Euronewsrunde in Davos: Wie steht es um die COVID-Pandemie?

Euronewsrunde in Davos: Wie steht es um die COVID-Pandemie?

Das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos gehört zu den größten Treffen internationaler Politiker nach der Pandemie. Vor drei Jahren, im Januar 2020 hatte die Weltgesundheitsorganisation einen internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Trotz vieler Bemühungen, Lehren aus der Pandemie zu ziehen, und obwohl Staats- und Regierungschefs erkärten, die Pandemie sei beendet, stellt sie immer noch ein großes Risiko dar und scheint noch lange nicht vorbei zu sein. In dieser Runde sprechen wir über den aktuellen Stand der Pandemie, die Zunahme der weltweiten Fälle sowie die Folgen und Auswirkungen auf Gesundheitssysteme weltweit.

Teilnehmer der euronews-Gesprächsrunde sind:

Maria Leptin, die Präsidentin des Europäischen Forschungsrats,

Seth Berkley, Vorstandsvorsitzender der Impfallianz Gavi,

Moderna-Konzernchef Stéphane Bancel

Michelle Williams, Dekanin der Fakultät der Harvard T.H. Chan School of Public Health.

Wie steht es um die Pandemie?

Michelle Williams: Dank der Fortschritte bei Therapien und Impfstoffen konnten wir Lockdowns wieder aufheben. Ein Teil der Begeisterung rührt daher, dass wir nach einer langen Zeit der Abschottung wieder Treffen wie diese veranstalten können. Um den Kontext zu verdeutlichen: In den USA gibt es immer noch 526 Todesfälle pro Tag, durch COVID. Das ist ein Anstieg seit November, Oktober, da lagen wir bei rund vierhundert. Wirklich enttäuschend ist die Tatsache, dass neun von zehn dieser Todesfälle verhindert werden könnten: Und zwar durch Impfungen und Auffrischungsimpfungen sowie durch das Beachten von Verhaltensaspekten wie Beatmung, Tragen von Masken, wenn es angebracht ist, Abstand und so weiter. Die Tatsache, dass neun von zehn Todesfällen hätten verhindert werden können, mahnt mich als Gesundheitsexpertin daran, dass wir nicht voreilig von einem Ende der Pandemie sprechen sollten. Wenn wir über den Kontext sprechen, müssen wir auch die chronischen Auswirkungen dieser Pandemie diskutieren. Wir müssen über die Tatsache sprechen, dass allein in den USA über 174.000 Kinder von Long-COVID betroffen sein werden. Long-COVID ist eine Realität und betrifft nicht nur Einzelpersonen und Familien: Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Long COVID, wie sie von Larry Summers und David Cutler, beide von Harvard, quantifiziert wurden, werden uns 3,7 Billionen Dollar kosten. Unser Gesundheitssystem ist immer noch belastet. Ich hoffe, dass die Menschen verstehen, dass der Impfstoff nicht nur den Einzelnen vor der Übertragung und vor einer schweren Erkrankung schützt, sondern auch unsere Gesundheitssysteme. Wir haben ein mehr oder minder funktionsfähiges Gesundheitssystem, weil wir nicht die Art von schweren Erkrankungen haben, mit denen wir 2020 konfrontiert waren. Unsere Gesundheitssysteme müssen sich ebenfalls erholen. Unser Gesundheitspersonal ist ausgebrannt, und es gibt eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen, die jetzt schlimmer sind und eine intensivere medizinische Behandlung erfordern als früher.

Ergebnisse der COVID-19-Impfstoffpartnerschaft

Die COVID-19-Impfstoffpartnerschaft (CoVDP) ist eine Initiative der Impfallianz Gavi, UNICEF und der Weltgesundheitsorganisation. Sie soll die Bereitstellung von Impfstoffen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen unterstützen und beschleunigen.

