Euro bekommt Rezessionsgefahr zu spüren; Italien steht im Fokus

(Bloomberg) -- Mit der drohenden Rezession im Euroraum bleibt der Euro unter Druck, auch nachdem er sich etwas erholt hat vom Sturz auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten.

Die Drosselung der russischen Gaslieferungen gefährdet besonders die deutsche Industrie. Credit Suisse sieht eine 50-prozentige Chance, dass der Euroraum in den nächsten sechs Monaten in die Rezession abrutscht. Goldman Sachs sagt, das könnte bereits jetzt der Fall sein.

Druck auf den Euro bringen zudem die politischen Verwerfungen in Italien. Angesichts des Rücktritts von Ministerpräsident Mario Draghi hat S&P Global Ratings den Ausblick für die Bonität des Landes gesenkt. Die Angst vor einem Austritt Italiens aus dem Euro wird zwar als sehr gering eingeschätzt, macht sich aber dennoch am Markt für Kreditausfall-Swaps bemerkbar.

Am 14. Juli fiel der Wechselkurs des Euro unter die Parität zum Dollar. Kurzzeitig war Europas Gemeinschaftswährung schon für 99,52 Dollar-Cent zu haben. JPMorgan Chase und Rabobank gehen davon aus, dass der Euro angesichts der Energiekrise auf bis zu 0,95 Dollar fallen wird. Am Optionsmarkt wird die Wahrscheinlichkeit eines Kursrückgangs auf die Parität bis zum Jahresende bei etwa 70% gepreist. Die Bloomberg-Konsensprognose für das Jahresende liegt bei 1,06 Dollar je Euro.

Trotz aller Negativität ist indessen kaum die Rede davon, dass die Region auf eine weitere existenzielle Krise zusteuert, wie sie vor einem Jahrzehnt herrschte, als hohe Schuldenstände und steigende Anleiherenditen zu Spekulationen führten, der Euroraum könnte auseinanderbrechen. Damals hatte Draghi - als Präsident der Europäischen Zentralbank - gelobt, “alles Nötige” zu tun, um die Währung zu schützen. Das Euro-Tief des Jahres 2012 lag bei 1,20 Dollar.

Im Vergleich zu damals hat die EZB dieser Tage schneller gehandelt, um die Märkte zu beruhigen. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone wird heute kaum noch befürchtet.

“In mancher Hinsicht ist die Situation schlimmer als vor 10 Jahren, in anderer weniger schlimm”, erklärt Themos Fiotakis, Global Head of FX & EM Macro Strategy bei Barclays Plc. “Für die Integrität des Euro als Währung wiegt das Problem weniger schwer. Aber wirtschaftlich könnte sich das Wachstum als ein größeres Problem erweisen als damals.”

Ein Großteil der Abwertung des Euro hängt mit dem schlechten konjunkturellen Hintergrund zusammen, der durch eine Mischung aus verlangsamtem Wachstum und steigender Inflation gekennzeichnet ist. Am Freitag zeigten Daten, dass die Konjunktur in Deutschland - Europas größter Volkswirtschaft - stagnierte, während die Inflation im Euroraum mit 8,9% überraschend einen neuen Rekordwert erreichte.

Hinzu kommt die Divergenz in der Geldpolitik. Die EZB hat die Zinsen vorletzten Woche zwar um 50 Basispunkte angehoben. Im bisherigen Gesamtjahr hat die US-Notenbank ihre Leitzinsen jedoch bereits mehr als viermal so stark erhöht, nach einer weiteren Erhöhung um 75 Basispunkte letzten Mittwoch.

“Heute ist Inflation das Hauptrisiko”, erklärte Nicolas Forest, Chef des Bereichs Festverzinsliche bei Candriam. “Die wichtigste Botschaft war, wie die EZB die Situation normalisieren kann, ohne eine Schuldenkrise auszulösen. Jetzt geht es darum, etwas zu vermeiden, nicht darum, etwas zu reparieren.”

In Italien stehen im September Wahlen an. In den Umfragen liegt derzeit ein Rechtsbündnis vorn. Die Favoritin für die Draghi-Nachfolge als Regierungschefin, Giorgia Meloni, will jedoch an den Haushaltsregeln der Europäischen Union festhalten, wie aus informierten Kreisen zu hören ist.

Investoren halten es für unwahrscheinlich, dass Italien seine Zusagen nicht einhält und den Zugang zu EU-Mitteln in Höhe von rund 200 Milliarden Euro gefährdet.

Der Gründer des Makro-Hedgefonds EDL, Edouard de Langlade, hält indessen ein Auseinanderbrechen des Euroraums für möglich. Er sieht das Kursziel für den Euro bei 0,80 Dollar.

Überschrift des Artikels im Original:

The Euro Feels the Pressure as Economy Tips Toward Recession

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