnten bald folgen.

sb/dpa

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