Experten fordern mehr Nachhaltigkeit bei Weg aus der Corona-Krise

Experten dringen auf mehr Nachhaltigkeit

Als Lehre aus der Corona-Krise fordern Experten, mehr auf Nachhaltigkeit zu setzen. "Nachhaltiges Denken und Handeln beugt Krisen vor und wappnet Wirtschaft und Gesellschaft bestmöglich für den Krisenfall", heißt es in Leitlinien, die der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der Bundesregierung am Dienstag in Berlin veröffentlichte. Dabei gehe es sowohl um ökologische Fragen wie auch um soziale und wirtschaftliche Aspekte.

"Es wäre ein Kardinalfehler, in Schlussfolgerung aus der Krise die beschlossenen Klimaschutz- und Umweltziele aufzuweichen oder zeitlich zu verschieben", betonen die beteiligten Wissenschaftler. "Beim Wiederaufbau müssen Erhalt und Schaffung von guten Arbeitsplätzen und wirksamer Klimaschutz Hand in Hand gehen." Es gehe jetzt darum, in möglichst effizienter Weise "Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden".

Unternehmen, die öffentliche Konjunkturprogramme in Anspruch nehmen, sollten verpflichtet werden, Nachhaltigkeitskriterien zu beachten, fordern die Experten. Auch müsse es "eine Selbstbeschränkung bei Dividenden und Boni" geben. Um einen zusätzlichen Anreiz für Klimaanstrengungen zu schaffen, könnten Zins- und Tilgungsvorteile für die Erreichung von Klimazielen in Aussicht gestellt werden, empfiehlt der Sachverständigenrat.

Auch auf EU-Ebene sollten Weichen im Rahmen des "Green Deal" entsprechend gestellt werden. Es müsse "ein qualitatives Wachstum" geben, dass sich auch am gesellschaftlichen Wohl orientiere. Dabei müsse auch internationaler Ungleichheit im Verhältnis zu den Ländern des globalen Südens begegnet werden. Zudem sollten "strategische Wertschöpfungsketten für Europa" definiert und bei Lieferketten soziale und ökologische Standards beachtet werden.

Zu den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie in Deutschland erklärt der Sachverständigenrat: "Die Corona-Krise trifft trotz des bestehenden sozialen Netzes einige Bevölkerungsgruppen sehr stark, insbesondere Familien mit kleinen Kindern sowie Menschen mit geringem Einkommen und ohne größere finanzielle Rücklagen." Frauen seien insgesamt stärker betroffen als Männer.

Insofern sei "darauf zu achten, dass Maßnahmen zur Abmilderung der Corona-Krise nicht nur Männerberufe, zum Beispiel in der Industrie, in den Fokus nehmen, sondern Beschäftigungsformen und -verhältnisse von Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden".

Für die Bewältigung der Krise zentrale Berufsgruppen, besonders im Gesundheitswesen und in der Pflege, sollten aufgewertet und entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung fair entlohnt werden - auch später bei der Rente.

Weiter sei es jetzt noch wichtiger, "den Bildungserfolg und die Chancen auf sozialen Aufstieg von der Herkunft zu entkoppeln". Insbesondere sei sicherzustellen, "dass alle Kinder und Jugendlichen, auch die aus ärmeren und bildungsfernen Familien, erfolgreich an der digitalen Bildung teilnehmen können". Insgesamt sehen die Experten den Digitalisierungschub aufgrund der Krise aber ausdrücklich als Chance, auch im Sinne neuer Möglichkeiten zur digitalen Bürgerbeteiligung.

"Ich bin dafu?r, dass die Konjunkturhilfen den sozialo?kologischen Umbau unterstu?tzen, besser noch beschleunigen", sagte auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) der "Zeit". Den Kommunen solle "bei der energetischen Sanierung ihrer Geba?ude geholfen werden". Das Programm müsse zudem gezielt sozialen Diensten und den Gesundheitsdiensten helfen, beispielsweise durch die energetische Sanierung von Krankenha?usern und Altenheimen. Eine Abwrackprämie für Autos wie in der Zeit der Finanzkrise lehnte Schulze ab.