Exilrussen in Berlin - der Wind dreht sich

Berlin, Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, einst Grenze im kalten Krieg der vier Siegermächte nach dem zweiten Weltkrieg. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es zum beliebten Ziel für Russen, die Freiheit und Geschäftsmöglichkeiten suchten.

1990 übernahm Ilja Kaplan das Pasternak, ein beliebter Treffpunkt für Exilrussen. In seiner alten Heimat ist er nie wieder gewesen. Sein Geschäftsführer ist ebenfalls Exilrusse.

VJATSCHESLAV NIKONOV "Während der Prestroika konnte man den Wind der Freiheit wirklich spüren, in der Sowjetunion, sogar in Russland. Und wir folgten ihm. Und am Ende haben wir hier unsere Freiheit gefunden."

Es lief gut zwischen Russen und Deutschen, aber die Dinge haben sich geändert:

VJATSCHESLAV NIKONOV "Vor fünf, sechs oder sieben Jahren war Russland in Deutschland geschätzt. Viele Russen kamen nach Deutschland, nach Berlin, sie wurden freundlich empfangen. Die Stimmung hat sich jetzt geändert. Die Menschen stehen den Russen kritischer gegenüber, und auch die Russen, die nach Deutschland kommen, stehen Europa kritischer gegenüber."

Auch Kesha Baranov kam Anfang der 90er in den Westen. Als Maler etabliert, lebt er gut von seinen Kunden in West wie Ost. Aber die Sanktionen gegen Russland nach der Krim-Annexion oder der russische Einsatz im syrischen Bürgerkrieg zeigen Wirkung:

KESHA BARANOV: „Ich habe einen großen Markt in Russland, besonders in Moskau. Und jetzt kann ich fast sagen "hatte", denn 2014, als es diese ganze Geschichte mit der Ukraine gab, habe ich viele Kunden verloren, weil der Rubel fiel, wegen der Sanktionen und so weiter. Und jetzt gab es eine zweite Welle nach den seltsamen Ereignissen in England und der Rubel ist nochmal um zehn Prozent gefallen.“

Alte Feindbilder leben wieder auf, sehr zum Bedauern der meisten Exilrussen.

ILJA KAPLAN, Besitzer des Pasternak: "Meine Mutter hat jetzt immer Angst, dass der dritte Weltkrieg kommt. Ich hoffe, dass nichts passieren wird; ich denke, es liegt nur am Charakter dieser Leute, die Putin und Trump unterstützen."

Trotzdem gibt es einen verhaltenen Optimismus, dass sich die Dinge wieder einrenken werden, denn das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen, glaubt Kesha Baranov:

"Ich denke, es ist nur eine Phase. Die heutige Welt ist viel zu global, die Kunstwelt auch und die Wirtschaft. Sie können uns nicht mehr trennen. Man kann Leute nicht mehr in Kategorien zwingen. Es funktioniert nicht."

Berlin, die ehemalige Frontstadt des kalten Krieges, hat sich zur weltoffenen Metropole gewandelt. Es gibt unterschiedliche Meinungen, es gibt Diskussion, auch hitzige. Aber hier gibt es keine Mauer mehr zwischen Russen und Deutschen.