Eine exklusive Anlegerumfrage zeigt: Alle Stimmungsindikatoren sind rückläufig. Was sich daraus ableiten lässt.

Eine exklusive Anlegerumfrage zeigt: Alle Stimmungsindikatoren sind rückläufig. Was sich daraus ableiten lässt.


Mit einem Plus von nur 0,3 Prozent beim Dax war die vergangene Handelswoche auf den ersten Blick eher unspektakulär. Doch es gab große Schwankungen an den jeweiligen Handelstagen – am vergangenen Dienstag betrug die Differenz zwischen Tageshoch und -tief zum Beispiel mehr als 200 Punkte.

„Das drückt auf die Stimmung der Anleger“, meint Börsenexperte Stephan Heibel nach Auswertung der aktuellen Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment. „In einem Moment glaubt man, die Korrektur für beendet erklären zu können und stellt sich auf einen Lauf in Richtung 13.000 Punkte ein, im nächsten Augenblick muss man schon wieder bangen, dass nicht wieder die Tiefs von Anfang Februar heimgesucht werden.“

Da sei es kein Wunder, dass sämtliche Stimmungsindikatoren beim Dax-Sentiment diese Woche rückläufig sind.

Wöchentlich werden bei der Erhebung mehr als 2.300 Anleger befragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Die Ergebnisse bewertet Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. Seine Prognosen zur Dax-Entwicklung sollen Orientierung für die Geldanlage bieten. Wichtig ist dabei der Zeithorizont: Das Sentiment gibt keine Auskunft über die mögliche Marktrichtung am nächsten Tag und selten über die kommende Woche, wohl aber über die kommenden vier bis zwölf Wochen.


Hinter solchen Erhebungen zur Börsenlage, Sentiment genannt, stehen – vereinfacht formuliert – zwei Annahmen: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten.

Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger pessimistisch sind, sind sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken. Für seine Prognose wertet Heibel zudem weitere Indikatoren aus.

Noch vor einer Woche war für den Börsenexperten die Gefahr eines weiteren Tiefschlags noch sehr groß. Denn das Dax-Sentiment zeigte am vergangenen Montag eine gefährlich schnelle Erholung der Stimmungsindikatoren an. Doch eine Korrektur dient auch dazu, die Stimmung der Anleger auf ein moderates Niveau zurückzuholen, und das braucht seine Zeit.

US-Privatanleger zeigen sich schnell wieder optimistisch

Die sognannte Sägezahn-Entwicklung der nun abgelaufenen Woche (seitwärts unter hohen Schwankungen) hat nochmals kräftig an den Nerven der deutschen Privatanleger gezehrt. Institutionelle hingegen haben sich frühzeitig gegen weitere Korrekturen abgesichert und sammeln nun ihre Lieblinge ein. Komischerweise passiert in den USA genau das Gegenteil, die US-Privatanleger werden zu schnell wieder optimistisch, während sich die US-Profis auf Schlimmeres vorbereiten.


„So gegensätzlich, wie diese Stimmungslagen sind, kann es an den Märkten eigentlich nicht weitergehen“, meint der Sentimentexperte. „Ich würde das als absolute Ratlosigkeit am Markt interpretieren, was nach wie vor eine durchaus nachvollziehbare Reaktion auf den vollautomatischen Crash ist.“ Denn für den Sentimentexperten haben automatisiere Handelsalgorithmen die Verkäufe ausgelöst und im Wesentlichen für diese Korrektur gesorgt.

In den USA fürchten die Profis offensichtlich mehr solcher Korrekturen, während die Profis in Deutschland inzwischen wieder ihre Long-Positionen ausbauen. Damit sei keine Richtungsentscheidung aus dem Sentiment abzuleiten.

Auch der Fünf-Wochenschnitt des Sentiments (siehe Grafik) gibt kein eindeutiges Signal: Zwar notiert dieser Indikator inzwischen deutlich im negativen Bereich, aber von Extrempunkten, die während der Baissezeiten Ende 2014, Mitte 2015, Anfang 2016 und Mitte 2017 erreicht wurden, ist dieser Indikator noch weit entfernt.

Der Fünf-Wochenschnitt hat sich seit Beginn der Umfrage im September 2014 stets als zuverlässiger Indikator für eine „Überhitzung“ oder „Unterkühlung“ an den Märkten erwiesen. Und er erwies sich bislang als eine treffsichere Einstiegsmöglichkeit.


