Europas Banken vor Ertragsschub dank kommender EZB-Straffung

(Bloomberg) -- Das absehbare Ende des Negativzins-Experiments der Europäischen Zentralbank dürfte den Banken des Währungsraums den größten Anstieg ihrer Zinserträge seit sieben Jahren bescheren.

Laut den von Bloomberg zusammengestellten Analystenschätzungen werden die 10 größten börsennotierten Kreditinstitute des Euroraums in diesem Jahr einen Anstieg ihrer Nettozinserträge um 3,7% auf 144,6 Milliarden Euro verzeichnen. Banco Santander SA und Banco Bilbao Vizcaya Argentaria SA in Spanien werden dank der Konzentration auf variabel verzinste Kredite schnell profitieren, während sich der Vorteil für einlagenstarke Unternehmen wie die Deutsche Bank AG langsamer auswirkt.

Angesichts der bedrohlich anziehenden Inflation wird erwartet, dass die EZB am heutigen Donnerstag den Ausstieg aus den seit acht Jahren geltenden Negativzinsen einleitet. Die Banken der Region verlangen bereits mehr Zinsen für Kredite, sind aber nicht immun gegen die Auswirkungen der Preissteigerungen, da ihre Angestellten höhere Gehälter verlangen und das Risiko eines Zahlungsausfalls von Kreditnehmern zunimmt.

“Wir sollten bereits in diesem Jahr eine gewisse positive Auswirkung spüren”, sagt Francois Lavier, der bei Lazard Frères Gestion in Paris an der Verwaltung von 35,7 Milliarden Euro mitwirkt, die auch in Bankanleihen stecken. “Der Markt preist bereits einen Teil des Zinsanstiegs ein. Die Banken erhalten höhere Zinssätze für ihre Anleiheportfolios, und sie können den Umfang dieser Bestände erhöhen.”

Das hat sich bereits auf die Aktienkurse der europäischen Banken ausgewirkt. Die inländischen Banken in Spanien und die international tätigen britischen Banken haben sich besser entwickelt, weil sie am stärksten von den Zinssätzen der EZB bzw. der Federal Reserve abhängig sind, schrieben die Analysten der Citigroup am Dienstag.

Spanische Hypotheken sind in der Regel an Marktzinssätze wie den Euribor gebunden, was bedeutet, dass die Raten schnell steigen können. “Mit höheren Zinsen werden wir profitabler sein”, sagte Ana Botin, Vorstandsvorsitzende von Santander, in einem Bloomberg TV-Interview im vergangenen Monat. “Sie werden höhere Nettozinserträge in Europa sehen, wenn die Euro-Zinsen steigen.”

Kreditinstitute in anderen Regionen wie Deutschland konzentrieren sich mehr auf ein Ende der Gebühren für das Parken von Bargeld bei der EZB. Die Zentralbank hatte Mitte 2014 den Einlagensatz in den negativen Bereich gesenkt, um die Banken zu drängen, das Angebot an günstigen Krediten für Unternehmen und Verbraucher zu erhöhen. Der Schritt stützte die Wirtschaft und verbilligte die Finanzierung, stellte aber auch das Bankwesen auf den Kopf, weil die Kreditinstitute ihre Kunden ebenfalls aufforderten, für ihre Einlagen Negativzinsen - oft “Verwahrentgelte” genannt” - zu zahlen.

Nach Ansicht von Bettina Orlopp, der Finanzchefin der Commerzbank AG, werden die Firmenkunden sofort verlangen, dass diese Gebühren gesenkt werden, wenn die EZB die Zinsen erhöht. Solange der Einlagensatz unter Null bleibe, sei der Nutzen für die Bank begrenzt, so Orlopp letzte Woche.

Die Fähigkeit von Unternehmen und Verbrauchern, höhere Zinszahlungen und gleichzeitig eine verschärfte Inflation und die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine zu verkraften, wird darüber entscheiden, ob sich eine Zinserhöhung in den Bilanzen der Banken niederschlägt.

Eine mögliche Verschlechterung der Kreditbücher sei “die andere Seite der Medaille”, sagte José Manuel Campa, Leiter der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde, am Mittwoch in einem Interview mit Bloomberg TV. “Wenn wir die Zinssätze erhöhen, könnten einige der Kreditnehmer Schwierigkeiten haben, ihren Verpflichtungen nachzukommen”, sagte er.

Die Gewinne der Branche wurden im vergangenen Jahr angekurbelt, da die Banken aufgrund der beispiellosen öffentlichen Unterstützung der von der Pandemie geschädigten Wirtschaft weniger Geld zur Deckung zweifelhafter Kredite zurücklegen mussten. Seitdem haben Inflation, steigende Zinsen, Unterbrechungen der Lieferkette und der Krieg in der Ukraine das Bild getrübt. Die Risikovorsorge der 10 größten börsennotierten Banken des Euroraums wird in diesem Jahr um mehr als ein Drittel auf etwa 32 Milliarden Euro steigen, so von Bloomberg zusammengestellte Analystenschätzungen.

“Es ist ein zweischneidiges Schwert”, sagte Lavier von Lazard zu den steigenden Zinssätzen. “Das Nettoergebnis ist positiv. Die Banken sind ein Spiegel der Wirtschaft, sie werden höhere Einnahmen haben, wenn Unternehmen und Haushalte mehr Zinsen für ihre Kredite zahlen.”

Überschrift des Artikels im Original:

European Banks Set for Revenue Bump as ECB Prepares Rate Hikes

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