Was ist nur in die Borussia gefahren?

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Was ist nur in die Borussia gefahren?
Was ist nur in die Borussia gefahren?

Es war durchaus eine kleine Besserung zu erkennen.

Aber die Ergebniskrise bei Borussia Mönchengladbach geht weiter. Am Mittwoch verlor das Team von Trainer Adi Hütter zu Hause gegen Eintracht Frankfurt mit 2:3.

In den drei Spielen zuvor setzte es ein 1:4 beim 1. FC Köln, ein 0:6 im Heimspiel gegen den SC Freiburg und ein 1:4 bei RB Leipzig. 4:17 Tore in vier Partien. Platz 13 nach 16 Spieltagen - nur ein Punkt Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Was ist nur in die Borussia gefahren? Die Fohlen bleiben im Krisenmodus.

„Fehler in Gladbach-Defensive gravierend“

Der frühere Gladbacher Martin Stranzl (2011 - 2016) sieht das mit Sorge und findet deutliche Worte.

„Die erste Halbzeit war zwar etwas besser, aber die Fehler in der Defensive sind schon gravierend“, sagt der 41-Jährige im Gespräch mit SPORT1 und legt den Finger in die Wunde. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Und weiter: „Leider ist es bezeichnend, dass gerade Denis Zakaria und Matthias Ginter an allen Gegentoren beteiligt sind. Zakaria verschuldet das erste Gegentor mit einem Dribbling und Ginter hebt das Abseits beim ersten Gegentor auf. Beim 2. Gegentor attackiert Ginter raus und verliert dann das Laufduell in der Rückwärtsbewegung. Beim dritten Gegentor ist es ein einfacher Doppelpass und Ginter verliert wieder das Laufduell.“

Stranzl: „Halte ich für gefährlich“

Stranzl verstand die Welt nicht mehr. „Nach dem Spiel davon zu sprechen, dass man die Räume gut beziehungsweise besser bespielt, man sich besser mit dem Ball präsentiert hat und dass es ein guter Schritt in die richtige Richtung war, halte ich für gefährlich.“

Und er ergänzt: „Bei allem Respekt, dass man vieles fußballerisch lösen will, ist aktuell die Lage nicht dafür gemacht. Selbst in schwierigen Phasen in der Saison geht es darum, trotzdem noch Punkte mitzunehmen und nicht so viele Gegentore zu kassieren.“

Stranzl hat sich viele Spiele der Borussia in dieser Saison angeschaut und ist geschockt.

„Mir tut das Herz weh. Vor dem Köln-Spiel habe ich gedacht, dass man über das Gröbste weg ist. Aber die zurückliegenden vier Spiele haben gezeigt, dass auf Adi Hütter noch sehr viel Arbeit wartet.“ (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Stranzl: „Eine ganz andere Herausforderung“

Was der Österreicher spielen lassen will, sei eine „ganz andere Herausforderung für die Spieler - nicht nur körperlich, sondern auch mental, weil er ein sehr hohes Anforderungsprofil an die Jungs hat. Ich hatte einen Rückschlag schon erwartet, aber nicht in dem Ausmaß“.

Auch der frühere Gladbach-Profi Thorben Marx, von 2009 bis 2015 für die Fohlen aktiv, macht sich Sorgen.

„Die Borussia hat in dieser Saison schon gute Spiele gezeigt wie gegen Bayern oder den BVB und man hat gesehen, dass Potenzial da ist. Der Trainer und das Team hatten schon einen kleinen gemeinsamen Weg gefunden“, sagt der 40-Jährige SPORT1.

„Aber die jüngsten vier Niederlagen hätte ich so extrem nicht erwartet. Man steht einen Punkt vor dem Relegationsplatz, das ist für Gladbach eine Katastrophe. Ich halte Adi Hütter für einen guten Trainer, aber irgendwie muss da etwas passiert sein in der Truppe, weil sonst verlierst du die Spiele nicht so.“

Ein Problem derzeit ist sicher die ungeklärte Zukunft einiger Leistungsträger wie Ginter oder Zakaria, die immer noch nicht ihre zum Saisonende auslaufenden Verträge verlängert haben.

Ungeklärte Situation bei Ginter ein Problem

Auch Stranzl sieht dies negativ. Für ihn ist ein Problem, „dass sich der eine oder andere Spieler mit seiner ungeklärten Vertragssituation beschäftigt“.

