Der Euro ist wieder gefragt – auch ohne „Jamaika“


Es geht wieder aufwärts beim Euro: Die europäische Gemeinschaftswährung notiert am Donnerstag bei 1,1830 US-Dollar und damit höher als am Vorabend. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Mittwochnachmittag noch deutlich tiefer auf 1,1749 Dollar festgelegt. Der Euro findet damit zu seinem fundamentalen Aufwärtstrend des Jahres 2017 zurück.

Rückblick: Am 8. November setzt sich Donald Trump gegen Hillary Clinton in einem engen Rennen um die US-amerikanische Präsidentschaft durch. Seine fantastischen Versprechen – Deregulierung, Infrastrukturinvestitionen, Steuersenkungen – finden an der Wall Street begeisterte Aufnahme. Der Dollar steigt deutlich gegenüber dem Euro im Kurs. Zum Jahreswechsel spekulieren viele Beobachter auf eine kommende Euro-Dollar-Parität; der Euro liegt unter 1,04 Dollar. Selbst für Analysten großer Banken wie Deutscher Bank, Citigroup oder Morgan Stanley ist es nur noch eine Frage von wenigen Monaten, bis der Wechselkurs 1:1 notiert.

Anfang 2017 wird jedoch immer deutlicher, dass die meisten Trump'schen Prestigeprojekte zum Scheitern verurteilt sind, etwa die Abschaffung der umstrittenen Gesundheitsreform „Obamacare“. Trump fehlen im republikanisch dominierten Kongress die Mehrheiten für seine Vorschläge. Gleichzeitig scheitern rechtsextreme Parteien bei Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich, was den Optimismus in Europa befeuert. Das Blatt wendet sich, der Euro klettert langsam, aber kontinuierlich bis auf über 1,20 Dollar am 8. September.


So hätte es weitergehen können, doch im Herbst stoppt die Entwicklung. Europa schlittert erneut in politische Probleme: Die deutsche Bundestagswahl endet mit unsicherem Ausgang, die Krise um die katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen verschärft sich, – und Trump legt konkrete Pläne vor für eine Steuerreform in den USA. Der Euro sinkt, steht am 7. November wieder bei gut 1,15 Dollar.

Diese Herbstdelle ist nun vorbei. Aktuell kehrt der Euro zu seinem Aufwärtstrend von 2017 zurück, der Kurs von 1,20 Dollar aus dem Spätsommer gerät ins Blickfeld. Analysten machen vor allem zwei Gründe für das Erstarken der Gemeinschaftswährung aus.

Die US-amerikanischen Wirtschafsaussichten verdüstern sich

US-Präsident Donald Trump hat eine gutgehende Wirtschaft übernommen: Die Arbeitslosenquote liegt auf einem Rekordtief von 4,1 Prozent, es herrscht quasi Vollbeschäftigung. Die Frage, die die Märkte umtreibt ist aber, ob das so bleibt. Die Wirtschaftsaussichten fielen zuletzt durchwachsen aus, ein wichtiger Frühindikator sendete eine Hiobsbotschaft: Der ISM-Index für die Industrie hat sich spürbar eingetrübt, wenn auch auf hohem Niveau. Er gilt als verlässliche Richtschnur für die konjunkturelle Entwicklung der USA.

Dagegen kamen aus der Euro-Zone zuletzt überraschend starke Konjunkturdaten, die für neuen Auftrieb sorgten. Im Euroraum war die Stimmung in den Unternehmen im November etwa deutlich besser als erwartet. Der Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft erhöhte sich um 1,5 Punkte auf 57,5 Zähler und erreichte den höchsten Stand seit rund sechseinhalb Jahren. Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich verbesserten sich die Indikatoren von hohem Niveau aus, in Frankreich besonders stark.


