Exklusiv-Interview: Herr Özdemir, was ist deutsch?

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Özdemir auf dem Gillamoos-Fest in Abensberg. (Bild: Getty)

Im zweiten Teil des Exklusiv-Interviews mit Yahoo Nachrichten spricht Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir über Currywurst, Protestanten im Karneval und die Gemeinsamkeiten zwischen Erdogan und der AfD.

Teil 1: Herr Özdemir, sind Sie der wahre Sozialdemokrat?

Yahoo Nachrichten: Eine Gemeinsamkeit gab es unter den im Bundestag vertretenen Parteien, und zwar indem sie alle die Äußerungen von AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland verurteilten, der SPD-Staatssekretärin Aydan Özoguz in Anatolien entsorgen wollte.

Özdemir: Die gleichen Leute wollen auch mich entsorgen, teilweise wird das auf meine Wahlplakate geschmiert.

Was steht da?

Özdemir: “Anatolien”, “Entsorgen”, rassistisches Zeug. In der Schule haben mir die Lehrer Werte beigebracht, die Deutschland groß gemacht haben und weswegen wir im Ausland bewundert werden: Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Ich verstehe nicht, warum die AfD diese Werte nicht teilt – und was patriotisch daran sein soll, wenn die Loyalität zu Russlands Präsident Wladimir Putin größer ist als zum eigenen Land mit unserem Grundgesetz.

Was halten Sie denn von der These von Aydan Özoguz, wonach eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache nicht auszumachen sei?

Özdemir: Unsere Kultur ist sehr dynamisch. Sie basiert auf den Werten der Aufklärung und der französischen Revolution. Das Deutschland von heute unterscheidet sich deutlich von dem der fünfziger Jahre. Und so weit muss man nicht zurückgehen: Ich war schon Bundestagsabgeordneter, als im Parlament darüber abgestimmt wurde, ob die Vergewaltigung einer Frau in der Ehe ein minderes Delikt sei als außerhalb der Ehe. Da hat sich mittlerweile glücklicherweise doch einiges getan.

Kultur ist aber mehr als Werte und Rechtsvorstellungen.

Özdemir: Mancher denkt, dass die Currywurst typisch deutsche Kultur sei und dass sich schon die Germanen im Teutoburger Wald damit stärkten, bevor es gegen die Römer ging; Unsere Werte und Grundüberzeugungen aber sind das Fundament unseres Zusammenlebens – und unserer Verfassung.

Dennoch ist das doch nicht alles.

Özdemir: Ich bin im schwäbischen Bad Urach aufgewachsen und stark protestantisch geprägt, kam später über den Bundestag ins Rheinland – wiederum eine völlig andere Kultur mit ihrem Rosenmontag.

…Hatten Sie keine schwäbische Fastnacht gefeiert?

Özdemir: Meinen Mitschülern wurde verboten sich zu verkleiden, weil ihre evangelisch-pietistischen Eltern sagten: Christen verkleiden sich nicht, das machen nur Heiden und Katholiken. Ich also durfte mich verkleiden – quasi Narrenfreiheit.

Sie sagen, vieles habe sich verändert. Manches aber bleibt. Früher aß man Knödel mit Kraut, und heute auch. Ist das nicht auch Kultur?

Özdemir: Man isst auch Pizza. Als die ersten so genannten Gastarbeiter aus Italien kamen, hat das Arbeitsamt damals Kochrezepte an deren Sammelunterkünfte geschickt – weil die Italiener sich kulinarisch sehr schwer taten. Heute ist schwer vorstellbar, dass das Jobcenter Spaghettirezepte verschickt, heute ist es ein deutsches Stammrezept. Oder der Döner Kebab: Viele wissen nicht, dass er in Deutschland erfunden und dann in der Türkei eingeführt wurde, wo man ihn ursprünglich ganz anders gegessen hatte. Es ist doch schön, dass Kultur nicht in Stein gemeißelt ist. So viele Worte sind aus anderen Sprachen in die deutsche Sprache eingewandert, wie zum Beispiel “Kiosk” aus dem Türkischen. Und umgekehrt genauso.

