Ex-Teamchef Trevor Carlin: Carlos Sainz keine Nummer 2 bei Ferrari

Juliane Ziegengeist

Bereits Ende vergangenen Jahres machte Ferrari seine Marschrichtung für die Zukunft klar, indem das Formel-1-Team Charles Leclerc bis einschließlich 2024 verpflichtete. Statt Sebastian Vettel wird ab 2021 Carlos Sainz sein neuer Teamkollege. Nicht wenige vermuten schon jetzt, dass er die klare Nummer zwei sein wird.

Doch Trevor Carlin, Sainz' ehemaliger Formel-3-Teamchef, warnt im Gespräch mit 'Reuters': "Ferrari könnte Carlos unterschätzt haben, wenn sie dachten, sie würden eine Nummer zwei anheuern. Ich hoffe, das haben sie nicht getan."

Zwar sei in jedem Team, ob bei Mercedes, Red Bull oder Ferrari, immer von einer Nummer eins die Rede, doch im Falle von Sainz glaubt Carlin, dass sich die Dinge anders entwickeln könnten: "Ich denke, mit der gleichen Ausrüstung, der gleichen Behandlung und den gleichen Autos kann er genauso stark sein wie Charles."

Carlin: "Sainz kann die Tifosi sehr glücklich machen"

Einzig im Qualifying sieht der Teammanager leichte Vorteile bei Leclerc. "Aber wenn es zum Rennen kommt, wird Carlos ihm wohl alles abverlangen. Ich glaube, dort wird er kämpfen, um sich seine Anerkennung zu verdienen", so Carlin.

Als Sohn eines zweifachen Rallye-Weltmeisters und dreimaligen Dakar-Siegers habe sich Sainz schon immer hohe Ziele gesteckt. Und weil der Druck bei Ferrari vor allem auf den Schultern von Leclerc laste, "könnte Carlos dort die Überraschungsshow sein und die Tifosi sehr, sehr glücklich machen", glaubt Carlin.

Aus seiner Sicht hat Sainz vor allem seit dem Wechsel von Toro Rosso zu McLaren eine erstaunliche Entwicklung gemacht. Er erinnere ihn jetzt wieder mehr an den Carlos, der damals Formel 3 fuhr: "Er war viel entspannter, mit sich im Reinen und viel selbstbewusster. Er ist zu einem echten Profi gereift."

Ex-Ferrari-Mechaniker gibt Sainz einen guten Rat

Wie er sich als solcher bei Ferrari schlagen wird, bleibt abzuwarten. Joan Villadelprat, ehemaliger Chefmechaniker der Scuderia, hat jedenfalls schon jetzt einen guten Rat für den Spanier, nämlich sich immer an die Linie des Teams zu halten.

"Für die Italiener, die Tifosi, ist Leclerc derzeit natürlich die Nummer eins, weil er einen viermaligen Champion überholt hat. Das bedeutet, dass Carlos sehr hart arbeiten muss. Er muss sehr ernsthaft sein", erklärt Villadelprat gegenüber 'El Confidencial'. Über die Anlagen dafür verfüge der WM-Sechste des Vorjahres.

"Wir haben bereits die Fähigkeiten von Carlos gesehen: Er ist schnell, beständig, macht keine Fehler, ist gut am Start und ein Hammer bei den Rennen. Jetzt wird er all dies und noch mehr tun müssen. Außerdem muss er sich an eine ganz andere Struktur anpassen als die, die er gewohnt ist", weiß der ehemalige Chefmechaniker.

Villadelprat: Sainz kann bei Ferrari den Titel holen

Denn Ferrari sei ein Ort, an dem man Ruhm erlangen könne oder als die ewige Nummer zwei in Vergessenheit gerate: "Die Barrichellos, die Irvines... Leute, die kamen, Zweiter wurden und dann verschwanden", erinnert sich Villadelprat.

Um sich nicht auch in diese Liste einzureihen, rät er Sainz, "nichts Dummes zu tun und immer den Mund zu halten. Das ist etwas sehr Wichtiges, der Firma gegenüber loyal zu sein." In dieser Hinsicht seien Vettels letzte Momente bei Ferrari nicht allzu gut gewesen. Am Ende habe er schließlich den Kürzeren gezogen.

Sainz sollte sich, wenn es nach Villadelprat geht, in seiner Debütsaison bei den Roten deshalb erst einmal im Hintergrund halten. "Wenn er im ersten Jahr die Position der Nummer zwei annimmt, erscheint mir das richtig", sagt er, stellt aber auch klar: "Das heißt nicht, dass er keine Rennen oder Titel gewinnen kann."

"Und wenn Sainz so konkurrenzfähig ist wie Leclerc, steht es ihm frei, im zweiten Jahr Rennen zu fahren", meint Villadelprat. Bis dahin empfiehlt er dem Neuzugang, "sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, sich einzuleben und bei Leclerc zu bedienen und ihm zu gegebener Zeit zu zeigen, dass er genauso stark oder stärker ist."

Mit Bildmaterial von LAT.