Ex-VW-Chef Winterkorn vor US-Gericht wegen Verschwörung angeklagt

Martin Winterkorn ist kurz nach Bekanntwerden des Dieselskandals als VW-Chef zurückgetreten. Doch nun holt ihn die Vergangenheit ein.

Der ehemalige Volkswagen-Chef Martin Winterkorn ist im Dieselskandal vor dem US-Bundesgericht in Detroit angeklagt worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Verschwörung zur Täuschung der Behörden bei den Abgasmanipulationen des VW-Konzerns vor, wie aus der am Donnerstag veröffentlichten Anklageschrift hervorgeht.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte, dass Winterkorn derzeit nicht inhaftiert sei. Die US-Behörden vermuten ihn laut Justizkreisen in Deutschland, von wo ihm vorerst keine Auslieferung drohen dürfte, schreibt die Deutsche Presse-Agentur.


Volkswagen wurde auf der Hauptversammlung von der Nachricht überrascht und äußerte sich wie folgt: „Volkswagen kooperiert weiterhin vollumfänglich mit dem US-Justizministerium (DOJ) in Bezug auf Handlungen von Individuen. Es wäre nicht angemessen, zu individuellen Verfahren Stellung zu nehmen.“

Außer gegen Winterkorn klagt die Staatsanwaltschaft auch gegen die Manager Richard Dorenkamp, Heinz-Jakob Neusser, Jens Hadler, Bernd Gottweis und Jürgen Peter.

Mit der neuen Klage sind die US-Behörden nach langen Arbeiten nun tatsächlich an der Spitze des Unternehmens angelangt. VW hatte vor einem Bezirksgericht in Kalifornien den Betrug eingestanden und Strafzahlungen von mehr als 20 Milliarden Euro akzeptiert. Letztlich, so zeigt sich heute, wurde damit das Fundament für die weiteren Ermittlungen gelegt. Da der Konzern seine Schuld eingeräumt hat, geht es jetzt um die verantwortlichen Manager.


Zu der prominenten Klage meldete sich sogar der US-Justizminister persönlich zu Wort: „Wenn Sie versuchen, die Vereinigten Staaten zu betrügen, dann werden Sie einen hohen Preis zahlen“, sagte Jeffrey Sessions.

„Die heute veröffentlichte Klage geht davon aus, dass Volkswagens Schema, die rechtlichen Vorschriften zu umgehen, bis in die Spitze des Unternehmens reichte“, kommentierte Sessions die Klage. Das seien ernstzunehmende Vorwürfe. Er bedankte sich für die Arbeit der Staatsanwaltschaft in Michigan, der Umweltbehörde EPA, dem FBI und den Partnern in Deutschland.

„Volkswagen hat die amerikanischen Behörden und die amerikanischen Verbraucher jahrelang betrogen“, kommentierte der Generalstaatsanwalt von Michigan, Matthew Schneider, die Klage. Die Tatsache, dass dieses kriminelle Verhalten offensichtlich von den höchsten Etagen von Volkswagen abgesegnet war, sei widerwärtig. „Die US-Staatsanwaltschaft hat sich vorgenommen die Verantwortlichen von Unternehmensstraftaten auszumachen, und die Klage gegen Winterkorn ist ein Zeichen dafür“, ließ Schneider wissen.

Winterkorn droht eine hohe Haftstrafe

Auch der Chef der Umweltbehörde EPA meldete sich zu Wort: Die Klage gegen Winterkorn sende eine klare Botschaft, dass die EPA und seine Partner „Unternehmensmanager für verbrecherische Aktivitäten ihrer Unternehmen zur Verantwortung ziehen“, sagte Scott Pruitt.


Dass die Richter in den USA beim Thema Diesel keine Milde walten lassen, hat das Urteil im vergangenen Dezember gezeigt: Ein Bezirksgericht in Detroit verurteilte den VW-Manager Oliver Schmidt zu sieben Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 400.000 Dollar.

Der zuständige Richter Sean Cox sah es als erwiesen an, dass Schmidt sich einer Verschwörung zum Betrug schuldig gemacht und gegen das Umweltrecht verstoßen hat. Der deutsche Staatsbürger und ehemalige VW-Manager James Liang wurde zu 40 Monaten verurteilt.

Winterkorn war kurz nach Bekanntwerden des Dieselskandals im Herbst 2015 von seinem Posten als VW-Chef zurückgetreten. VW hatte nur mit einer „Defeat Device“ genannten Manipulations-Software die Schadstoff-Grenzwerte eingehalten. In den USA waren rund 600.000 Fahrzeuge betroffen, weltweit etwa 11 Millionen. Winterkorn hatte trotz seines Rücktritts betont, sich keines Fehlverhaltens bewusst zu sein.

Die Strafanzeige gegen Winterkorn in den USA wurde der Staatsanwaltschaft nach bereits im März gestellt, die erweiterte Anklageschrift aber erst jetzt „enthüllt“ und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er ist insgesamt in vier Punkten angeklagt. Dem 70-Jährigen drohen einem Gerichtssprecher zufolge im Falle einer Verurteilung bis zu 25 Jahre Haft und eine Geldstrafe von maximal 275.000 Dollar.


VW musste wegen des Skandals in den USA Milliarden an Strafen zahlen. Durch die Affäre wurde auch das Image des Diesel schwer beschädigt. Diese Krise hält bis heute an.

Die US-Justizbehörden hatten zuvor bereits Strafanzeigen gegen acht amtierende und frühere Mitarbeiter des VW-Konzerns gestellt. Zwei von ihnen wurden bereits zu mehrjährigen Haftstrafen und hohen Geldbußen verurteilt.

Gegen Winterkorn und andere Manager wird auch in Deutschland ermittelt. Zum einen wegen des Anfangsverdachts des Betruges, zum anderen wegen Marktmanipulation.

Anleger klagen deswegen auf Schadensersatz in Milliardenhöhe, weil die VW-Aktie nach Bekanntwerden des Skandals auf Talfahrt ging. Die Manager sollen die Finanzmärkte im Herbst 2015 zu spät über den Abgasskandal informiert haben. Der Konzern betont stets, dies rechtzeitig getan zu haben.


Mit Material von Dpa und Reuters