Euronext wirbt um Börsengänge deutscher Tech-Unternehmen


Der paneuropäische Handelsplatz Euronext will zukünftig verstärkt deutsche Technologiefirmen anlocken. „Für 2019 rechnen wir mit Börsendebüts von deutschen Tech-Unternehmen an der Euronext. Mit dem ‚Techshare-Programm‘ wollen wir mehr Unternehmen für die Börse fit machen, aktuell sind hier auch 23 Firmen aus Deutschland beteiligt“, erläutert Michael Schatzschneider, der Repräsentant der Mehrländerbörse in Deutschland.

Techshare stehe für ein Ökosystem aus Banken, Wirtschaftsprüfern, Anwälten und Investor-Relations-Agenturen, um junge Tech-Firmen systematisch zu coachen und ihnen den Sprung an die Börse zu erleichtern. Im Gespräch mit dem Handelsblatt räumt der Manager allerdings ein, dass die Pläne ambitioniert sind, weil auch andere Börsenplätze um Kandidaten aus dem Tech-Bereich werben.

„Das Umfeld bleibt sehr wettbewerbsintensiv, wir konkurrieren ja beispielsweise mit der Nasdaq und auch der Deutschen Börse AG, die sich heute ebenfalls stärker um Start-ups und junge Wachstumsfirmen kümmert“, ergänzt Schatzschneider. Außerdem verfolgten Finanzinvestoren von Technologiefirmen oft eine zweigleisige Strategie.


Sie arbeiten an einem Initial Public Offering – abgekürzt IPO –, und nebenbei verhandeln sie mit Industriefirmen um eine Fusion oder Übernahme. Im Fachjargon heißt diese Strategie „Dual Track“. Beim Verkauf an einen Strategen können die Private-Equity-Häuser ihre Beteiligung auf einen Schlag loswerden. Beim Ausstieg über die Börse sind dagegen mehrere Emissionen notwendig, üblicherweise beginnt man mit Anteilspaketen zwischen 20 und 30 Prozent.

Allerdings kommt der Euronext und den anderen europäischen Börsen derzeit zugute, dass die Attraktivität der US-Technologiebörse Nasdaq für Konzerne und junge Technologiefirmen aus dem Ausland nachgelassen hat. „Notierungen von ausländischen Unternehmen an den US-Börsen sind auf ein geringes Niveau gesunken.

Das Volumen liegt im bisherigen Jahresverlauf bei weniger als einer Milliarde Dollar“, erläutert Christoph Stanger, Partner bei Goldman Sachs in London. Zum Vergleich: 2014 hatte das Volumen noch 5,9 Milliarden Dollar betragen. Man sollte gute Gründe haben, wenn man an eine US-Börse geht, sonst sei man als ‚Waisenkind‘ eher schlecht aufgehoben, meint Stanger. Nach einem Listing lasse die Aufmerksamkeit der Analysten und Investoren an europäischen Unternehmen in den USA oft deutlich nach, meinen Experten.

Furcht vor politischen Spannungen

In den ersten sieben Monaten dieses Jahres verzeichnete die Euronext insgesamt 22 Initial Public Offerings, so viele wie im Gesamtjahr 2017. Der mit Abstand größte Börsengang war der Zahlungsdienstleister Adyen mit einer Marktkapitalisierung von über sieben Milliarden Euro bezogen auf den Emissionspreis.


Allerdings sind Börsengänge in dieser Größenordnung nicht die Regel: Euronext ist vor allem der Marktplatz für kleinere Technologie-Emissionen mit Platzierungsvolumina von 20 Millionen bis zu einer Milliarde Euro. Nach eigenen Angaben sind an den Euronext-Börsen in Belgien, Frankreich, Großbritannien, Irland, den Niederlanden und Portugal insgesamt gut 1.300 Unternehmen gelistet.

Besonders stark sei die Marktstellung in der Medizintechnik und der Biotechnologie – der größte Medizintechnik-Börsengang gelang allerdings dem Konkurrenten Deutsche Börse in diesem Jahr mit der Siemens-Tochter Healthineers.

Weltweit haben die gestiegene Volatilität, wachsende Unsicherheiten durch geopolitische Risiken und die neue Handelspolitik der Vereinigten Staaten deutliche Bremsspuren im Emissionsgeschäft hinterlassen. Der Wert der Börsengänge sank im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 19 Prozent auf 45 Milliarden Dollar, die Zahl der Börsengänge ging sogar um 26 Prozent auf 325 zurück, das zeigen die jüngsten Zahlen der Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young).

Zwar erwarten die meisten Experten eine anhaltend lebhafte IPO-Tätigkeit, allerdings würden geopolitische Spannungen und neue Handelshemmnisse wahrscheinlich immer wieder vorübergehend für Unruhe an den Märkten sorgen, prophezeit EY-Manager Martin Steinbach.