Heute informiert die EU über den Stand der Brexit-Verhandlungen. Die Europäer fühlen sich haushoch überlegen. Wenn der Brexit jedoch zum Fiasko wird, tragen sie eine Mitschuld.

Diesmal waren es die Japaner, die Theresa May beschwichtigen musste. Eine ganze Phalanx von Wirtschaftsführern trabte am Donnerstag in die Downing Street, um ihre Brexit-Sorgen bei der britischen Premierministerin loszuwerden. Vertreten waren die japanischen Autobauer, die die Hälfte aller in Großbritannien hergestellten Autos produzieren, Großbanken wie Nomura und MUFG sowie Tech-Firmen wie Softbank und Rakuten.

Die Konzernchefs erinnerten ihre Gastgeberin daran, dass Großbritannien aus japanischer Sicht das Sprungbrett zum europäischen Markt sei, und dass die Premierministerin bitteschön den Zugang zum Binnenmarkt sicherstellen solle.

Es war die neueste Folge in der Brexit-Seifenoper. Auf dem Kontinent lehnten sich die Europäer bequem zurück und verfolgten das Schauspiel mit der üblichen Mischung aus Amüsiertheit und Entsetzen. Seit Monaten herrscht die Devise: Die Briten haben sich selbst ihr Loch gegraben, nun sollen sie sehen, wie sie wieder rauskommen.


Vielleicht sollten die Japaner nicht nur in London Druck machen, sondern auch auf dem Kontinent. Denn die Europäer scheinen sich in diesen Verhandlungen viel zu komfortabel zu fühlen. Es ist stimmt ja: Das zerstrittene Kabinett in London bietet ein jämmerliches Bild. May wiederholt seit einem Jahr die immer gleichen widersprüchlichen Worthülsen. Die künftige Handelsbeziehung hat in all den Monaten keine Kontur angenommen. Das alles ist beklagenswert.

An diesem Freitag wird EU-Chefunterhändler Michel Barnier über den letzten Stand der Brexit-Verhandlungen informieren. Noch Anfang der Woche hatte Barnier die Briten zu einer raschen Entscheidung gemahnt, ob sie doch weiter dem EU-Binnenmarkt angehören wolle.

Doch Großbritannien steht nicht allein in der Verantwortung. Wenn der Brexit schiefgeht, tragen beide Seiten eine Mitschuld. Und Unternehmen auf beiden Seiten werden die Folgen zu tragen haben. Der Einwand, Großbritannien werde aber mehr leiden, ist keiner: Europa ist schließlich kein Kinderspielplatz.

In Brüssel wird die bisherige Verhandlungsstrategie als Erfolg gesehen: Bleibt man nur lange genug hart, knickt May irgendwann ein. Tatsächlich ist Großbritannien als kleinerer Partner in der schwächeren Position, weitere Niederlagen sind garantiert. Mit jedem Tag aber wird die Brüsseler Strategie der Unnachgiebigkeit gefährlicher. Die Uhr tickt auch für die Europäer. Je länger die Unklarheit anhält, desto höher die Kosten für die Wirtschaft – auf beiden Seiten.


Auch deutsche Unternehmen hätten gern nach dem EU-Gipfel im März Planungssicherheit für die Übergangsperiode. Da hilft es nicht, jeden britischen Vorschlag reflexhaft als Rosinenpickerei abzulehnen und darauf zu verweisen, man könne notfalls auch bis Oktober weiterverhandeln. Um eine Einigung zu beschleunigen, wird es Zeit, dass auch die EU Kompromisse macht.