Ex-Starbanker der Deutschen Bank muss wegen Euribor-Manipulation ins Gefängnis


Christian Bittar saß mit gesenktem Kopf auf der Anklagebank des Londoner Gerichts, als er am Donnerstag sein Urteil entgegennahm. Seit acht Jahren dominiert der Euribor-Prozess sein Leben, jetzt hat der Ex-Deutsche-Bank-Starhändler endlich Gewissheit. Zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilte der Richter den einst bestbezahlten Händler des Geldhauses. Die Hälfte davon setzte er zur Bewährung aus. Da die Untersuchungshaft seit März angerechnet wird, ist Bittar in etwas mehr als zwei Jahren wieder auf freiem Fuß.

Strafmildernd wirkte sich aus, dass der 46-jährige Franzose sich als erster Angeklagter im März schuldig bekannt hatte. Auch berücksichtigte der Richter, dass die jahrelangen Ermittlungen das Familienleben des dreifachen Vaters bereits erheblich belastet hatten. Darum reduzierte er das Strafmaß von neun Jahren auf fünf Jahre und vier Monate. Bittar muss zudem Gerichtskosten in Höhe von 800 000 Pfund zahlen. Und 2,5 Millionen Pfund seines Vermögens werden beschlagnahmt.

Mit diesem Urteil wird der ehemalige Derivatehändler im Londoner Handelsraum der Deutschen Bank gut leben können. Er hatte mit Händlern anderer Banken in den Jahren 2005 bis 2009 Absprachen getroffen, um den Referenzzinssatz der Euro-Zone zu manipulieren. Zusammen mit seinem Freund Philippe Moryoussef, der damals bei der britischen Großbank Barclays arbeitete, war Bittar der Kopf des Netzwerks. Moryoussef wurde am Donnerstag in Abwesenheit zu acht Jahren Haft verurteilt. Der 50-Jährige hatte sich vor Prozessbeginn nach Paris abgesetzt.


„Sie waren der Hauptverschwörer“, sagte der Richter zu Bittar. „Sie wussten, dass Ihr Handeln unehrlich war“. Es sei Bittar egal gewesen, dass er damit das Vertrauen in den Referenzzinssatz untergrabe. Der Richter versuchte auch, Bittars Motiv zu erklären. Manipulation habe Bittar eigentlich nicht nötig gehabt. „Gier allein ist nicht die Antwort“, sagte der Richter. Vielmehr habe Bittar betrogen, weil er Genugtuung verspürt habe, „das System schlagen zu können“ und ungestraft davonzukommen.

Die verhängte Strafe solle nicht nur Bittars Verhalten ahnden, sondern auch eine „klare Botschaft der Abschreckung an andere in der Finanzwelt“ schicken, sagte der Richter. Er kritisierte die Arbeitgeber der Angeklagten scharf. Die Banken seien „weit hinter den Standards zurückgeblieben“, sagte er. „Die Führungskräfte hätten dies stoppen müssen.“

Zugleich stellte der Richter fest, dass es damals offenbar in der gesamten Branche keine klaren Richtlinien gegeben habe, wie Banker den Euribor zu bestimmen haben. Der Euribor-Satz wird jeden Vormittag festgelegt. Damals lief das so, dass 48 Panel-Banken mitteilten, zu welchem Zinssatz sie Geld an andere Banken verleihen würden. Daraus wurde ein Durchschnitt ermittelt. Von diesem Referenzzins hängen die Zinsen für Finanzprodukte in Höhe von 180 Billionen Dollar ab – vom Festgeld bis zum Immobilienkredit.

Im Prozess wurde jedoch klar, dass die Banken häufig den Zinssatz meldeten, der im Interesse ihrer eigenen Händler war. So konnten sie versuchen, den Durchschnitt zu heben oder zu senken – und ihre Handelsgewinne erhöhen. Angeklagte sagten, dass dies damals die Praxis gewesen sei.


Mit der Verkündung des Strafmaßes hat der Mammutprozess nun ein Ende gefunden. Auf der Suche nach Beweisen für die Verschwörung hatte die Staatsanwaltschaft vier Millionen E-Mails, Telefonate und Chatnachrichten durchforstet. Allein vier Ermittler waren ein halbes Jahr nur damit beschäftigt, Telefonmitschnitte nach Hinweisen abzuhören. Am Ende reichten die Beweise für elf Anklagen: Sechs Händler von der Deutschen Bank, vier von der britischen Großbank Barclays und einer von der französischen Société Générale sollen Teil der Verschwörung gewesen sein. Die Zahl der Angeklagten schrumpfte dann bald auf sechs, nachdem vier Deutschbanker und der Société-Générale-Händler sich erfolgreich gegen die Auslieferung nach Großbritannien gewehrt hatten. Im Fall der Deutschen entschied das Oberlandesgericht Frankfurt, dass die Vorwürfe verjährt seien. Gegen sie besteht jedoch weiter ein europäischer Haftbefehl, der ihnen das Reisen außerhalb Deutschlands unmöglich macht.

Einer der sechs verbliebenen Angeklagten, Achim Krämer von der Deutschen Bank, war diesen Monat freigesprochen worden.

Für Bittar zahlte sich aus, dass er gegen seinen Freund Moryoussef ausgesagt hatte. Die Geldstrafe dürfte Bittar leicht verschmerzen. Allein im Untersuchungszeitraum von 2005 bis 2009 verdiente er zwischen drei und 47 Millionen Pfund pro Jahr. Die Deutsche Bank selbst hat für Zinsmanipulationen von Libor bis Euribor bereits Strafen in Höhe von vier Milliarden Dollar an Behörden in den USA, Großbritannien und der EU zahlen müssen.