Der Euro-Raum macht beeindruckende Fortschritte

Im Euro-Raum sorgten zuletzt die fehlende Einigkeit zwischen Nord- und Südeuropa oder die schlechte Wirtschaftslage in vielen Ländern für Schlagzeilen. Doch das Bild hat sich gewandelt, es gibt Positives zu vermelden.


Die Konjunktur im Euro-Raum erholt sich. Und zwar nicht nur in den stabilen Ländern wie Deutschland, Österreich oder den Niederlanden, sondern auch in den vormaligen Krisenländern Südeuropas. Der konjunkturelle Aufschwung ist im Euro-Raum überall spürbar.

So zeigte die aktuelle Umfrage unter den Einkaufsmanagern im Industriebereich, dass der Sektor zuletzt so stark gewachsen ist wie seit rund sechs Jahren nicht mehr. Besonders beeindruckend dabei ist nicht nur, wie positiv die Konjunkturaussichten von den befragten Managern beurteilt werden, sondern dass sich in allen teilnehmenden Ländern eine positive Entwicklung abzeichnet. Dabei überzeugen etwa Spanien und Irland bereits seit rund drei Jahren mit einer durchgreifenden Erholung. Zuletzt haben sich jetzt sogar beim wirtschaftlichen Sorgenkind Griechenland die Wachstumskräfte durchgesetzt, auch wenn der Aufschwung dort noch auf sehr wackeligen Beinen steht.

Arbeitslosigkeit rückläufig, dennoch große Unterschiede

Die aktuell günstigen Umfragewerte dürfen natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ökonomischen Unterschiede zwischen den einzelnen Euro-Ländern noch enorm groß sind. Das wird vor allem bei einem Blick auf die Arbeitslosenzahlen in Europa deutlich: Insgesamt sinkt die Arbeitslosenquote im Euro-Raum zwar schon seit gut drei Jahren. Aktuell liegt sie mit 9,3 Prozent rund drei Prozentpunkte unter ihrem Krisenhoch von Mitte 2013.

Doch ist die Spannweite zwischen den Euro-Ländern frappierend: Während die Arbeitslosigkeit in Deutschland mit einer Rate von unter vier Prozent (in der Eurostat-Definition) schon annähernd auf Vollbeschäftigung hindeutet, leidet Griechenland noch immer unter einer Beschäftigungslosigkeit jenseits der 20-Prozent-Marke. Auch die großen Euro-Länder Spanien und Italien weisen noch zweistellige Arbeitslosenraten auf.


Das belegt einmal mehr: Die wirtschaftspolitische „Bedarfslage“ in den einzelnen Ländern des Euro-Raums ist sehr unterschiedlich. Die konjunkturellen Vorreiter wie Deutschland brauchen keine expansive Geld- und Fiskalpolitik mehr, sie kann hier mehr Schaden anrichten als weiteren Nutzen bringen. Das ist naturgemäß in Ländern mit einer hohen Arbeitslosenquote anders. Hier führt schon die Aussicht auf mögliche Zinserhöhungen durch die EZB, selbst wenn sie erst im Jahr 2019 erfolgen sollten, zu Sorgenfalten bei den Politikern.

Dieses Dilemma ist nicht neu, es war allen Beteiligten von Anfang an klar und ist in einer Währungsunion unabhängiger Volkswirtschaften auch unvermeidbar. Es ist in den Jahren seit der Euro-Krise aber viel deutlicher sichtbar geworden. Während die Probleme, die aus einer einheitlichen Geldpolitik in einem heterogenen Euro-Raum erwachsen können, zu Beginn der Währungsunion von vielen Politikern vielleicht eher als eine theoretische Spitzfindigkeit empfunden wurden, so werden sie heute bei der enormen konjunkturellen Spannbreite innerhalb des Währungsraumes als sehr dringend empfunden.

Einheitliche Geldpolitik ersetzt nicht nationale Verantwortung

Es müsste daher nun allen Beteiligten klar sein, dass die einheitliche Geldpolitik nicht die strukturellen Probleme einzelner Länder lösen kann, sie kann den nationalen Politikern die Verantwortung dafür nicht abnehmen. Die Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Staatspräsidenten und die große Mehrheit für seine „En Marche“-Bewegung bei den Parlamentswahlen können wohl als Zeichen dafür gewertet werden, dass diese Erkenntnis zumindest in Frankreich auch bei der Bevölkerung angekommen ist.



Abstand zwischen Spitzenreiter und Schlusslicht verringert sich

Damit sind die Voraussetzungen gegeben, dass auch in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland die strukturpolitischen Reformaufgaben nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Die Länder, die vor einigen Jahren im Zentrum der Euro-Krise standen, sind damit bislang unterschiedlich weit vorangekommen, und auch die Ernsthaftigkeit der Bemühungen war bisher unterschiedlich stark ausgeprägt. Die breite konjunkturelle Erholung in der Euro-Zone bietet nun die Chance, durch wirtschaftspolitische Weichenstellungen endlich beim notwendigen Konvergenzprozess im Euro-Raum einen entscheidenden Schritt voran zu kommen. Erst wenn das gelingt, kann auch die einheitliche Geldpolitik der Europäischen Zentralbank effizient gesteuert werden und erfolgreich sein.


Die aktuellen Wachstumszahlen zeigen, dass sich der Abstand zwischen Spitzenreiter (Irland) und Schlusslicht (Griechenland) in den vergangenen Quartalen merklich verringert hat. Das liegt vor allem an der noch zaghaften Erholung der griechischen Konjunktur. Aber auch, wenn man alle Euro-Länder in die Betrachtung mit einbezieht, lässt sich eine beginnende wirtschaftliche Konvergenz feststellen. So ist die Standardabweichung der Wachstumsraten der 19 Euro-Länder (also ihre Schwankungsbreite) in den letzten zwei Jahren auf den niedrigsten Wert seit der Euro-Einführung 1999 gesunken. Dabei wirkt sich neben den Rettungsprogrammen für die Krisenländer sicherlich die intensive wirtschaftliche Verflechtung zwischen den Euro-Mitgliedern im Aufschwung förderlich für die konjunkturelle Konvergenz aus.

Auch die bereits zitierten Arbeitslosenquoten geben – bei aller Unterschiedlichkeit – einen Hinweis darauf, dass die Entwicklung zumindest allmählich in die richtige Richtung geht. Denn die Verbesserung, die mit der konjunkturellen Erholung einhergeht, führt in den Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit auch zu den kräftigsten Rückgängen der Unterbeschäftigung. So ist die Arbeitslosenquote in den letzten drei Jahren unter anderem in Spanien, Irland, Portugal und Griechenland am stärksten zurückgegangen. Der Abstand zu den führenden  Ländern ist zwar immer noch sehr groß, doch er vermindert sich allmählich.


Damit dieser notwendige Konvergenzprozess an Schwung gewinnt, sind besonders in einigen Ländern weitere wirtschaftspolitische Reformen notwendig. Die konjunkturelle Erholung bietet ein Zeitfenster, in dem sie zu relativ geringen Kosten in Angriff genommen werden können.

Wenn man damit bis zum nächsten Konjunkturabschwung wartet, steigen nicht nur die Kosten enorm, der Euro-Raum könnte dann erneut in eine Existenzkrise stürzen.