Ein Ex-Spion wirft WM-Gastgeber Katar die Finanzierung der Hisbollah vor – mit 500 Millionen Euro in bar

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Katars Emir Sheikh Tamim bin Hamad Al-Thani. Mitglieder seiner Familie sollen die Hisbollah finanzieren.
Katars Emir Sheikh Tamim bin Hamad Al-Thani. Mitglieder seiner Familie sollen die Hisbollah finanzieren.

„Geht mein Name und das, was ich Ihnen gerade sage, in einen öffentlichen Report der UN?“, fragt der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter die versammelte Runde. „Nein, ihr Name natürlich nicht. Quellenschutz hat bei uns höchste Priorität“, sagen die UN-Vertreter des an diesem Tag geheim tagenden Ausschusses zum Jemen-Krieg.

Der Ex-Geheimdienstmann, der sich den Decknamen Jason G. gibt, möchte nichts dem Zufall überlassen. Er will weder bei der verschlüsselten Videokonferenz im Bild sein noch seinen Klarnamen nennen. Sein Gesicht sei nämlich jenen bekannt, über deren Machenschaften er die UN-Ermittler aufklären möchte. Die Informationen, die er mit den Vereinten Nationen teilt, klingen relevant. So schildert G. den Experten, dass die Königsfamilie in Katar die Terrororganisation Hisbollah im Libanon mitfinanziere.

Seit mehr als einem Jahr ist G. mit Geheimdiensten und Journalisten in Kontakt, um über die vermeintlich brisanten Informationen zu sprechen. So wurde auch die UN auf G. aufmerksam und suchte den Kontakt zu seinem Berliner Anwalt. Nach Monaten der Vorgespräche kam es am 23. Dezember 2020 zu der Videokonferenz.

Angeblich 500 Millionen Dollar für den Terror gegen Israel

Minuziös erklärt Jason G. laut Audio-Aufzeichnung das angebliche System der Terrorfinanzierung. Es stehe und falle mit Scheich Abdullah Sultan Hassan Al-Thani, sagt G. Er ist ein Verwandter des Emirs von Katar und soll unter dem Protektorat des katarischen Geheimdienstes stehen. Erst im Februar vergangenen Jahres soll Abdullah Al-Thani eine Bargeldlieferung über 500 Millionen Dollar an die Hisbollah organisiert haben. Die Sendung soll Geldwäschestopps in Mumbai und Doha eingelegt haben und über Wohltätigkeitsorganisationen verschleiert worden sein.

Zunächst soll der Scheich über einen Zeitraum von drei Monaten hohe Geldbeträge von seinen Konten bei der katarischen QNB-Bank an eine sogenannte “Hawala-Organisation” in Mumbai überwiesen haben. Hawala beschreibt ein jahrhundertealtes Schattenbankensystem, das vor allem im arabischen Raum verbreitet ist. Es ermöglicht, Geld zu transferieren, ohne es physisch zu transportieren. Dies geschieht im Verborgenen, Zahlungen mittels Hawala werden nicht offiziell dokumentiert.

Offiziell habe Al-Thani mit dem Geld Nahrungsmittel der Unternehmen Paris Food und Grand Mart kaufen wollen, an denen die Hawala Organisation beteiligt ist. Anschließend habe er die Nahrung an die Wohltätigkeitsorganisationen „NBK“ und „Education Above all“ spenden wollen, die diese schließlich in den Jemen und in den Libanon senden sollten. Soweit der offizielle Teil.

Tatsächlich soll Al-Thani in dem besagten Zeitraum aber deutlich mehr als die halbe Milliarde US-Dollar an die Hawala-Organisation überwiesen haben. Laut G. habe er die Nahrungsmittel für den Libanon und den Jemen zu einem Dumping-Preis eingekauft. Für eine Provision von knapp sieben Prozent soll Hawala dann Al-Thani heimlich 500 Millionen US-Dollar in Bar zurückgezahlt haben. So soll das Terror-Geld in Indien gewaschen worden sein, damit keine Spuren nach Katar führen.

