Experte: Deutschland darf sich mit Türkei-Forderungen nicht isolieren

dpa-AFX

BERLIN (dpa-AFX) - Mit vorschnellen Forderungen nach einem Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei läuft Deutschland aus Sicht des Soziologen Günter Seufert Gefahr, sich innerhalb der EU zu isolieren. "Es war überfällig, deutlichere Töne gegenüber der Türkei anzuschlagen", sagte Seufert von der Stiftung Wissenschaft und Politik am Freitag in Berlin. "Aber außer Österreich fordert kein anderes EU-Land den sofortigen Abbruch der Gespräche." Nötig seien deshalb Vorschläge, bei denen alle EU-Staaten mitgehen könnten. Drohungen, die sich mit der EU nicht umsetzen ließen, bedeuteten einen Sieg für Erdogan.

Beim TV-Duell mit Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz den sofortigen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gefordert - ein Schritt, den Außenminister Sigmar Gabriel zuvor strikt abgelehnt hatte.

Der türkische Journalist und "Reporter-ohne-Grenzen"-Korrespondent Erol Önderoglu stimmte Seufert bei einer Diskussion in Berlin zu: Wenn aus Versprechen nach einem sofortigen Ende der Verhandlungen nichts werde, sei das ein Sieg für den "konservativen, populistischen Führer der Türkei." "Ihr habt kein Medium in der Türkei. Erdogan kann euch in einer Sekunde diskreditieren", sagte Önderoglu in Richtung der deutschen Politik. Gegen den Journalisten läuft in der Türkei ein Gerichtsverfahren wegen angeblicher Terrorpropaganda. Der Prozess soll im Dezember fortgesetzt werden.