Euroraum hat 600 Mrd Euro übrig - wenn Ältere Geld locker machen

Catherine Bosley und Jana Randow
·Lesedauer: 4 Min.

(Bloomberg) -- Die konjunkturelle Erholung in der Eurozone könnte mächtig Starthilfe durch steigende Konsumausgaben bekommen. Dafür müsste sich jedoch eine ganze Generation, die Geld derzeit hortet statt es auszugeben, mal so richtig etwas gönnen.

Die Ersparnisse, die wohlhabendere Haushalte während der Krise angehäuft haben statt ihr Geld in Restaurants oder im Urlaub auszugeben, sind überwiegend bei älteren Bürgern angefallen. Und die neigen weniger dazu, den Geldbeutel wieder weit zu öffnen als die Jüngeren.

Ob die älteren Verbraucher entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nun Geld ausgeben werden, wenn die Pandemie abflaut, ist entscheidend für die Erholung der entwickelten Volkswirtschaften weltweit. Am wichtigsten ist es für Europa, wo das Durchschnittsalter der Bevölkerung am höchsten ist.

Der Berg an Geld, das in Umlauf kommen könnte, ist riesig - Barclays Plc schätzt die kumulierten Ersparnisse der Europäer auf 600 Milliarden Euro. Doch die Bank warnt gleichzeitig davor, dass die Konzentration dieses Vermögens bei den Älteren den möglichen Konjunkturimpuls begrenzen könnte.

Was Bloomberg Economics dazu sagt...

“Wir schätzen, dass letztes Jahr etwa 300 Milliarden Euro mehr als sonst auf Bankkonten geflossen sind. Dieser Bargeldhaufen ist das größte Aufwärtsrisiko für unsere Konjunkturprognose, wenn sich die Konsumenten nur sicher genug fühlen, es auch auszugeben.”

-Maeva Cousin

Die Deutsche Bank AG schätzt, die angestaute Nachfrage könnte das Wirtschaftswachstum 2021 um einen Prozentpunkt beschleunigen. Angesichts der vom Internationalen Währungsfonds erwarteten Wachstumsrate von 4,4% ist das stattlich. UBS-Volkswirt Dean Turner erwartet, das Konsumieren von Sparguthaben dürfte einen “wesentlichen Anteil” an der Konjunkturerholung nach der Pandemie ausmachen.

Das wäre entscheidend, um dem Euroraum auf die Sprünge zu helfen, nicht zuletzt, weil die Region zusätzliche Wachstumstreiber dringend benötigt, hinkt doch ihre Erholung durch langsamere Impfungen den USA und China entsprechend hinterher.

Daten der Europäischen Zentralbank zeigen, dass die zusätzlichen Bargeldreserven im vergangenen Jahr hauptsächlich bei Menschen über 50 angefallen sind. Bei Personen zwischen 16 bis 49, die eine höhere Konsumneigung haben, jedoch auch ein höheres Risiko für Arbeitslosigkeit, verschlechterten sich tendenziell die finanziellen Verhältnisse.

Gloria Sattél und Alfons Pribek aus Österreich, die sich vor der Krise regelmäßig Besuche in Restaurants, Oper und Theater gegönnt hatten sowie zweimal im Jahr einwöchige Aufenthalte in Bad Waltersdorf und Reisen nach Griechenland, Deutschland und Frankreich, werden ihre Ausgaben auch nach dem Ende der Lockdowns nicht so schnell wieder hochfahren.

“Wir werden wieder nach Bad Waltersdorf gehen, sobald es geöffnet hat, aber darüber hinaus planen wir nichts”, sagt Sattél, die mit ihrem 81-jährigen Ehemann in der Wiener Innenstadt lebt. Obwohl Geld übrig ist, dürften sich einfach weniger Möglichkeiten bieten, es auszugeben, so die 78-Jährige.

Vor dem Hintergrund solcher Konsumenten ist auch die EZB vorsichtig. Ihre jüngste Prognose geht davon aus, dass die Sparquote, die sich während der Lockdowns im vergangenen Jahr auf 25% fast verdoppelt hat, letztendlich wieder auf das Vorkrisenniveau zurückkehren wird. Das zusätzlich gehortete Geld dürfte jedoch großteils nicht zurück in die Wirtschaft fließen.

Bargeldreserven

Die schiere Höhe der Bargeldreserven lässt die Geldpolitiker in der Eurozone darüber spekulieren, was wäre, wenn es zu einem Konsumschub käme. Die Bundesbank schätzt die zusätzlichen Ersparnisse in Deutschland auf um die 110 Milliarden Euro, in Frankreich werden 120 Milliarden Euro veranschlagt.

“Der absolute Schlüssel für die Umwandlung der Ersparnisse in Konsumausgaben ist das Vertrauen”, so der Gouverneur der französischen Notenbank Francois Villeroy de Galhau diese Woche in einem Radiointerview.

Doch die aufgestauten Konsumwünsche sind nicht groß genug um den gesamten Betrag auszugeben. Zudem belastet weitrhin die Unsicherheit über den Fortgang der Konjunktur. Und wer Angst um seinen Job hat, wenn die Unterstützungsprogramme für den Arbeitsmarkt auslaufen, wird weiter auf der Ausgabenbremse stehen.

“Die Menschen sind sich bewusst, dass eine Menge staatliche Unterstützung, welche die Wirtschaft und speziell den Arbeitsmarkt stützt, enden wird”, sagte Aline Schuiling, Ökonomin bei der ABN Amro Bank NV. “Also sind sie vorsichtig, wenn es darum geht, Geld für Dinge auszugeben, die nicht unbedingt nötig sind.”

Überschrift des Artikels im Original:Euro-Area Recovery Needs a Generation to Drop Its Saving Habit

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