Der Ex-Profi aus Österreich hat auch hier eine klare Meinung: „Spieler kommen und gehen, wichtig ist Borussia. Es ist schwierig, wenn du einen Spieler davon überzeugen musst, im Verein zu bleiben. Wenn Ginter oder Zakaria nicht zu schätzen wissen, was es heißt, für Borussia zu spielen, dann sollen sie gehen.“

Stranzl verstehe nicht, „warum diese Spieler nicht ganz klar Flagge zeigen“. Das Pokerspiel um besser dotierte Arbeitspapiere ist ihm ein Dorn im Auge.

„Wer mit einer Million nicht auskommt, kommt mit zwei oder zehn Millionen auch nicht aus. Und wer nur des Geldes wegen Fußball spielt, der hat den Sport nicht verstanden.“ (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Marx: „Da sollte sich ein Spieler klarer positionieren“

Marx findet das „immer unangenehm“, wenn so etwas „lange ein Thema ist“. Darüber werde auch in der Kabine gesprochen. „Da sollte sich ein Spieler klarer positionieren“, betont Marx.

Er fuhr fort: „Wenn sie bleiben möchten, hätten sie schon unterschreiben können. Aber die Niederlagen haben damit nichts zu tun.“

Ginter sei „ein toller Verteidiger, aber man sieht, dass er junge Spieler nicht führen kann, obwohl man das von ihm erwartet. Und darunter leidet seine eigene Leistung. Ginter wirkt überfordert. Bei ihm fällt es auf, weil er Nationalspieler ist. Gleiches gilt für Zakaria. Oder Ramy Bensebaini, der eigentlich ein Mentalitätsspieler ist, aber zuletzt auch zu sehr mit sich beschäftigt war. Die Leidenschaft muss wieder in die Köpfe rein.“

Von Hütter hält Stranzl viel: „Viele Freunde und Bekannte von mir haben mit ihm zusammengearbeitet. Ich weiß also, wie er tickt und arbeitet. Ich habe ihn natürlich als aktiven Profi und seinen Werdegang als Trainer verfolgt.“

Stranzl nimmt Gladbach-Spieler in die Pflicht

Wo aber hakt es aktuell bei der Borussia?

„Ich bin nach wie vor ein Freund davon, dass ein Profi viele Situationen im Spiel erkennen und dann Entscheidungen intuitiv treffen muss. Das kann natürlich nicht immer klappen“, meint Stranzl. Die Spieler müssten mehr in die Verantwortung genommen werden, um gewisse Momente im Spiel zu lösen.

In Leipzig war in den ersten 15 Minuten zu erkennen, dass es nicht funktioniert, wie man es als Team angehen will“, urteilt Stranzl. „Da muss ich von den Spielern schon erwarten können, dass sie anders agieren.“

Eine Trainerdiskussion gibt es noch nicht in Gladbach. Das ist nicht das Ding von Sportvorstand Max Eberl. Zur Freude von Stranzl.

„Ich finde es richtig, dass Max zu Hütter steht und das auch so offen kommuniziert. Er steht auch noch in einigen Wochen dazu, er ist kein Fähnchen im Wind.“

Eberl baue keinen Druck auf, „so dass keine Trainerdiskussion entstehen wird“.

Marx: „Eberl wird sich bestimmt Gedanken machen“

Marx seht es ähnlich. Eberl sei keiner, „der schnell den Trainer wechselt, aber nach den Spielen wird er sich bestimmt auch Gedanken machen. Wenn Gladbach am Samstag wieder klar verlieren sollte, glaube ich nicht, dass Eberl mit Hütter in die Rückrunde gehen wird. Dann ist eine Trennung nur logisch …“

Stranzl denkt zurück an seine Zeit bei den Fohlen und vermisst vor allem eines: „Was Gladbach immer ausgezeichnet hat, war dieses Motto ‚Wir sind Borussia‘ und das lebt keiner mehr. Mir fehlt das Wir-Gefühl bei Borussia. Früher wollte man Dinge gemeinsam angehen, heute wirkt das nicht mehr so.“

Bei Gladbach gebe es zu viele Spieler, „die ihr eigenes Ding machen. Borussia ist gerade einfach keine Mannschaft“.

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