Das Risiko des Aufschwungs

Wirtschaftswachstum, steigende Beschäftigungszahlen, guter Haushalt: Für die deutsche Wirtschaft und die Berliner Kassenwarte war 2017 ein gelungenes Jahr. Doch die Gefahr des Leistungsbilanzüberschusses ist enorm.


Im vergangenen Jahr ist die deutsche Wirtschaftsleistung preisbereinigt um 2,2 Prozent gestiegen. Es ist das vierte Jahr mit einem Wachstum in der Größenordnung von zwei Prozent. Vor allem der Einsatz von mehr Arbeitnehmern und in zweiter Linie steigende Produktivität haben für diesen Aufschwung gesorgt. Immer weniger Menschen, die arbeiten wollen, bleibt die volle Teilnahme am Arbeitsleben versagt. Gleichzeitig ist der Aufschwung so moderat, dass man sich keine Sorgen wegen einer Überhitzung machen muss, die ihn bald abwürgen könnte. Die Arbeitgebervertreter klagen zwar laut über Fachkräftemangel, aber das ist ihr Job.

Solange die Löhne so moderat steigen, wie sie es tun, muss man diese Sorgen nicht allzu ernst nehmen. Besonders bemerkenswert ist auch, dass dieses Wachstum nicht von höheren Staatsausgaben angetrieben wurde. Im Gegenteil: Der Überschuss in den Kassen der öffentlichen Hand stieg auf fast 40 Milliarden Euro oder 1,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Ausgaben des Staates für Löhne, Gehälter und sonstige nicht-investive Zwecke stiegen deutlich unterdurchschnittlich – inflationsbereinigt um1,4 Prozent. Das bedeutet: Wenn es mit der Konjunktur einmal wieder abwärts geht, dann hat der Staat Spielräume, um dagegenzuhalten.

Doch das wird vermutlich so bald gar nötig werden. Denn die Investitionen in neue Produktionsanlagen und in Infrastruktur sind stärker gestiegen sind als Konsum und Produktion. Das verhindert, dass größere Kapazitätsengpässe entstehen, die den weiteren Anstieg von Produktion und Beschäftigung verhindern würden.


Allen guten Nachrichten zum Trotz: In der besten aller Welten befinden wir uns nicht. Denn die Achillesferse des deutschen Erfolgsmodells bleibt unvermindert die extreme Abhängigkeit vom Absatz im Ausland. Kein anderes großes Land erlöst Jahr für Jahr netto so viel aus Handel und Kapitalanlage mit anderen Staaten wie Deutschland. Der Staat hat einen Leistungsbilanzüberschuss von circa acht Prozent der Wirtschaftsleistung. Rund 250 Milliarden Euro Schulden pro Jahr häuft der Rest der Welt in Deutschland an. Das kann nicht mehr lange gutgehen und muss sich ändern. 2017 war kein Jahr, in dem das geschehen ist. Die Importe stiegen zwar etwas stärker als die Exporte. Aber weil die Exporte so viel höher sind, stiegen sie in Euro gemessen letztlich stärker als die Importe.

Wenn Deutschland verhindern will, dass sich das Ungleichgewicht in den Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt irgendwann krisenhaft bereinigt, dann müssen die Konsumausgaben und die Investitionen (inländische Verwendung) längere Zeit stärker steigen als die deutsche Produktion. 2017 und in den letzten vier Jahren dieses Aufschwungs war aber im Durchschnitt das Gegenteil der Fall. Zwei, drei, vielleicht auch vier Jahre lang kann das noch gutgehen – Deutschland würde dann weitere Billionen-Forderungen gegenüber dem Ausland ansammeln.


Aber irgendwann wird sich das Blatt wenden: Etwa wenn der Euro-Kurs wieder in Richtung von 1,60 Dollar steigt, wo er schon einmal war. Oder wenn der Euro-Währungsraum auseinanderbricht, weil Länder wie Italien und Spanien mit einem derart wirtschaftlich übermächtigen Deutschland nicht länger konkurrieren können und wollen.

Sehr leicht kann auch erst das eine, dann das andere passieren. Denn einen kräftig steigenden Euro könnte die deutsche Wirtschaft unter Schmerzen noch relativ gut verkraften, die italienische jedoch nicht. Dann werden viele Hundert Milliarden Euro der angesammelten Forderungen uneinbringlich.

Da wäre es doch besser – so sehr es dem deutschen Naturell zu widersprechen scheint – heute mehr im Inland auszugeben und zu konsumieren, als darauf zu setzen, dass andere Länder mehr ausgeben und konsumieren - und Deutschland ihnen das Geld dafür morgen schenken müsste.


