Ex-Grenzschützer klagt an: So unmenschlich sind die Methoden an der US-Grenze zu Mexiko

An der Grenze starben in den vergangenen Jahren Tausende von Menschen. (Bild: AP Photo)

Francisco Cantú verteidigte einst die US-Grenze nach Mexiko gegen illegale Einwanderer. Jetzt klagt der Ex-Grenzschützer in einem Buch die Regierung an. Er spricht von einem unmenschlichen Krieg gegen wehrlose Menschen. In dem werde der Tod von Tausenden als Mittel der „Abschreckung“ eingesetzt.

Das Trennen von Kindern und Eltern an der US-Grenze zu Mexiko sorgte kürzlich für einen gesellschaftlichen Aufschrei. Für den ehemaligen Grenzschützer Francisco Cantú kann diese Empörung aber nur der Anfang sein. Er arbeitete von 2008 bis 2012 für die United States Border Patrol. „Was Francisco Cantú an der amerikanisch-mexikanischen Grenze erlebt, bringt ihn fast um den Verstand“, teilt der Verlag Hanser jetzt zur Veröffentlichung von „No Man’s Land: Leben an der mexikanischen Grenze“ mit. Der Autor schildert in dem Buch den Kampf gegen die illegale Einwanderung nicht als passiven Grenzschutz, sondern als brutalen Krieg, in dem Entmenschlichung an der Tagesordnung sei.

Der Enkel mexikanischer Einwanderer war 23 Jahre alt, als er der Grenzpolizei beitrat. Der studierte Politologe wollte laut dem Verlag „am eigenen Leib“ erfahren, was an der Grenze wirklich geschieht. „Als Mitglied der United States Border Patrol rettet er Verdurstende aus der Wüste, deportiert aber auch illegale Einwanderer oder erlebt, wie Familien auseinandergerissen werden.“ Seine literarische Reportage über das Erlebte wurde 2017 mit dem renommierten Whiting Award ausgezeichnet.


„Ein Armvoll Bücher von anderen Whiting-Gewinnern. Es ist die höchste Ehre, Teil dieser wunderbaren Gruppe literarischer Talente und guter Menschen zu sein.“

Cantú fürchtete irgendwann um seine Menschlichkeit und sein Mitgefühl, wie er dem ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ sagte. Das begann bereits bei der offiziellen Sprachregelung bei der Behörde mit ihren abwertenden Begriffen für die Immigranten. Die Mitarbeiter würden auf diese Sprache getrimmt und sie irgendwann als normal ansehen. „Aber wenn du etwas Abstand gewinnst, wird dir klar, dass diese Sprache dich völlig entmenschlicht“, bilanzierte der Autor.

Er sprach in einem Meinungsbeitrag für die Zeitung „The New York Times“ von einem seit Jahrzehnten betriebenen „Projekt“, um an der südlichen Grenze der USA einen dauerhaften „Ausnahmezustand“ zu schaffen. Die Militarisierung der Grenze habe eine Kultur hervorgebracht, die von der Sprache und den Taktiken des Krieges durchzogen sei.

Cantú wirft der US-Regierung vor, die Wüste an der Südgrenze des Landes in eine Waffe verwandelt zu haben. Seit dem Jahr 2000 seien dort offiziellen Statistiken zufolge zwischen 6.000 und 7.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Dunkelziffer liege aber bis zu fünfmal höher. Der Grund laut Cantú: In den 90er-Jahren wurden in Grenzstädten wie El Paso Mauern gebaut und viele neue Grenzschützer eingestellt, um Migranten fernzuhalten. Die Menschen seien deshalb auf die Wüste ausgewichen, was zu steigenden Todeszahlen geführt habe. Die Verantwortlichen hätten aber an der Strategie festgehalten und damit die verheerende Bilanz billigend in Kauf genommen.

Der Autor berichtet auch von fast beiläufiger Brutalität im alltäglichen Grenzschutz. „Ich habe erlebt, wie Beamten Migrantengruppen in abgelegenen Gegenden auseinandergetrieben und ihren Wasservorrat zerstört haben“, schilderte er. Für ihn hat die Politik der Abschreckung an der Grenze einen Ausnahmezustand geschaffen, bei dem „den verletzlichsten Menschen der Welt Tod und Verschwinden drohen und in dem Kinder ihren Eltern entrissen werden“. Das Ziel sei die Botschaft: „Ihr seid hier nicht sicher.“