Was ist denn für Sie deutsch?

Özdemir: Die Kartoffelsuppe der Kanzlerin ist genauso deutsch wie das Schwäbisch von Cem Özdemir. Wir sind eine tolerante und weltoffene, demokratische Gesellschaft. Dass sich Spitzenpolitiker zu ihrer Homosexualität bekennen – das wäre doch früher undenkbar gewesen. Und jetzt haben wir sogar die Ehe für alle bekommen. Das ist ein echter Fortschritt.

Cem Özdemir rückt die Funktionäre der AfD in die geistige Nähe des türkischen Präsidenten Erdogan. REUTERS/Fabrizio Bensch/File Photo

Kultur wird ja gern mal vereinnahmt oder vorenthalten. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Sie einen “angeblichen Türken” genannt. Was ist denn das?

Özdemir: Formell hat er Recht, ich bin nur deutscher Staatsbürger. Ich sammle keine Pässe, mir reicht einer. Aber er wollte damit sagen, dass er darüber entscheidet, wer ein Türke ist und wer nicht. Auch türkischen Oppositionellen spricht er ab, zur türkischen Nation zu gehören. Sowas kennzeichnet autoritäre Führer überall. Ähnlich ist es übrigens bei der AfD. Für viele von denen bin ich kein Deutscher, obwohl ich hier geboren bin und mich für die Zukunft unseres Landes einsetze. Schauen Sie auch, wie die mit der Kanzlerin umgehen, bei ihren Kundgebungen: Die brüllen und grölen, sprechen ihr das Deutschsein und die Loyalität zu unserem Land ab – mit welchem Recht definieren die, was deutsch ist und was nicht?

Sie meinen, es gibt da eine geistige Nähe zwischen Erdogan und der AfD?

Özdemir: Absolut. Nationalistischer Irrsinn und religiöse Intoleranz sind mit der Gießkanne über die Länder verteilt. Wenn ich bei mir auf Twitter oder Instagram reinschaue und die Beschimpfungen durch AfD-Anhänger oder Erdogan-Fans lese, sind die austauschbar.

Gibt es eigentlich ein Ereignis, welches die Deutschtürken in ihrem Verhältnis zu ihrem Land Deutschland besonders stark geprägt hat?

Özdemir: Als es in den neunziger Jahren die rassistischen Übergriffe gab, in Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, Magdeburg und anderswo – das hat zu einer tiefen Erschütterung geführt. Nicht die Übergriffe an sich, sondern der Umgang mit ihnen in der Öffentlichkeit. Kanzler Helmut Kohl wollte damals in Solingen nicht am Trauergottesdienst teilnehmen. Er mache keinen Beileidstourismus, sagte er. Da hatten wir uns noch gut daran erinnert, wie es bei den Toten durch die RAF gewesen war – an deren Gräbern zu Recht die Politiker trauerten. Das stärkte nicht das Zusammengehörigkeitsgefühl – dabei haben die Deutschtürken eigentlich ein sehr positives Deutschlandbild.

Özedmir fordert eine vollständige Aufarbeitung der NSU-Morde und des Prozesses gegen Beate Zschäpe. (AP Photo/Matthias Schrader,pool, file)

Gibt es eine Parallele zwischen dem, was Sie aus den Neunzigern schildern und dem, was gerade in München mit dem NSU-Prozess passiert?

Özdemir: Ja. Das Erschütterndste für mich war, dass den Hinterbliebenen dieser Nazi-Terrorserie nicht nur ihre Lieben genommen wurden, sondern auch das Recht zum Trauern – weil sie verdächtigt wurden, ihre Männer oder Söhne seien Kriminelle gewesen.

Stellt man sich dem jetzt angemessen? Über Erdogan oder Donald Trump regen wir uns herrlich auf – aber das hier ist vor unserer Haustür geschehen.

