Experten warnen vor Zunahme von Altersarmut in den kommenden 20 Jahren

Jeder neunte Rentner in Deutschland ist laut dem Statistischen Bundesamt im vergangenen Jahr arbeiten gegangen - das sind mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren

Wirtschaftsexperten warnen vor zunehmender Altersarmut, von der in knapp 20 Jahren jeder fünfte Neurentner betroffen sein dürfte. Insbesondere für die wachsende Zahl von Arbeitnehmern mit flexiblen Arbeitsverhältnissen oder Lücken in ihrem Erwerbsleben sei das deutsche Rentensystem schlecht gerüstet, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung. Demnach sind Frauen davon stärker betroffen als Männer.

"Bis 2036 wird das Risiko für Altersarmut weiter steigen" und wahrscheinlich 20 Prozent der Menschen treffen, die dann insgesamt in den Ruhestand gehen, lautet die Prognose der Forscher des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für die Stiftung. 2015 lag diese Quote demnach bei etwa 16 Prozent. Als armutsgefährdet werden dabei Rentner eingestuft, deren monatliches Netto-Einkommen unter 958 Euro liegt.

Voraussichtlich sieben Prozent der Neurentner dürften demnach 2036 auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. 2015 waren dies 5,4 Prozent. Bei Frauen könnte die sogenannte Grundsicherungsquote sogar von 16 Prozent im Jahr 2015 auf etwa 28 Prozent der Neurentnerinnen im Jahr 2036 ansteigen. Besonders stark sei auch der Osten Deutschlands betroffen, eine Folge der Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt dort nach 1990. Hier werde sich das Risiko von Altersarmut bis 2036 mehr als verdoppeln.

Eine Ursache der Verarmung sehen die Forscher im Absinken des Rentenniveaus aufgrund der demografischen Entwicklung. Dazu kämen die Folgen der Niedrigzinsphase auf dem Kapitalmarkt für Geldanlagen zur Altersvorsorge. Zugleich erwiesen sich die zum Ausgleich geschaffenen Instrumente der privaten Altersvorsorge gerade für Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor oft als wirkungslos.

Verschärfend kämen hinzu, dass inzwischen "Minijobs, lange Phasen der Erwerbslosigkeit und niedrige Löhne" für immer mehr Arbeitnehmer "mittlerweile zum Alltag" gehörten, heißt es in der Studie. "Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen", warnte der Vorstandschef der Bertelsmann-Stiftung, Aart De Geus. Der Arbeitsmarkt-Experte der Bertelsmann-Stiftung, Christof Schiller, forderte mehr Instrumente für flexiblere und sicherere Übergänge im Erwerbsverlauf sowie für eine verbesserte Arbeitsmarktintegration von Risikogruppen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) erklärte in Berlin, sie werde trotz des Widerstands der Union weiter für eine Solidarrente kämpfen. Zudem müssten "auch kommende Generationen auf ein stabiles Rentenniveau und stabile Beiträge vertrauen können". Nahles kritisierte erneut, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kein Rentenkonzept vorlegen wolle.

Die CDU sieht bei der Rente in den kommenden Jahren keinen Änderungsbedarf. In der nächsten Legislaturperiode solle sich aber eine Kommission mit der Frage befassen, wie es nach dem Jahr 2030 weiter gehen solle, sagte CDU-Generalsekretär Peter Tauber nach den Beratungen der Parteispitze über das Wahlprogramm. Seine Partei plane auch "keine Erhöhung des Rentenalters", bekräftigte er.

"Die aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung macht erneut deutlich, wie groß der Handlungsbedarf beim Thema Altersarmut ist", erklärte dagegen die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher. Ein "Weiter so" dürfe es bei der Rente nicht geben. Grünen-Chefin Simone Peter nannte es "schockierend", dass "die CDU auf die zahlreichen Baustellen bei der Rente mit Nichtstun reagieren will".