Eine mögliche Abkühlung in den USA könnte die Marktteilnehmer kalt erwischen. Tobias Adrian, der Finanzchef des Internationalen Währungsfonds, hatte schon im Frühjahr gewarnt: „Die Märkte sind stark gestiegen und haben wachstumsfreundliche Reformen eingepreist. Aber das Risiko besteht, dass die Hoffnungen enttäuscht werden.“ Die Zweifel wachsen, ob US-Präsident Trump bei einer beginnenden Rezession erfolgreich gegensteuern kann. Er ist aufgrund einer Reihe an politischen Skandalen angeschlagen, im republikanischen Lager tobt ein Richtungsstreit. Dem rechten Parteiflügel ging etwa die Rücknahme von Obamas Reformen nicht weit genug, moderate Republikaner wollen Steuererleichterungen für Reiche eindämmen. Der Streit dürfte kaum einfach beizulegen sein.

Hinzu kommt eine weitere Frage, die den Dollar gegenüber dem Euro belastet: Welchen Weg wird der neue Chef der US-Zentralbank Fed, Jerome Powell, in der Geldpolitik einschlagen?



Geldpolitik auf der Suche nach sich selbst



Die Fed könnte vor weiteren Zinserhöhungen zurückschrecken

Heiß diskutiert wird das am Mittwochabend veröffentlichte Protokoll zur jüngsten Zinssitzung der US-Notenbank: Die Mitschrift wurde zwar als Bestätigung der Markterwartungen gedeutet, als klarer Hinweis auf eine weitere Zinsanhebung im Dezember. Allerdings zeigten sich mehrere Notenbanker besorgt über die im Vergleich zu früheren Aufschwungphasen schwache Inflation in den USA. Dies spricht für einen vorsichtigen Straffungskurs der Zentralbank mit im Zweifel weniger Zinsanhebungen, was den Dollar belastet und dem Euro im Gegenzug Auftrieb gibt.

Die Europäische Zentralbank verfolgt nach wie vor eine Politik des lockeren Geldes. Hier sind 2018 keine Richtungsänderungen mit starken Auswirkungen auf den Euro-Kurs zu erwarten.


Fed-Chefin Janet Yellen hatte die niedrige US-Inflation als „Rätsel“ bezeichnet. In den vergangenen Jahren habe es durch die Krise in Europa, den niedrigen Ölpreis und durch den starken Dollar immer temporäre Gründe für eine niedrige Inflation gegeben. Nun sei dies jedoch anders. „Wir müssen das weiter genau beobachten“, sagte Yellen, die im Februar aus der Fed ausscheiden wird, sobald ihr Nachfolger übernimmt.

„Die US-Währungshüter schließen sich peu à peu dem Lager an, das strukturelle, länger wirkende Faktoren hinter dem Mangel an Preisauftrieb vermutet“, schlussfolgert Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Die Analysten der Schweizer Großbank UBS prognostizieren bereits, dass die Fed nach ihrem erwarteten Zinsschritt im Dezember bis Juni 2018 keine weiteren Leitzinserhöhungen mehr ins Auge fasst, um weitere Daten zur Inflationsentwicklung auswerten zu können.

Es spricht zunächst also einiges dafür, dass der Dollar weiter schwächelt, der Euro seinen Aufwärtskurs fortsetzen könnte. Die Entwicklung des US-Dollar-Index, der den Wert des Greenbacks gegenüber den fünf größten Weltwährungen vergleicht, kennt seit knapp zwei Wochen nur eine Richtung: abwärts.


Klar ist aber auch: Ein Aufflammen der politischen Krisen in Europa könnten den Euro-Kurs über Nacht belasten. Der Chef der US-Großbank JP Morgan Chase hat sich bereits besorgt zum Scheitern der Jamaika-Sondierungsgespräche in Deutschland geäußert. „Die Tatsache, dass sich (Bundeskanzlerin Angela) Merkel in einer geschwächten Position befindet, ist schlecht für uns alle“, sagte Jamie Dimon am Mittwoch.

Für Firmen und Anleger in Deutschland ist die Aufwertung des Euros nicht nur eine Freude. Eine starke europäische Gemeinschaftswährung verteuert Exporte der Unternehmen und vermiest tendenziell die Kursentwicklung der exportstarken deutschen Werte.

Mit Material von dpa und Reuters.

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