Lebensmittel und Bargeld seien von den Tochterunternehmen Paris Food und Grand Mart zunächst nach Doha in Katar und anschließend mit einem Flugzeug der katarischen Königsfamilie in den Libanon transportiert worden, so G.. Ohne ernstzunehmende Kontrollen sollen so die 500 Millionen Euro Mitte Februar 2020 an ihren Zielort gelangt sein: Beirut. Der gewaltige Geldstapel soll schließlich in einer Gerberei im Stadtteil Bourj Hammoud gelagert worden sein.

Der militärische Arm der Hisbollah hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Anschläge auf das israelische Militär und Zivilisten verübt. Das erklärte Ziel der Miliz: Die Auslöschung des Staates Israel. In Deutschland ist die Hisbollah seit vergangenem Jahr als Terrororganisation eingestuft und verboten. Im Libanon tritt sie seit vielen Jahren als Partei zu Wahlen an, konnte bei der jüngsten Abstimmung im Jahr 2018 sogar rund 10 Prozent der Sitze im libanesischen Parlament erringen. Was die Hisbollah mit der angeblichen halbe Milliarde Dollar aus Katar gemacht hat, kann Jason G. den Zuhörern nicht sagen.

Das phonetische Alphabet der NATO beherrscht er sicher

Während der ehemalige Spion den versammelten UN-Ermittlern die Namen der Mittelsmänner und die Firmenbezeichnungen in dem Verschleierungssystem schildert, hört man seine militärische Vergangenheit deutlich heraus. “Lassen sie mich den Nachnamen buchstabieren: A wie Alpha, L wie Lima, T wie Tango, H wie Hotel, A wie Alfa, N wie November, I wie India. Al-Thani, das ist sein Nachname”, sagt Jason G. Das phonetische Alphabet der NATO beherrscht er sicher. In dieser Manier geht er Eingangs alle relevanten Namen durch, bevor er das eigentliche System skizziert.

Die UN-Vertreter geben sich interessiert. “Vielen, vielen Dank für diese Informationen”, sagt ein UN-Ermittler, der das Panel an diesem Tag leitet. “Es geht hier wohl um ein sehr weites Netz, das sie hier beschreiben. Ich habe eine ganze Menge Fragen, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.”

Die wohl wichtigste Frage, die in der rund anderthalb Stunden andauernden Sitzung gestellt wurde, ist die nach dem Wissen der politischen Führung in Katar um die von Jason G. geschilderten Vorgänge um die Unterstützung der Hisbollah. Jason G. schildert den UN-Ermittlern, dass er selbst als verdeckter Ermittler in den beschriebenen Strukturen aktiv gewesen sei, er kenne die Mittels- und Führungspersonen persönlich - und sie ihn. Jason G. sei während seines Einsatzes einige Jahre in Katar gewesen und sagt, dass derartige Verschleierungssysteme dort nur mit Billigung der politischen Führung und der Geheimdienste entstehen könnten. Außerdem sei Abdulah, der Dreh- und Angelpunkt der Terrorfinanzierung, ein Al-Thani, Teil der großen Familie des Emirs von Katar.

Business Insider hat Jason G. mit den Inhalten der abgehörten Sitzungen konfrontiert. Der Ex-Spion lehnte eine Stellungnahme ab. Die katarische Botschaft in Berlin, Grand Mart und Paris Food International haben ebenfalls nicht auf ausführliche Fragenkataloge von Business Insider geantwortet.

Auch die Vereinten Nationen ließen einen Fragenkatalog von Business Insider unbeantwortet. Allerdings lieferte G. der UN bislang auch noch keine Belege für seine Informationen. Solange dies nicht geschieht, dürfte die Weltorganisation die 'Spur nicht weiter verfolgen. Denn erst bei wirklich belastbaren Schilderungen durch mehrere unabhängige Quellen wird die UN aktiv. Nach Informationen von Business Insider sollen sich aber europäische Geheimdienste für das Material von G. so sehr interessiert haben, dass sie bereit waren dafür Geld zu bezahlen.

Katar richtet in weniger als zwei Jahren die Fußball-Weltmeisterschaft aus, das größte Sportereignis auf der Welt. Das Land steht seit vielen Jahren in der Kritik für die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den entstehenden Stadien im Land. Die Finanzierung einer Terrororganisation wie die Hisbollah dürfte den Ruf des Emirates nachhaltig schädigen – wenn Ex-Spion G. sie denn beweisen kann.

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