Seth Berkley: Vor drei Jahren saßen wir hier in Davos und wussten nicht, wohin die Reise gehen würde. Es gab führende Politiker, die sagten, es wird nichts passieren. Aber Stéphane Bancel nahm an der Diskussion teil und Richard Hatchett und ich setzten uns zusammen und sagten, dass die Entwicklungsländer bei der jüngsten Grippe-Pandemie keine Impfstoffe bekamen. Sie wurden alle von wohlhabenden Ländern aufgekauft. Es war klar, dass genau das passieren würde, wenn sich diese Pandemie zu einer globalen Pandemie ausweiten würde. Also gründeten wir das COVAX-Konzept, in das wir viele Leute einbanden, um dieses Problem zu lösen. Zunächst einmal die beeindruckende Reaktion der Wissenschaft. Stéphane wird sicherlich darüber sprechen. 327 Tage. Wir hätten gedacht, dass wir es vielleicht in 18 Monaten oder zwei Jahren schaffen könnten. Also außergewöhnliche Fortschritte in der Wissenschaft. Aber auch auf der politischen Seite: Wir haben unsere erste Dosis in den Entwicklungsländern 39 Tage nach der ersten Dosis in einem wohlhabenden Land verabreicht. Natürlich sollte es gleichzeitig passieren. Aber das ist ein Rekord. Wir konnten Entwicklungsländer mit Impfdosen beliefern. Es lief nicht reibungslos. Es ist nicht gut gelaufen. Im ersten Jahr hatten wir uns ein Ziel von 950 Millionen Dosen gesetzt, weil wir dachten, dass wir das für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen erreichen könnten. Am Ende kamen wir auf etwa 930 Millionen Dosen. Wir haben unser Ziel also fast erreicht und ein Programm zur Bereitstellung von Finanzmitteln und technischer Hilfe intensiviert. Aktuell gibt es sieben Länder mit einem Versorgungsgrad von weniger als 10 %. Und bei sechs dieser Länder handelt es sich um ziemlich instabile Länder mit instabilen Gesundheitssystemen. Unser aktuelles Problem ist, dass wir seit Anfang 2022 genug Impfstoffe haben, um die Länder mit allem zu versorgen, was sie wollen. Die Herausforderung besteht darin, eine Nachfrage zu haben. Ein Teil dieses Problems ist, dass die Welt sagt, COVID ist vorbei. Wie Michelle schon sagte, haben wir dieses Virus noch nicht besiegt. Wir müssen dafür sorgen, dass die politischen Entscheidungsträger verstehen, dass es immer wieder neue Varianten gibt. Wir hatten Glück, dass wir noch keine mit sehr schweren Erkrankungen hatten oder eine, die der bestehenden Immunität entkommen kann. Aber das kann jederzeit passieren. Das Beste, was wir tun können, ist, die Präventionsmethoden anzuwenden, aber auch dafür zu sorgen, dass wir unsere Risikogruppen impfen, damit sie vor einem schweren Verlauf und Tod geschützt sind.

Entwicklung von COVID-Impfstoffen

Der Prozess war bis heute auch in Bezug auf die Geschwindigkeit außergewöhnlich. Wie geht es mit der Entwicklung, Einführung und Aufstockung des Impfstoffs in Bezug auf die verschiedenen Varianten und Untervarianten weiter?

Stéphane Bancel: Wir haben Produktionsstätten in den USA und in der Schweiz. Wir haben diesen Sommer gezeigt, dass wir uns sehr schnell an Varianten anpassen können. In den USA hat Peter Marks am 28. Juni gesagt, dass man in den USA einen BA.5 Omicron Booster braucht. Und Anfang September, am Wochenende des Labour Day, war er in den US-Apotheken erhältlich. 60 Tage, was in der alten Welt der Impfstoffe normalerweise[ANDERE: fünf Jahre, in der Regel] undenkbar gewesen wäre. Wir arbeiten weiter an Technologien, um das zu verbessern. Außerdem arbeiten wir - denn Seth und ich haben in den vergangenen Jahren viele Diskussionen darüber geführt - an der Frage, wie man weltweit Produktionskapazitäten aufbauen kann. Es gab während der Pandemie viele Exportbeschränkungen, was aus offensichtlichen Gründen sehr schmerzhaft war. Selbst von Ländern, die sagten, dass sie die Exporte nicht einschränken werden. Glauben Sie mir, sie taten es. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir jetzt eine Fabrik in Kanada bauen. Wir haben bereits im Herbst den ersten Spatenstich gemacht. Wir bauen eine Fabrik in Australien. In diesem Quartal werden wir eine Fabrik in Großbritannien in Betrieb nehmen, und wir werden auch mit dem Bau einer Fabrik in Kenia beginnen. Wir sind im Gespräch mit weiteren Ländern, denn jeder Kontinent sollte über mRNA-Kapazitäten verfügen. Das Tolle an mRNA ist, dass man dieselbe Einrichtung, dieselbe Anlage, dieselben Maschinen verwenden kann, um jeden beliebigen Impfstoff herzustellen.

Die Rolle der Wissenschaft

Die COVID-19-Pandemie hat auch die Schwierigkeiten und Risiken der Wissenschaftsverleugnung aufgezeigt. Drei Jahre später gibt es immer noch eine Menge davon. Die Rolle der Wissenschaft ist ein so wichtiges Thema. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation? Hat sie sich verbessert oder nicht?