Die Umfrage-Ergebnisse im Detail

Eine weitere Sägezahn-Woche würde laut Heibel bei diesem Indikator wahrscheinlich ein deutlicheres Ergebnis hervorrufen. Doch da die verschiedenen Anlegergruppen völlig unterschiedlich positioniert sind, könnte ein Dax-Ausbruch in die eine oder andere Richtung auch deutlich verstärkt werden. „Ich muss mich auf meine seit Wochen gültige Aussage zurückziehen: An schwachen Tagen können Sie Ihre Lieblinge weiter einsammeln. An starken Tagen ist es aber auch nicht verkehrt, ein paar Teilgewinne mitzunehmen.“

Die aktuellen Ergebnisse des Dax-Sentiments: Nur noch 16 Prozent (minus neun Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer sehen in der aktuellen Dax-Entwicklung einen Aufwärtsimpuls, 48 Prozent (plus 14 Prozentpunkte) hingegen gehen von einer Seitwärtsbewegung aus. Einen Abwärtsimpuls sehen weiterhin 18 Prozent und elf Prozent (minus drei Prozentpunkte) betrachten die Sägezahn-Bewegung als Bodenbildung. Damit ist die Laune unserer Umfrageteilnehmer weiterhin neutral.


Die Selbstzufriedenheit der Anleger ist rückläufig, liegt aber noch im moderat negativen Bereich. Das ist ablesbar an den Antworten auf die Frage: „Haben sich Ihre Erwartungen zum Dax in der vergangenen Woche erfüllt?“.  Kaum erfüllt sieht knapp jeder Dritte (plus fünf Prozentpunkte gegenüber Vorwoche) seine Erwartung. Neun Prozent (minus zwei Prozentpunkte) wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Deren Erwartungen wurden „überhaupt nicht erfüllt“.

Hingegen fühlen sich nur noch 53 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) zum größten Teil in ihrer Marktmeinung der Vorwoche bestätigt. Nur sieben Prozent (minus fünf Prozentpunkte) haben auf diese Seitwärtsbewegung spekuliert.

Auch die Hoffnung auf eine schnelle Erholung von diesem Schock nimmt ab. Nur noch jeder Dritte (minus zwei Prozentpunkte) erwartet für den Dax in drei Monaten steigende Kurse, 24 Prozent (plus sechs Prozentpunkte) hingegen können sich einen weiteren Abwärtsimpuls vorstellen. Eine Seitwärtsbewegung erwarten 27 Prozent (minus vier Prozentpunkte). Ein positiver Zukunftsoptimismus ist damit zwar noch vorhanden, aber rückläufig.

Entsprechend will nur noch jeder Vierte (minus vier Prozentpunkte) in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, weiterhin 14 Prozent wollen verkaufen. Das Lager derer, die erst einmal abwarten wollen, ist wieder auf 61 Prozent (plus vier Prozentpunkte) angestiegen.

Weniger Spekulationen auf steigende Kurse

Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der vor allem Privatanleger handeln, ist von seinem „rekordbullischen Hoch“ der Vorwochen leicht zurückgekommen. Das bedeutet: Privatanleger spekulieren nicht mehr so stark auf steigende Kurse. Dieser Indikator wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax berechnet.


Ganz anders die Situation bei den institutionellen Investoren: Die hatten zunächst an der Frankfurter Terminbörse Eurex in die Korrektur seit Ende Januar zunächst umfangreiche Absicherungen vorgenommen, also entsprechend viele Put-Optionen gekauft, die bei fallenden Kursen im Wert steigen.

Doch nun setzen die Institutionellen auf eine Erholung. Das Put/Call-Verhältnis an der Eurex  ist auf 1,0 zurückgegangen. Noch in der vergangenen Woche hatte dieser Indikator einen Rekordwert von 3,3 erreicht. Der Durchschnittswert der vergangenen zwölf Monate liegt bei 1,5.

Der Blick auf die US-Aktienmärkte zeigt: Der auf technischen Marktdaten basierende „Angst-und-Gier-Indikator“ zeigt mit 15 Prozent eine extreme Angst an, was aus Sentimentsicht für eine baldige Erholungsbewegung an den US-Aktienmärkten spricht.

Die institutionellen Anleger in den USA haben ihre Investitionsquote weiter auf 62 Prozent reduziert, das niedrigste Niveau seit anderthalb Jahren. Seit der Wahl Donald Trumps haben institutionelle Anleger nicht mehr so viel Bargeld vorgehalten. „Das ist bullisch“, meint Heibel. Hingegen ist der Bulle/Bär-Index der US-Privatanleger auf 21,6 Prozent gestiegen und zeigt schon wieder einen ziemlich großen Optimismus an.


Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.