Euro fällt erstmals seit 20 Jahren auf Parität zum Dollar

(Bloomberg) -- Der Euro hat in diesem Jahr einen rasanten und brutalen Einbruch erlitten. Jetzt hat er zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren eine wichtige Marke erreicht: die Parität zum Dollar.

Der Rückgang um 12% ist das Ergebnis vielfältiger Belastungen, vom Krieg in der Ukraine bis hin zu einer Energiekrise und dem Risiko, dass Russland seine Gasexporte einstellen und den Euroraum in eine Rezession treiben könnte. Hinzu kommen die sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zentralbanken im Kampf gegen die Inflation und ein gefragter Dollar. Einige Analysten meinen, die Parität ist möglicherweise nicht der Endpunkt, sondern lediglich ein Sprungbrett für weitere Schwäche.

Am Mittwoch ging es für den Euro um bis zu 0,4% nach unten auf einen Tiefstand von $0,9998. Die jüngste Abwärtsbewegung kam, nachdem sich die US-Inflation im Juni stärker als prognostiziert beschleunigt hatte, was Wetten auf Zinserhöhungen der Federal Reserve beflügelte. Um 15:10 Uhr notierte der Kurs wieder bei etwa 1,002 Dollar.

Die Abwärtsspirale wird bislang nicht von der Art Existenzzweifeln begleitet, die über dem Euro schwebten, als er in seinen Anfängen zu Beginn dieses Jahrhunderts abstürzte oder bei der Staatsschuldenkrise vor zehn Jahren.

Für Verbraucher in Europa ist das Problem, dass der schwache Euro die Inflation, die bereits außer Kontrolle geraten ist, weiter anheizt.

Die Abwertung erfolgte unglaublich schnell, wenn man bedenkt, dass der Euro im Februar noch bei fast 1,15 Dollar notierte. Das ist umso bemerkenswerter, da die Notenbanker der EZB noch vor nicht einmal zwei Jahren besorgt waren, ein übermäßig starker Euro könnte zu einem Unterschreiten der Inflationsrate führen. Heute ist die Welt eine ganz andere.

Einige Währungshüter haben bereits signalisiert, dass ihnen die Schwäche des Euro ein Dorn im Auge ist, insbesondere aufgrund der importierten Inflation. Am Mittwoch sagte Francois Villeroy de Galhau, die Zentralbank “beobachte” den Rückgang des Euro wegen seiner Auswirkungen auf die Verbraucherpreise.

Neben der doppelten Bedrohung durch Inflation und Rezession sieht sich die EZB auch mit dem Risiko konfrontiert, dass die Finanzierungskosten für Staatsanleihen zu weit auseinanderlaufen könnten, wenn sie ihre Konjunkturpolitik ändert. Nachdem die italienischen Renditen letzten Monat in die Höhe geschnellt waren, begann die Frankfurter Institution mit der Arbeit an einem Instrument, um den Ausbruch einer weiteren Schuldenkrise in der Region zu verhindern.

Der Abstieg des Euro in diesem Jahr ist nur ein Teil einer globalen Dollar-Dominanz. Der Greenback hat sich in diesem Jahr dank höherer US-Zinsen als Zufluchtsort etabliert, und es gibt Spekulationen, dass die Rally Geldpolitiker weltweit dazu veranlassen könnte, irgendwann einzugreifen, um ihn zu schwächen.

Bei einem Treffen am Dienstag in Tokio erklärten US-Finanzministerin Janet Yellen und Japans Finanzminister Shunichi Suzuki, dass volatile Wechselkurse ein Risiko darstellten und versprachen, sich zu beraten und “in Währungsfragen gegebenenfalls zusammenzuarbeiten”. Der Yen ist gegenüber dem Dollar auf den niedrigsten Stand seit 1998 gesunken.

Die Gemeinschaftswährung hat unterdessen aufgrund der Nähe Europas zum Ukraine-Krieg und seiner Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland besonders gelitten.

Auch die Geldpolitik ist eine treibende Kraft, da die EZB nur langsam zu der Art von aggressiver Straffung übergeht, die anderswo praktiziert wird. Gleichzeitig haben die zunehmenden Zinserhöhungen der Federal Reserve den Dollar in die Höhe getrieben und eine Zinsdifferenz geschaffen, die den Druck auf die Gemeinschaftswährung aufrechterhalten wird.

Jordan Rochester, Stratege bei Nomura International Plc, geht bereits von einem weiteren Rückgang auf 95 US-Cent aus. Die Citigroup sieht den Euro unter dieses Niveau fallen, wenn Russland seine Gasexporte nach Europa drosselt. Der Euro “bleibt in diesem Sommer praktisch unkaufbar”, sagte Kit Juckes von der Societe Generale SA Anfang des Monats.

Der Euro, der heute die Währung von 19 Ländern und rund 340 Millionen Menschen ist, hat seit seiner Einführung im Jahr 1999 viele Höhen und Tiefen erlebt. Ein Schwächeanfall in den Anfangstagen drückte die Währung unter 85 Cent gegenüber dem Dollar und führte zu Fragen über seine Lebensdauer und sogar zu düsteren Prognosen über seinen Untergang.

Damals sagte der erste Präsident der EZB, Wim Duisenberg, der Wechselkurs sei “kein Ziel”. Diese Aussage wurde von den Währungshütern auch bei späteren Schwächeanfällen oder Volatilitäten wiederholt.

Dennoch hielt dies die Zentralbank nicht davon ab, zusammen mit den USA, dem Vereinigten Königreich und anderen Ländern im Jahr 2000 überraschend zu intervenieren, um den Euro zu stützen.

Zwar könnte die EZB jetzt aggressivere Zinserhöhungen vornehmen, um den Euro zu stützen. Mit diesem Argument hatte Ratsmitglied Robert Holzmann für eine Anhebung um einen halben Punkt plädiert. Doch könnte ihre Handlungsfähigkeit durch die düsteren Wirtschaftsaussichten eingeschränkt werden. In einer Bloomberg-Umfrage in diesem Monat schätzten die Ökonomen das Risiko einer Rezession im Euroraum auf 45% - im Juni lag der Wert noch bei 30%.

“Zweifelsohne wird die EZB durch diese Kursbewegung ziemlich beunruhigt sein, vor allem, wenn sie sich zu einer ‘verkauft die Eurozone’-Haltung ausweitet”, so die Strategen der ING Groep NV unter Leitung von Chris Turner. “Angesichts des Risikos einer Rezession und der Tatsache, dass der Euro eine prozyklische Währung ist, könnten der EZB die Hände gebunden sein, auch wenn sie mit aggressiveren Zinserhöhungen zur Verteidigung des Euro droht.”

Überschrift des Artikels im Original:

Euro Drops to Dollar Parity for First Time in Two Decades (1)

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