Experte: Das kann aus Amazon, Facebook & Co werden

Andreas Deutsch
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Viele Menschen haben Angst vor der Datensammelwut von Amazon, Facebook & Co. Aber wie riskant ist Big Data wirklich? Bestseller-Autor Thomas Ramge („Das Digital“) sagt im Interview mit dem AKTIONÄR, was wir von den Tech-Giganten noch erwarten können.

DER AKTIONÄR: Herr Ramge, 150 Jahre nach „Das Kapital“ kommen Sie und Viktor Mayer-Schönberger mit „Das Digital“. Doch anders als Karl Marx warnen Sie nicht vor Ausbeutung, sondern sagen: Wir können mit Daten den Markt neu erfinden. Brauchen wir bald kein Geld mehr?

THOMAS RAMGE: Geld werden wir auch künftig noch brauchen, um Dienstleistungen und Produkte zu bezahlen. Aber Geld wird an Bedeutung verlieren. Daten sind weniger das neue Öl als das neue Geld. Sie werden zum neuen Schmiermittel der Märkte. In der Zukunft wird es viel mehr darum gehen, wer Daten wie nutzen darf. Facebook, Amazon, Apple oder Alibaba wissen ja fast alles über uns. Sie haben unser Nutzerverhalten perfekt analysiert und können uns genau einschätzen. Die Aufgabe der Politik und von uns Bürgern wird es sein, diesen Tech-Giganten keinen Freifahrtschein auszustellen. Wir müssen dafür sorgen, dass der neue Datenreichtum allen zugutekommt und nicht nur wenigen Superstarfirmen. Gelingt dies, wird der Markt viel besser als heute funktionieren. Er wird dann das sein, was er immer sein sollte: nämlich ein effi­zien­ter Mechanismus, um in einem Wertschöpfungsprozess die Ressourcen sinnvoll zu verteilen und die Arbeitskräfte zu koordinieren.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Was blüht uns, wenn die Datenkraken nicht mitmachen?

Dann würden Google, Apple, Facebook, Amazon und Co ihre Oligopol- oder Monopolmacht ausnützen und auch keine Anreize mehr haben, Innovationen voranzutreiben. Irgendwann würden sie ihre starke Stellung verwalten. Der Kundennutzen ginge stark zurück. Fortschritt würde es kaum noch geben. Der Markt wäre ineffizient.

Amazon kommt derzeit auf einen Börsenwert von 570 Milliarden Dollar. Wie viel Fantasie steckt darin?

Amazon hat in den vergangenen große Fortschritte gemacht. Angetreten ist Jeff Bezos‘ Konzern als reiner Buchhändler, nun verlegt Amazon selbst Bücher. Das Cloudgeschäft ist ein wichtiger Umsatz- und Gewinnbringer geworden, hinzu kommt mit Amazon Prime ein Film-, Serien- und Musikdienst. Aber nicht nur bei Amazon sehen wir längst nicht mehr nur horizontale, sondern auch vertikale Strukturen. Netflix hat früher lediglich die Plattform zur Verfügung gestellt, der Content kam ausschließlich von Externen. Heute ist Netflix selbst Produzent von überaus erfolgreichen Serien.

Alibaba ist ein weiteres Beispiel für die Evolution eines modernen Konzerns. Früher war Alibaba ausschließlich eine Handelsplattform. Mit Alipay hat der Konzern eine bemerkenswerte Fintech-Firma gestartet. Mit der eigentlichen Kernkompetenz hat das nichts mehr zu tun.

Aber, um auf Amazon und Ihre Frage zurückzukommen: Im Amazon-Aktienkurs steckt viel Fantasie. Der Konzern muss sich weiterbewegen.

Und wie?

Amazon wird weitere neue Dienste anbieten. Es wird sein Kundenwissen und seinen Zugang zu loyalen Kunden in andere Branchen mitnehmen, vielleicht ins Versicherungsgeschäft. Da gäbe es ideale Voraussetzungen. Die Strategie vieler Versicherungsgesellschaften ist es ja seit jeher, ihre Tarife möglichst intransparent zu gestalten. Da blickt doch kein normaler Mensch durch, welchen Schutz er wirklich braucht und wie viel das wirklich wert ist. Es wäre ein Paukenschlag, wenn Amazon mit einem Preissystem um die Ecke käme, deren Sinn und Preis jeder nach fünf Minuten kapiert. Ohne Frage ein überaus lukratives neues Geschäftsfeld.

Wenn Bezos wirklich hingeht und aus Amazon einen bedeutenden Versicherungs-Player macht oder wenn er in die Telemedizin oder sonstwo einsteigt, dann könnte der Konzern bald die 800 Milliarden Dollar wert sein, in denen heute freilich viel Fantasie steckt.

Facebook ist an der Börse nicht wesentlich weniger wert als Amazon. Im Grunde ist Facebook nichts weiter als eine Plattform, die von den Posts ihrer zwei Milliarden Mitgliedern lebt. Finden Sie 530 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung in Ordnung?

Facebook darf man nicht unterschätzen. Das Unternehmen hat ebenfalls sehr viel Potenzial, aus den gesammelten Daten Großes zu machen. Facebook könnte bald der führende Entwickler von Chatbots werden. Es ist durchaus möglich, dass Mark Zuckerberg und seine klugen Köpfe einen Großteil der Callcenter der Welt überflüssig machen. Die Unternehmen könnten somit etliche Milliarden einsparen. Das wäre eine Revolution.

Wie sieht es mit Alphabet aus – was wird Google noch bewirken?

Google hat in den vergangenen Jahren ganz viel versucht, aber außerhalb seiner Kernkompetenz der Aufbereitung von Information hat wenig geklappt. Google Glass, Goo­gle Plus, Project Loon – alles Flops. Der Konzern kann froh sein, dass das Kerngeschäft, die Suchmaschine, so gut läuft. Trotzdem muss sich Alphabet in Sachen Innovationen anstrengen. In Sachen künstlicher Intelligenz kommen sie mit DeepMind offenkundig sehr gut voran, aber das verwundert auch nicht. KI ist ja nichts anderes als intelligenter Umgang mit großen Datenmengen. Das kann Google.

Das komplette Interview erschien in der AKTIONÄR-Ausgabe 50/2017.