Vielleicht wird 2018 das Jahr, in dem Deutschland der Übergang vom verkniffenen Wettbewerbsfähigkeits-Aufschwung zum Wellness-Aufschwung gelingt. Florian Hense von der Berenberg Bank jedenfalls prognostiziert genau das: „Die Löhne dürften stärker zulegen als in den vergangenen Jahren. Das macht den privaten Konsum erneut zu einer wichtigen Wachstumsstütze“, sagt er voraus. Zudem würden die Unternehmen die Investitionen nach oben fahren, weil die Auftragsbücher prall gefüllt seien. Beides erhöht die inländische Verwendung, während die Exporte von einem nach oben drängenden Euro gebremst werden könnten.

KONTEXT

Was Ökonomen zu den BIP-Zahlen sagen

Andreas Krüger (Bankhaus Lampe)

"Wichtig ist nun, dass die neue Regierung die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft sichert. Vor allem sind Standortbedingungen zu verbessern, die Sozialversicherungssysteme auf die demografischen Herausforderungen vorzubereiten und das Thema Digitalisierung endlich mit Inhalt zu füllen. Statt sich auf dem historisch niedrigen Zinsniveaus auszuruhen, gehört auch eine ehrliche Haushaltskonsolidierung dazu - Überschuss hin oder her."

Thomas Gitzel (VP Bank)

"Die gute Nachricht ist, dass der BIP-Zuwachs nicht nur auf einem Bein steht sondern an Breite gewinnt. War in den vergangenen Jahren der private Konsum eine tragende Säule, kommen nun auch die Investitionen als auch die Exporte als Wachstumsbeschleuniger hinzu. Die hohe Beschäftigungsquote und sprudelnde Unternehmensgewinne machen sich in üppigen Staatseinnahmen bemerkbar. So gut es der deutschen Wirtschaft derzeit geht, viele Schwachstellen sind erkennbar. Nun muss es darum gehen, den volkswirtschaftlichen Glanz in die Zukunft zu tragen. Investitionen sind notwendig."

Jörg Zeuner (KfW)

"Die deutsche Wirtschaft steht an der Schwelle vom Aufschwung zum Boom: 2018 dürfte mit erneuten Anstiegen von Beschäftigung, Löhnen und verfügbaren Realeinkommen ein weiteres gutes Jahr für die privaten Haushalte werden. Noch deuten Löhne und Preise zwar nicht auf eine gesamtwirtschaftliche Überhitzung hin. Auch wenn der Zyklus lange geruht haben mag, er lebt und Teuerungsraten wie in der Vergangenheit von zwei Prozent oder etwas mehr sind nicht mehr allzu fern."

Ferdinand Fichtner (DIW)

"Die Situation wird nicht lange so günstig bleiben, wie sie es im Moment ist, denn vor allem bei der Beschäftigung ist das Ende der Fahnenstange bald erreicht. Uns gehen in Deutschland allmählich die Arbeitskräfte aus. Die Politik muss alles daran setzen, so viele Menschen so produktiv wie möglich in Arbeit zu bringen. Gute (Aus-) Bildungschancen und eine moderne Infrastruktur sind daher das Gebot der Stunde."

Andreas Rees (Unicredit)

"Bemerkenswert ist nicht nur die höhere Dynamik, sondern dass diesmal Sondereffekte wie höhere Staatsausgaben wegen der Flüchtlingskrise keine so große Rolle gespielt haben. Stattdessen hat vor allem der Privatsektor seine Schlagzahl erhöht. Der Staat schreibt erneut schwarze Zahlen. Das ist ein Selbstläufer, weil Beschäftigung und Steuereinnahmen steigen sowie die Zinskosten so niedrig sind. Ohne die starke Entlastung durch die Niedrigzinsen wäre wohl doch ein Defizit herausgekommen. Dass Schulden abgebaut werden, kommt künftigen Generationen zugute. Die Schattenseite ist, dass der Staat zu wenig investiert, was ebenfalls zulasten künftiger Generationen geht."

Florian Hense (Berenberg Bank)

"Der Aufschwung dürfte weitergehen. Der Arbeitsmarkt verbessert sich weiter, wenn auch nicht mehr ganz so stark. Dafür dürften die Löhne stärker zulegen als in den vergangenen Jahren. Das macht den privaten Konsum erneut zu einer wichtigen Wachstumsstütze. Die Unternehmen dürften erneut mehr investieren, da die Auftragsbücher prall gefüllt sind. Sie bauen deshalb Kapazitäten auf, weil sie sehr stark ausgelastet sind. Vom Außenhandel sind keine zusätzlichen Impulse zu erwarten, weil die Importe in einem ähnlichen Tempo zulegen werden. Ein Risiko ist, dass der Euro kräftiger anzieht und damit an der Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure nagt."