Ski-Legenden erklären die Gold-Sensation

Nadine Münch, Jonas Nohe
Hilde Gerg und Markus Wasmeier sind ehemalige deutsche Super-G-Spezialisten

Es ist eine Geschichte, wie nur Olympia sie schreibt, und die Sensation von Pyeongchang schlechthin: Ester Ledecka gewinnt bei den Olympischen Winterspielen Gold im Super-G - und zwar als Snowboard-Weltmeisterin!

Die 22 Jahre alte Tschechin stellte mit einem richtig starken Lauf die Skiwelt auf den Kopf. Am Ende rettete sie mit einem spektakulären Sprung eine Hundertsel ins Ziel und übertrumpfte Weltklasse-Skifahrerinnen und Super-G-Spezialistinnen wie Lindsey Vonn, Tina Weirather, Lara Gut oder Anna Veith, die sogar schon ein Sieger-Interview gegeben hatte.

Dass die Zeit auf der Anzeigetafel im Ziellauf wirklich stimmte, konnte Ledecka selbst am allerwenigsten glauben. Doch tatsächlich stand da die Eins. "Es ist richtig verdient, sie ist gut gefahren", lobte Deutschlands Skilegende und Super-G-Olympiasieger Markus Wasmeier bei SPORT1.

Das Geheimnis hinter dem Sensationssieg der Quereinsteigerin: Obwohl Ledecka auf dem Snowboard zur absoluten Weltspitze gehört, ist sie auch auf zwei Brettern ein Naturtalent. Von Kindesbeinen an betrieb die heute 22-Jährige beide Sportarten parallel.

Im Februar 2016 gab sie dann ihr Debüt im Abfahrts- und Super-G-Weltcup. Ihr bestes Ergebnis bis zum Samstag - ein Platz 7 in der Abfahrt von Lake Louise im vergangenen Dezember.


Gold-Favoriten um Vonn patzen

In Pyeongchang nutzte Ledecka auch die Gunst der Stunde. Die große Gold-Favoritin, US-Skistar Vonn, warf sich selbst aus dem Medaillenrennen. "Ihr Fahrfehler hat sie  bestimmt eine halbe Sekunde gekostet, sie hätte das Rennen im Griff haben können. Olympia ist eben auch oft ein Favoritensterben", erklärt Wasmeier.

Das gleiche Schicksal ereilte auch Sofia Goggia, die in dieser Saison in den Weltcup-Rennen bislang immer vorne mit dabei war und als Gold-Anwärterin galt. (SERVICE: Der Zeitplan der olympischen Spiele).

Veith, Gut und Weirather von Verletzungen gebremst

Veith, Olympiasiegerin von 2014, hatte durch ihre lange Verletzung keine optimale Vorbereitung. Nach Kreuzband-, Innenband- und Patellasehnenriss im vergangenen Jahr legte die  Österreicherin mit Silber ein Hammer-Comeback hin, aufgrund dieser Vorgeschichte war sie aber nur Außenseiterin auf den erneuten Olympiasieg.

"Auch Lara Gut und Tina Weirather kamen von einer Verletzung. Diese drei waren zwar Kandidatinnen, aber keine Favoritinnen", sagt Wasmeier.


Kein Erwartungsdruck bei Ledecka

Besonders Weirather hatte sich nach der verpassten Olympiade 2014 enormen Druck gemacht. Damals hatte sie sich kurz vor den Spielen im Training verletzt und konnte dann nicht teilnehmen, obwohl sie in einer Überform war.

"Sie war total aufgeregt, war ab 2 Uhr nachts wach und wollte unbedingt eine Medaille. Dann wird es oft schwierig, die beste Leistung abzurufen", sagte die deutsche Ski-Legende und Super-G-Weltmeisterin Hilde Gerg zu SPORT1. (SERVICE: Der Medaillenspiegel).

Das alles hatte Ledecka nicht. "Der Erwartungsdruck war bei ihr nicht hoch. Sie fand es schon super, überhaupt antreten zu dürfen. Sie hat sich gefreut und ist ein lockeres Rennen gefahren" erklärt Gerg den psychologischen Vorteil.

Und dann passte an diesem Tag einfach alles zusammen: Ledecka hatte bei ihrem Lauf bessere Verhältnisse als die Konkurrenz und kam allgemein mit dem Schnee sehr gut zurecht, was sie bereits im Training gezeigt hatte.


Auch in Zukunft erfolgreich?

Kann Ledecka auch in Zukunft auf zwei Brettern Erfolge feiern und sich in der Abfahrt und im Super-G in der Weltspitze etablieren? Darüber muss die Tschechin letztlich selbst entscheiden.

Die Grundvoraussetzungen für gutes Skifahren wie die nötige Technik und den Mut hat sie, es kommt aber darauf an, wo sie ihre Prioritäten setzt. Denn aktuell teilt sie ihr Training auf Snowboard und Ski auf.

"Damit fehlen ihr ein Drittel bis 50 Prozent Trainingszeit und Erfahrung mit dem Material. Aber das gehört dazu, wenn sie sich in der Ski-Weltspitze unter den Top 5 etablieren will", erklärt Gerg.

"Es ist ein großes Gut, dass sie auch andere Sportarten beherrscht und das auch noch auf diesem Niveau. Sie hat Potenzial. Aber es ist kein Wunschkonzert. Jeder Tag und Wettkampf wird eine neue Herausforderung", sagt Wasmeier über die zweimalige Snowboard-Weltmeisterin.

Er freut sich, dass Ledecka in Pyeongchang auch auf dem Snowboard auch noch im Parallel-Riesenslalom an den Start geht: "Damit ist sie einmalig, das wird so schnell niemand nachmachen können. Unabhängig davon, ob sie dort auch eine Medaille holt oder nicht."