Ex-Boss poltert: HSV wie Deutschland bei der WM

Reinhard Franke
Jürgen Hunke war von November 1990 bis Oktober 1993 Präsident des Hamburger SV

Mutlos und enttäuschend - so war der erste Zweitliga-Auftritt des Hamburger SV in der Vereinsgeschichte zu Hause gegen Holstein Kiel.

Vor dem Spiel herrschte in ganz Hamburg große Euphorie, ein ausverkauftes Volksparkstadion zeigte die Aufbruchstimmung der Fans - doch die Mannschaft zog nicht mit. Am Ende verloren die Hanseaten das Nordderby sang- und klanglos mit 0:3. 

Der frühere HSV-Präsident Jürgen Hunke war im Stadion und zeigt sich fassungslos. Im SPORT1-Interview spricht der 75-Jährige über den schlimmen Auftritt der Rothosen.  

SPORT1: Herr Hunke, wie geschockt sind Sie über das erste Spiel des HSV in der 2. Liga?

Jürgen Hunke: Ich bin gar nicht geschockt von dem Grusel-Auftritt des HSV gegen Kiel. Weil ich genau weiß, wenn so viel im Vorfeld geredet und gelobt wird, dann kann es nur schief gehen. Einfach mal still sein und Leistung bringen, das wäre wichtig. Fußball ist Leidenschaft, rennen - und dann kommt die individuelle Qualität. Umso weniger individuelle Qualität ich habe, umso mehr muss ich laufen. Am Freitag sind zu wenig Spieler gerannt. Beim HSV fehlen weiter die Leidenschaft und der Wille. Fußball ist wie das Leben, am Ende geht es nur um Fleiß, Leidenschaft und Begeisterung.

SPORT1: Sie klingen verbittert...

Hunke: Man muss nur an die WM denken, die Teams, die mit Begeisterung gespielt haben, sind weiter gekommen. Da waren gar nicht so starke Fußballer dabei, aber die Nationen ohne diese Attribute, bei denen kam so etwas raus wie bei den Deutschen.


SPORT1: Was sagen Sie zu Trainer Christian Titz, mit dem nun alles besser werden soll?  

Hunke: Titz wird nicht fürs Reden bezahlt, sondern für gute Entscheidungen und fürs Handeln, so dass die Truppe gut eingestellt ist. Er ist ein netter Kerl, aber nur mit nettem Worten reißt man nichts im Profifußball, er macht viel zu viele Interviews. Ich halte ganz viel von Trainern, die aus dem Spitzen-Fußball kommen und selber in der Bundesliga gespielt haben und die das Geschäft und die nervliche Anspannung kennen. Ich komme aus dem Vertrieb und da kannst du die schönsten Dinge erzählen, aber am Ende kommt es nicht darauf an, dass man weiß, wie man ein Tor schießt, sondern dass man es schießt.

SPORT1: War die große Euphorie und das ausverkaufte Stadion ein Hemmschuh für das Team? 

Hunke: Dass das ausverkaufte Stadion ein Hemmschuh war, kann ich nicht nachvollziehen. Das muss doch Leidenschaft erzeugen. Wenn ich zwei bis drei Millionen Euro pro Jahr verdiene, dann gibt es doch keinen Hemmschuh mehr. Die Spieler haben es hinterher noch versucht zu entschuldigen. Es gab wieder nur Ausreden. Uwe Seeler war so sauer und fertig wie lange nicht mehr.

SPORT1: Was hat Sie besonders verwundert?

Hunke: Der beste Mann auf dem Platz war Kiels Jae-Sung Lee. Er kommt von der WM und spielte am Freitag sensationell. Der teuerste Spieler des HSV, Filip Kostic, kommt von der WM und spielt nicht, weil er sich offenbar noch ausruhen muss von der WM. Da wird mir schlecht.

SPORT1: Was ist Ihr Fazit?

Hunke: Mit großen Vorträgen, schönen Worten und Marketing-Maßnahmen wird man nicht aufsteigen. Alle, die sich im Fußball auskennen und mit denen ich im Umfeld des HSV gesprochen habe, prophezeien dem HSV eine schwere Saison. Einige wollen sogar darauf wetten, dass der Aufstieg nicht klappt. Beim Aufstieg kommt es nicht nur auf die Mannschaft an und auf die Gehälter, sondern auf die Kontinuität. Und am Ende ist es auch eine Sache der Philosophie und der Leidenschaft. Ist das alles ehrlich beim HSV?

SPORT1: Dabei konnten wichtige Spieler wie Holtby, Hunth, Sakai oder Papadopoulos gehalten werden. Das machte Hoffnung auf Besserung... 

Hunke: Der HSV ist zu Recht abgestiegen und musste wichtige Spieler halten. Normalerweise ist der Letzte der Bundesliga zu schwach für Platz eins oder zwei in der 2. Liga. Wenn dann fünf Mann bleiben, dann müssen die auch Vorbild für die Neuen sein, aber das habe ich nicht gesehen. Holtby ist völlig untergetaucht. Der Santos war ganz schwach. Er spielte so, als wenn er wartet, bis er zu Schalke darf. Warum kann Ekdal spielen, Kostic aber nicht, kann ich nicht beantworten?

SPORT1: Jetzt geht es nächste Woche nach Sandhausen...

Hunke: Sandhausen hat 15 Mitarbeiter, der HSV hat 220, was bitte soll das? Man darf nach einem Spiel jetzt nicht alles kaputt reden, aber es wurde in den vergangenen Wochen schon wieder zu viel gefeiert. Das war gar nichts am Freitag. Die HSV-Profis bekommen große Gehälter, andere Menschen müssen ein Leben lang dafür arbeiten, was die Spieler in einem Jahr verdienen.