Ex-BMW-Manager fordern deutsche Hersteller heraus


In Turnschuhen, Jeans und T-Shirt – so hatte Carsten Breitfeld bislang wohl kaum ein Fahrzeug vorgestellt. Der ehemalige BMW-Manager stieg locker gekleidet aus dem Geländewagen, den er auf der Konsumelektronikmesse CES in Las Vegas auf die Bühne fuhr. „Es fühlt sich an wie ein Traum“, sagte der Chef von Byton, dem neuen Elektroautoanbieter, „unser Baby der Welt zu zeigen“.

Die Vorstellung des SUV wurde von der Autobranche mit Spannung erwartet. Hinter Byton steckt einige Expertise und Finanzkraft. So wie Breitfeld oder Mitbegründer Daniel Kirchert kommen viele aus dem Management von BMW und anderen deutschen Herstellern.

Finanziert wird das Start-up von chinesischen Investoren, darunter gewichtige Namen wie Tencent oder Foxconn. Am Ende der Vorstellung stieg auch Jack Wey mit auf die Bühne, der Gründer von Great Wall Motors, dem großen Autohersteller in China.


Das neue Fahrzeug ist ein solider SUV mit viel Platz. Das Design ist gelungen, die Mittelkonsole fehlt, die Fahrerkabine ist weit nach vorne gesetzt – das Elektroauto braucht vorne keinen Motor, von daher ist dort Spielraum vorhanden. Insgesamt ist der SUV 4,85 Meter lang, davon entfallen fast drei Meter auf den Innenraum. „Unsere Designer mussten hart daran arbeiten, um das schön aussehen zu lassen“, sagt Breitfeld in einem Interview mit dem Handelsblatt. „Es ist wunderbar gelungen.“

Ziel von Byton ist es, ein „intuitives“ Auto zu bauen, das wie ein Smartphone zu bedienen ist. Der Fahrer wird per Gesichtskennung automatisch eingeloggt. Auf dem Lenkrad kann er einen Bildschirm per Fingerdruck bedienen, „ohne es loszulassen“, wie Breitfeld betonte. Alle Mitfahrer können mit Alexa – der Stimmerkennung von Amazon – Befehle an den Computer geben. In China wird aufgrund der rechtlichen Situation ein anderes Sprachsystem verwendet, ein Partner soll bald verkündet werden.

Möglich ist auch die Eingabe von Computerbefehlen per Handbewegung, von denen es insgesamt fünf verschiedene gibt. „Einfachheit steht an erster Stelle“, sagte Breitfeld. „In der Vergangenheit war Ihr Auto schon veraltet als sie sich das nächste Telefon gekauft haben“, sagte Breitfeld. Jetzt sei das Auto nicht nur für Software-Updates, sondern auch für einen Austausch von Sensoren vorbereitet. Bytons SUV solle das fortschrittlichste Auto auf dem Markt 2019 werden, setzte Breitfeld die Messlatte hoch.


Der SUV soll 2019 in Produktion gehen und zunächst in China verkauft werden. Die Volksrepublik ist mit massiver staatlicher Förderung zum wichtigsten Markt für Elektroautos geworden. 2020 will Byton in den USA starten – und in der zweiten Jahreshälfte dann auch nach Europa. Der Preis mit der kleinsten Batterieversion liegt bei rund 45.000 Dollar. Die Reichweite des 71 Kilowattstunden-Modells liegt bei 400 Kilometern, die der größeren Version bei 520 Kilometern. In 20 Minuten lädt der SUV genug Strom, um 240 Kilometer weit zu kommen. Bei einer Ladezeit von einer halben Stunde soll die Batterie zu 80 Prozent voll sein.

Das Markenzeichen des SUV ist ein ungewöhnlich großer Bildschirm, der vorne unter der Windschutzscheibe installiert ist – ganze 1,25 Meter lang. Auch die um zwölf Grad nach hinten verstellbaren Vordersitze deuten auf die Vision von Byton hin – das Fahrzeug soll selbst fahren und „ein luxuriöses Wohnzimmer“ werden, wie Breitfeld sagte.


Byton soll zur Weltmarke werden


Auf der technischen Plattform sollen danach noch zwei weitere Modelle „in relativ kurzer Taktung“ gebaut werden – eine Limousine und ein Minivan. Byton sei von Anfang an als Weltmarke ausgerichtet: Schließlich würden iPhones auch in China produziert, auch wenn sie in Kalifornien entworfen werden.

„Wir betrachten unser Fahrzeug wesentlich mehr als eine Plattform als ein Auto“, sagt Breitfeld. Die Idee ist, das Fahrzeug für Dienste und Angebote verschiedener Partner zu öffnen. Der Name lehnt an „Bytes on Wheels“ an – Bytes auf Rädern.

Byton will dabei die Expertise aus dem klassischen Autobau unter einem Dach mit Technologie aus dem Silicon Valley verschmelzen. „Das Design und Fahrzeugkonzept machen wir in München, Elektronik und autonomes Fahren im Silicon Valley, Einkauf, Lieferkette und Produktion sind in China“, erklärte Mitgründer und Chef Breitfeld. Er hatte bei BMW einst federführend am Elektro-Sportwagen i8 gearbeitet. Bei BMW waren auch Designer Benoit Jacob, Marketingchef Henrik Wenders sowie der Mitgründer und Byton-Präsident Daniel Kirchert. Außerdem konnte Byton Manager und Entwickler unter anderem von Tesla, Apple und Google zu sich holen.


Auch die deutschen Autohersteller kündigten in den vergangenen Monaten aber Elektroauto-Offensiven mit Dutzenden Modellen an. Und Breitfeld ist sich seiner Herausforderer-Rolle bewusst: „Wir müssen da schon unseren Respekt behalten. Da sind hunderttausende hervorragende Ingenieure unterwegs, da ist viel Geld dahinter, da sind sehr starke Marken.“

Byton will zumindest zunächst den Weltmarkt ausschließlich aus der chinesischen Fabrik versorgen. „Ich will nicht ausschließen, dass wir in Zukunft auch woanders produzieren“, sagte Breitfeld. Aber eine endgültige Entscheidung darüber werde von verschiedenen Faktoren wie auch der Regulierung in verschiedenen Regionen abhängen.

Byton muss auf der CES auch gegen Skepsis ankämpfen: In den vergangenen zwei Jahren hatte an den Sonntagen vor Beginn der Messe die ebenfalls aus China finanzierte Firma Faraday Future ihre Prototypen vorgestellt - und ebenfalls große Versprechen gemacht. Inzwischen kämpft sie mit Problemen auf breiter Front, die Zukunft scheint ungewiss. Auch darüber hinaus ist die Liste gescheiterter reiner Elektroauto-Hersteller lang.