Maria Leptin: Ich wünschte, sie hätte sich verbessert. Ich interessiere mich leidenschaftlich für die Wissenschaft, das ist eine interessante Frage. Zwei der Länder, die am erfolgreichsten bei der Durchsetzung von Impfungen waren, waren es nicht deshalb, weil sie ihren Bürgern die Wissenschaft dahinter erklärten. Das eine ist Bhutan, wo man sehr erfolgreich eine Kampagne vorbereitete und die Bürger mit einbezog. Man ging auf die Bedürfnisse des Landes und der Bürger ein, informierte das religiöse Oberhaupt und nutzte den Kontakt sogar, um den richtigen Zeitpunkt und das richtige Datum zu finden. Dadurch bekamen sie eine fantastische Impfquote. Es wurde keine Wissenschaft erklärt. Das andere Beispiel, das ich kenne, ist Portugal. Dort wurde die Kampagne einem pensionierten Armeegeneral übertragen. Er behandelte das Land wie seine Armee und trommelte die Truppen zusammen. Er erklärte COVID den Krieg, den das Land in patriotischer Geschlossenheit gemeinsam bekämpfte. Und sie waren erfolgreich! Ich glaube, sie waren führend in Europa, wenn nicht sogar in der Welt.

Das Problem ist, dass viele Bürger die Unwägbarkeit in der Forschung nicht als Teil der wissenschaftlichen Methode verstehen. Wenn ich heute sage: "Das ist meine Annahme", und jemand anderes sagt morgen, dass man das Experiment nicht richtig gemacht hat. Das kann passieren! Wir müssen die Bürger gründlich über die wissenschaftliche Methode aufklären, wenn wir mehr Vertrauen in die Wissenschaft erreichen wollen. Und die schlechte Nachricht ist, wer wird das übernehmen? Wir werden es nicht sein, denn wir sind diejenigen, denen man misstraut.

Besser Pandemievorsorge für die Zukunft

Wie wichtig es ist, eine bessere Pandemievorsorge für die Zukunft zu haben? Denn wie bereits gesagt wurde, müssen wir auf alles vorbereitet sein.

**Maria Leptin:**Wir haben das bisher sehr gut gemacht. Wir haben es sowohl von der logistischen als auch von der wissenschaftlichen Seite gehört. Die wissenschaftlichen Grundlagen waren vorhanden. Das war Forschung, die aus ganz anderen Gründen finanziert worden war. Zwei der europäischen Forscher, deren Arbeit zu Impfstoffen führte, Adrian Hill in Oxford und Uğur Şahin in Deutschland, wurden von einem Geldgeber, nämlich dem Europäischen Forschungsrat (ERC), für eine ganz andere Grundlagenforschung finanziert. Und von Katalin Karikó, die seit 20 Jahren daran arbeitet, wollen wir gar nicht erst reden. Wir haben uns sehr gut geschlagen. Es war genau das Richtige. Wir haben gehört, dass die Logistik, die Produktion, die zugrundeliegende Wissenschaft in Rekordzeit ablief, ohne dass wir eine Finanzierung von oben brauchten. Das hat gut geklappt, die Wissenschaft war da. Mein Appell lautet also: Investieren Sie weiter in die Grundlagenforschung. Lassen Sie uns das nicht vergessen.

"Die nächste Pandemie wird vielleicht anders verlaufen. Das wissen wir nicht. In der Natur kann alles passieren. Wir sind in vielerlei Hinsicht vorbereitet."

Die nächste Pandemie wird vielleicht anders verlaufen. Das wissen wir nicht. In der Natur kann alles passieren. Wir sind in vielerlei Hinsicht vorbereitet.

Und ich bin sehr froh, von all meinen Kollegen zu hören, wie wir vorbereitet sind und was wir gelernt haben. Eien großartige Produktion, wir haben uns mit den Grundlagen der Molekularbiologie, der Epidemiologie für die Produktion usw. beschäftigt. Mir gefiel, was Michelle sagte, nämlich das Verständnis von Verhalten. Das ist ein ganz anderer Aspekt: Das Verständniss der Forschung, die wir brauchen. Ich bin sehr froh, dass der ERC diese Art von Forschung finanziert, und es ist wirklich ein Privileg, für eine Fördereinrichtung zu arbeiten, die die Notwendigkeit anerkennt, Geistes- und Sozialwissenschaften zu finanzieren. Das muss vorangetrieben werden, und ich bin froh, dass Sie es angesprochen haben. Ich würde sagen, dass wir gelernt haben. Aber wir brauchen auch all die anderen Aspekte, die meine Kollegen genannt haben und die offensichtlich anerkannt werden. Mein Appell lautet: Beschränken Sie die Finanzierung nicht auf die Grundlagenwissenschaften in ihrer ganzen Breite. Man weiß nie, was wir für den nächsten Ausbruch brauchen werden.