Exil-Belgier Rösch kämpft im TV mit den Tränen

Biathlet Michael Rösch kämpfte im ZDF-Interview

Zwölf Jahre hat Michael Rösch auf diesen Moment gewartet. Am Freitag, als der Altenberger mit dem belgischen Team bei der Eröffnungsfeier ins Olympiastadion von Pyeongchang einmarschierte, wurde sein Traum wahr.

Der 34-Jährige bekommt noch einmal, die Chance an Olympischen Spielen teilzunehmen. (SERVICE: Der Medaillenspiegel bei Olympia).

Nach einem Zerwürfnis mit dem Deutschen Skiverband tritt der Staffel-Olympiasieger von 2006 nun für Belgien an. Doch für seinen Olympia-Traum hat Rösch viele Leiden auf sich genommen. Bürokratische Hürden, finanzielle Probleme, ein Achillessehnenriss - all das hat er überwunden.

Angesprochen auf diesen Leidensweg kämpfte Rösch am Samstag im ZDF mit den Tränen und erklärte dies: "Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich daran denke, dass ich hier bin."

"Ich hab gesagt, das erste Kreuz mach ich beim Abflug, das zweite beim Landen und das dritte, wenn ich am Start stehe", fügte er hinzu.  

Crowdfunding ermöglicht Olympia-Start

Ein Einzelkämpfer ist Rösch aber schon lange nicht mehr, auch im fernen Südkorea sind seine Unterstützer auf Schritt und Tritt dabei. Zwar nur winzig klein, aber immerhin.

"Ich bin auf mich und vor allem die Leute stolz, die mich hierher gebracht haben", sagt der Biathlet - und blickt fast schon ein bisschen ehrfürchtig auf seine Waffe.

Denn die hat der Sachse extra für die Olympischen Spiele in ein neues Gewand gehüllt. Unzählige kleine Bilder mit den Gesichtern seiner Geldgeber sind dort erkennbar, und penibel zusammengesetzt, ergibt das Mosaik sogar die belgischen Nationalfarben. Ein echter Hingucker (Der Zeitplan der olympischen Biathlon-Wettbewerbe).


Das ist er mit seinem Rauschebart auch, aber das allein macht ihn freilich nicht zu einem der interessantesten Olympia-Teilnehmer.

Seine Crowdfunding-Idee, die erst den Start unter neuer Flagge ermöglicht und ihn nun an "das Ziel meiner Träume" gebracht hatte, und vor allem der bisherige Werdegang sind viel bemerkenswerter.


Degradierung beim DSV

"Das alles zeigt, was mit Willensstärke möglich ist", sagt Rösch dazu. Mit viel Willenskraft und der Hilfe von Ricco Groß, Sven Fischer und Michael Greis hatte der Altenberger 2006 im Alter von nur 22 Jahren mit der deutschen Staffel Olympiagold gewonnen. Durch den Triumph in Turin und weitere herausragende Ergebnisse galt Rösch schon als Kronprinz von Fischer und Co. - doch es kam alles anders (SERVICE: Der Olympia-Zeitplan).

Die extremen Erwartungen erfüllte Rösch nur ansatzweise, er wurde zunächst nur noch im zweitklassigen IBU-Cup eingesetzt und durfte später lediglich im Deutschland-Pokal starten. Es kam zum Bruch mit dem Deutschen Skiverband (DSV), der Nationenwechsel war die einzige Möglichkeit, noch einmal in der Weltspitze aufzutauchen.

Das tut Rösch, der gemeinsam mit Florent Claude die Belgier vertritt, in regelmäßigen Abständen auch heute noch. Und er freut sich, authentisch, leidenschaftlich - so wie im Dezember 2016, als er unter Tränen seinem verstorbenem Ex-Trainer Klaus Siebert dankte.


"Genieße es einfach"

"Ich habe so ziemlich das Schlimmste und das Schönste durchgemacht, das ein Sportler durchmachen kann", sagt Rösch rückblickend. Er könne mit all den erlebten Erfahrungen "ein Buch schreiben", das nun um ein bedeutendes Kapitel reicher wäre. "Es waren ja keine Monate oder Wochen, sondern zwölf Jahre, die ich auf diesen Moment warten musste", sagt Rösch.

Erleichterung, Vorfreude und auch Genugtuung sind greifbar, wenn er von den vor ihm liegenden Tagen spricht. Dass er keine Chancen auf eine Medaille haben und die Platzierungen untergeordnete Bedeutung tragen werden, ist nachvollziehbar. "Ich genieße es einfach", sagt Rösch, "und bin am Ende nur stolz, wieder am Start zu sein."