Özdemir: Das stimmt. Selbst der Untersuchungsausschuss im Bundestag konnte nicht alles über den NSU aufklären. Und auch der Prozess in München hinterlässt noch viele offene Fragen, obwohl die Kanzlerin beim Trauerakt den Opferfamilien eine lückenlose Aufklärung versprochen hatte.

Trauen Sie denn noch der Bundesanwaltschaft und dem Verfassungsschutz?

Özdemir: Die Löschaktionen bei den Sicherheitsbehörden und die langen Sperrfristen – teilweise bis zu 120 Jahren – hinterlassen viele Fragezeichen. Die Hoffnung auf Aufklärung will ich aber nicht aufgeben. Wir sind das den Opferfamilien schuldig.

Fragezeichen oder kein Vertrauen mehr?

Özdemir: Wir Grüne wollen die Arbeit der Sicherheitsbehörden neu aufstellen und effektiver gestalten. Auch deshalb wollen wir in die nächste Bundesregierung.

Wenn Sie für einen Moment die Augen schließen und sich an Ihre Arbeit als Erzieher in Reutlingen erinnern: Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Özdemir: Ich erinnere mich gern daran zurück. Und ich denke dann, dass Erzieherinnen, Pfleger und Hebammen für ihre wichtige Arbeit endlich angemessen bezahlt werden sollten.

Sehnen Sie sich manchmal zurück?

Özdemir: Ich hab ja selbst zwei Kinder. Und ich lese unheimlich gern Kindern vor. Wenn ich Zeit habe, gehe ich auch in Schulen und Kindergärten und lese dort vor. Das macht viel Freude – mir und meistens auch den Kindern.

Haben Sie Ihre pädagogischen Kompetenzen schon einmal in die Arbeit im Bundestag eingebracht?

Özdemir: Wenn man mit einer Horde Kinder klar kommt – der eine hat in die Windeln gemacht, der zweite hat Hunger und die dritte will spielen – dann schafft man auch den Bundestag (lacht).

Ist der Bundestag eine ähnliche Rummelbude?

Özdemir: Das ist schwer zu vergleichen. Aber manchmal fühle ich mich in den Ausschüssen und Sitzungen schon erinnert an frühere Zeiten.

Das wohl bekannteste Wahlplakat der Grünen im aktuellen Wahlkampf. (Quelle: Gruene.de)

Diesel, Erdogan, Klimawandel – das sind alles urgrüne Themen. Warum dringen Sie damit nicht richtig durch?

Özdemir: Naja, vor drei Monaten hätten Sie mich noch gefragt, ob die Grünen mit der Zukunft der Mobilität, Klimakrise und Landwirtschaft nicht auf die falschen Themen setzen. Jetzt spitzt sich der Wahlkampf genau darauf zu. Es wird deutlich, dass der Platz drei diesmal entscheidet, wie es mit unserem Land weitergeht. Stillstand mit der Großen Koalition, eine schwarz-gelbe Retro-Koalition oder ein entschiedener Schritt in eine gute Zukunft mit uns Grünen.

Sie wollen zuspitzen. Aber sind dann grüne Plakate nicht öde, wenn drauf steht: Umwelt ist nicht alles, aber Umwelt ist alles nichts…

Özdemir: Aber so ist es doch.

Das ist eine Binsenweisheit, keine Zuspitzung.

Özdemir: Wenn das eine Binsenweisheit wäre: Warum sind es dann nur die Grünen, die sich so konsequent für Umwelt und Klima einsetzen? Und wir sind dabei sehr klar: Enddatum für Verbrennungsmotoren, Ausstieg aus der Kohleverstromung und Ausstieg aus der industriellen Massentierhaltung – das fordert sonst keiner. Leider.

Sagen Sie bitte in einem kurzen Satz, warum man die Grünen wählen sollte.

Özdemir: Um den Planeten nicht eines Tages in einem Zustand zu übergeben, für den ich mich bei meinen Kindern und Kindeskindern entschuldigen muss.